Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 5 (1.2.1867)
- Date
- 1867-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Die Gegrrnwart. wird. — Was mich heute veranlaßt auf diesen Gegenstand zurückzukommen ist hauptsächlich eilte praktische Betrachtung, welche der sehr gründliche, von unserem Mitbürger, dem Abgeordneten Lent auSgearbeitete Commissionsbericht in mir anregte, und die ich zur' weitern Erwägung hier auSzusprrchen mir gestatten, möchte. — Au» der Untersuchung, welcher die Commission die verschiedenen BerwaltungSresiottS hinsichtlich ihrer Auslegung und Ausführung der VerfaffungSbestimmungen unterwarf, ist kein Ministerium so unschuldig und fleckenrein hcrvorgegangen wie das de» Innern. Daffelbe war in der glücklichen Lage die ErNärung abgeben zu können: „es sei eine Aenderung uLben Grundsätzen, welche der frühere Minister Graf Schwerin auMtellt habe, nicht eingetreten und es sei keine Beschwerde über Zurückweisung eineS Juden bekannt geworden." — Die Commission war deshalb übereinstimmend der Ansicht, daß diese ErNärung als eine dem Rechtsstande völlig entsprechende zu erachten, und da in den Pttitionen keine entgegen stehende Thatsachen angeführt seien, für die Commission auch keine Veranlagung vorliege, in dieser Beziehung irgend welche Anträge an die StaatSregiernng zu stellen. „Die Thatsachc" — fügt der CommissionSbericht bedeutsam hinzu — „daß Juden in staatlichen Berw altugSämtern seither nicht an ge stellt seien, wurde allerseits üls richtig anerkannt; in eine Erforschung der Ursachen dieser Erscheinung einzugehen, liegt für die Commission keine Veranlassung vor." — Sollte aber nicht für uns selbst, die wir^än den Kampf für unser Recht nie ermüden dürfen, eine dringende Beranlasiung vorhanden sein, den Ursachen dieser frappanten Erscheinung nachzusorschen? Leider-liegen dieselben nahe genug; und wenn die Commission des Abgeordnetenhauses stillschweigend über sie hinweg-' ging, so wollte sie uns im Grunde nur eine wohlverdiente Bc schämung ersparen. Oder gereicht eS uns etwa zum Lobe, daß, während wir seit Jahren die wohlbefestigten Pforten dcS Justiz« departementö bestürmen, um durch dieselben in den Staatsdienst einzndringcn, nicht nur eine unbewachte Bresche, sondern ein regelmäßiger Eingang in die Ringmauern einladend offen steht, ohne daß wir uns bequemen oder daran denken diesen Weg eiuzuschlagen? — Wie soll man sich» wohl erklären, daß von den zahlreichen jüdischen RechtSbcflissenen, so weit uns bekannt, nur eine geringe Anzahl zur VerwaltungScarridre übergetreten, und auf Beförderung und Anstellung im Staats- und höher» Criminal« dienst hinstrebte? — Biel zahlreicher und mannigfacher, als im Justizdienst, sind die Gelegenheiten zur Bewährung bedeutender Talente ans dem Gebiete der politische», finanziellen und wirthscbaftlichen Verwaltung, in den Ressorts der Minister dcS Innern, der Finanzen und des Handels. Es ist eine Pflicht für uns, die StaatSregierung so zu sagen, beim Wort zu nehmen, und sie auS dem Gebiet der theoretischen Anerkennung auf daS der'praktischen Erfüllung hinüberzuziehen. In gewiffem Sinne ist die Ehre unsres Kampfes für die heilige Sache dafür engagirt, daß eö uns Ernst ist mit der Hingebung an den Staat und seine Aufgaben und daß wir auch die mühevollen und im Anfang weniger lohnenden Bahnen zu VcrwaltungS-Aemtern zu betreten uns nicht scheuen. Der geringste Vorwurf, der uns träfe, wäre, daß cS unö mehr um den Principienstteit als um die Sache selbst zu thun sei, und daß wir da, wo daS Princip concedirt wird, in den alten Indifferen« tismus gegen die'AufgabrnIdeS Staats verfallen. — Für das organische Eindrintzen des EmancipationSgedankenS in Fleisch und Blut der Nation, für die Erzeugung eines wahrhaft lebendigen und fruchtbringenden Bewußtsein» politischer und socialer Gleichheit bedeutet ei» einziger prakttscher Fall mehr als ganze Bände throrettlcher DiScussionen. — Darum wirke Jever in seinem Kreise dahin, daß hie Zulaffung der Juden zu Staatsämtern in den BerwaltungSreffortS zu einer verbreitetes Wahrheit werde! — Bnkarest^lS. Januar. Unter den Antworten, welche der Fürst am Reujahrütage auf die verschiedenen Gratulationen erlheilt, nimmt wohl die der Deputation der israelitischen Gemeinde ertheilte Versicherung den ersten Platz ein, nach welcher in Zukunft der israelitische Cultu» in Rumänien dieselbe Duldung finden soll, welche ihm in den übrigen civilisirten Staaten zu Theil wird. In Beziehung auf den Fortschritt und die Organisation des Lande» ist der gute Wille eines Einzelnen wohl nicht genügend, dagegen kann dev Wille des Fürsten allerdings Bürgschaft dafür leisten, daß so schmachvolle Ereigniffe, wie die Judenverfolgung deS letzten Sommer» und die Zerstörung unsrer Synagoge, in Zukunft nicht wieder Vorkommen, Er kann Bürgschaft leisten, daß Tausende von Staatsbürgern nicht mehr für ihr Leben und Eigenthum zu zittern brauchen. Diese Bürgschaft aber muß dadurch verstärkt werden, daß die israelitischen Staatsbürger in Zukunft von dem Gesetz geschützt werden und daß es unmöglich gemacht wird, nach Belieben eine neue Jndenhetze zu veranstalten. Bis jetzt haben die im Juni v. I. mißhandelten Israeliten weder durch Bestrafung der Schulditzen eine Genugthüung erhalten, noch ist ihnen für die Zerstörung > ihres Tempels von Seiten des Staates ein Schadenersatz geleistet worden, und wenn der Fürst ihnen nicht vor kurzem aus seiner eigenen Tasche einen Vorschuß gewährt hätte, so wäre nach Verlauf von mehr als sechs Monaten die hiesige Judengemeinde nicht einmal in der Lage, mit Wiederherstellung ihres Gotteshauses auch nur beginnen zu können. Heinrich Heine und das Iudenthum. (Fortsetzung zu S. 2v.) Die Ablehnung des klassischen JndifferentiSmuS, der Auffaffllng der Kunst als eines Selbstzweckes, spricht sich bei Heine nicht etwa bloS vorübergehend oder bei einer bedeutungslosen Gelegenheit auS: sie bildet den Ausgangspunkt für seine Beurtheilung der Göthe'schen Dichtung. In Göthe schien ja jener homerische, naive Sinn wieder lebendig geworden zu sein, den Schiller so treffend zeichnet, den er aber mit seinem regen geschichtlichen Gewiffen und seinem. vorwiegenden Eifer für das spezifisch Menschliche nicht vereinigen konnte. „Wenn Schiller sich ganz in die Geschichte stürzt, sich für die gesellschaftlichen Fortschritte der Menschheit enthu« siaSmirt und die Weltgeschichte besingt, so versenkt sich Göthe mehr in die individuellen Gefühle, oder in die Kunst, oder in die Natur. '. . . Sein JndifferentiSmuS war ebenfalls ein Resultat seiner pa nt Heistisch en Weltansicht." Dagegen nun legt Heine die entschiedenste Verwahrung in den Worten ein, mit denen wir unsre letzte Bettachtung geschlossen haben. „Da ist eben der Jrrthum: Alle» ist nicht Gott, aber Gott ist Alles." In der Gesammtheit, der Unendlichkeit aller Erscheinungen glaubte der Pantheist Hein» seinen Gott, der je nach dem Grade der Dinge in jedem einzelnen in verschiedenem Grade sich manifestirt. Wo ist den» aber der Maß st ab, mit dem die Dinge nach ihrem Grade gemessen werden? Woran können wir denn „den höheren Grad der Göttlichkeit erkennen, den zu erlangen, jede» Ding den Drang in sich ttägt?" Nach welchem Princip wird jenes „große Gesetz deS Fortschritt« in der Natur" erkannt? ^Jst nicht die Materie ebenwürdig?. Göthe sah die Dinge — wenn man seine Grundrichtung, in ihren wesentlichsten Zügen überschaut — nicht von dem Standorte werthschätzender Ideen >