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Die Gegenwart · 1867-02-01 · 5 (1.2.1867) · p. Seite 35

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
5 (1.2.1867)
Date
1867-02-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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Ocrfiaa Wochenschrift f-r I-disch« ftugelt-enhettm. 3b f Unternehmer de- Vergnügens eine Menge von Brochürchen vertheilt, deren eine auch wir in die Hand bekamen. Es war eine Lobrede, um nicht zu sagm Lobhudelei, auf den „edlen Stifter", die in den überschwänglichsten Ausdrücken abgefaßt ist. Wie wir hören, sind die Beschädigungen am Synagogeninventar nicht bedeutend, dagegen sollen vielen Personen die Kleider beschädigt, ja manchen förmlich vom Leibe gerissen worden sein.— Wir glauben, jede Hchnerkung ist hier überflüssig. 8. —d. Berlin. Der menschliche Organismus wird oft von Parasiten bewohnt, die sich auf Kosten de- WirtheS gütlich thun, den Witth aber in dem Maße herunterbringen, als sie selber in chrem schmarotzerhaften Dasein zunehmen. Die menschliche Gesellschaft ist ebenso oft in ihrer Existenz durch Schmarotzer bedroht; sie gedeihen recht üppig in dem großen Bauche der gut« müthigen Thörin „Gesellschaft," aber richten sie langsam doch sicher zu .Grunde, sie zerfteffen den gesunden Bodm um so gründlicher, je heimlicher sie ihr Zerstörungswerk beginnen. Sie eröffnen ganz regelrecht ihre Laufgräben, beginnen ganz nach Art der Taktiker ihre Parallelen — und ist der Festungskommandeur nicht stets auf seiner Hut, dann wird die Burg ohne Zweifel erobert. Auf die Parasiten im menschlichen Organismus haben die Aerzte von jeher ein scharfe- Augenmerk gkhabt und in den meisten Fällen ist eS auch gelungen, diese Thiere und Thierchen unschädlich zu machen. Ganz anderist eS mit den Parasiten der menschlichen Gesellschaft. Diese wird fort und fvrt von ihnen angegriffen, sie begnügen sich nicht mehr im Dunkeln zu wühlen, nein, sicher gemacht durch die Arglosigkeit der Gesellschaft treten sie auder Heimlichkeit heraus und treiben ohne Scheu ihr saubere- Beginnen vor Aller Augen, im hellsten Tageslichte. Dem muß ein Ziel und Ende gesetzt werden und daso energisch als möglich. Die Preffe ist so ein Arzt für die menschliche Gesellschaft und sie ist verpflichtet, solchen offenkundigen Schäden abzuhelfen. Solche Parasiten aber, von denen die menschliche Gesellschaft da- Meiste zu erdulden hat sind vor allem: Heuchelei und Servili-mu-, Dieser Gedanke drängte sich mir auf. als wir am vergangenen Sonntag in die neue Synagoge gingen, um der Trauung mehrerer Paare beizuwohnen, die auf Kosten der „Friedrich-Wilhelm« Bictoria-LandeS-Stiftung" auSgestattet wurden. Der weite Raum war überfüllt von Menschen, die eine« Schauspielseltener Art zu harren schienen. Auf allen Gesichtern war der Ausdruck der höchsten Erwartung und Spannung zulesen, da endlich erschienen sie, die Jungftauen mit ihren Verlobten — die auserkorenen Opfer satanischer Humanität, die als „noch nie dagewesene" Reklame für ein Stück Geld ihre Armuth zur Schau geben mußten. Man braucht nicht zu den sogenannten „feinfühligen" Naturen zu gehören, um die stärkste Indignation vor solchem Gebahren zu empfinden! Wenn man die heiligsten Gefühle der Menschen so in den Koth gezogen, wenn man mit den edelsten Regnngen so ftivoken Spott treiben, wenn man mit der Tugend und der Wohlthätigkeit Geschäfte machen sieht, dann ist eernste Pflicht, da- Schweigen über solche- Thun-und Treiben zu brechen, dann ist es hohe Zeit —der Heuchelei ihre verführerische Larve herunterzureißen und der Oeffentlichkeit das wahre Antlitz zu enthüllen. Einige Tage vor dieser „solennen Staat-action" war in allen großen Berliner Tagesblättern dieselbe dem Publikum angekündigt; man ging auch zu dem Rabbiner Hrn. Dr. Aub und versicherte ihm „NW, würde sich an maßgebender Stelle dafür - verwenden, daß diesem „edlen Bestreben" auch die gebührende - Anerkennung zu Theil werden sollte, man übersandte ferner dem Synagogenkastellan eine große Anzahl von Exemplaren einer Fest' rede, zur Vertheilung an daversammelte Publikum — und als dem Unterkastellan verboten wurde, die Dinge zu vertheilen,— so nahm man den Vertrieb selber in die Hände. Eine schöne «rt wohlthätig za sein, da-k Wozu der Lärm, fragt Mephisto? Doch nicht um Eommission«rath zu Verden? Oder ist dalinke Knopfloch noch etwa zu vergeben? Anch wir waren so glücklich, ein Exemplar von der erwähnten „Festrede" zv erhalten; sie ist vom Hrn. Pred. vr. Land-« berger am 22. März 1865 gehalten auf „vielseitige» verlangen von dem Cnratorium der Fr.»Wilhelm-Bict.«Lande-.Stiftung herau-gegeben, zum Besten der genannten Stiftung." — Sonderbar ist nur hierbei der Umstand, daß diese „Festrede" grati« verabfolgt wurde. Wa» aber enthält diese- „unsterbliche Werk" für schöne Dinge? Man höre und staune, wie man ander» sich da» „Staunen" noch nicht abgewöhnt haben sollte. Auf Seite 4 steht wörtlich: „Eist ein wo hl berechn et er Zug der Pietät de- Präsidenten der Fr.-Wilhelm.Bict.-LandeS'Stiftung, de» König!. Hoflieferanten Hrn. Adolf Behren», den feierlichen Act, dm die Stiftung alljährlich begeht, auf den heutigen Tag zu verlegen, er will in seiner anerkannten Liebe zur Menschheit, auch seinem Könige und Herrn seine Liebe zeigen und sein warmes Herz, indem er undie Gelegenheit bietet, mit einem so schönen Feste der Humanität, auch da» Geburtsfest de- LandeSvater» feierlich begehen zu können, und wie man in der Feier, eine» jeden FesteS entweder neue Bündniffe schließt oder die Bande alter Bündniffe enger und fester zusammenzieht, so will auch er eS thun mit der heutigen Feier, er will zu den mächtigen Banden die heut Volk und König umschlingen, ein treue- Bayd der Liebe hinzufügen; er will der Stiftung, die er so^edel geschaffen und so beharrlich getragen bis in den heutigen Tag hinein, die alten Freunde erhalten und will neue Freunde ihr erwerben." — Noch ein Pröbchen. Seite 7: Es waren die ersten sieben Aehrm, die dem Körnlein entsproffen da» der wackere Säemann Hr. Behren» in da» Herz der fühlenden Menschheit hineinsenkt, bisher nur noch die dürftigen und mageren und e» werden den neuen Spröß« lingen kräftigere Jahre de» Segens entsteigen und eS wird Ueber« fluß die Speicher füllen, die jetzt noch nicht befähigt sind. Allen zu geben, die da haben wolle». — Daö walte Gott. Amen. Im Schlußgebet S. 11, finden sich — bittere Ironie auf die Menschheit! — folgende Worte: „Gieb aher auch, Allgerechter droben,,daß Recht und Wahrheit allein den Königlichen Thron umgeben und daß Heuchelei und Falschheit sich seinen geheiligten Stufen niemals nahen." — Diese Worte sprechen genug für sich — sie könnten Steine erweichen. % Breslau, 25. Januar. Die von der ,;G egen wart" bereitbesprochenen Debatten de« Abgeordnetenhauses über die verfassungsmäßige Stellung der Juden in Preußen aus Anlaß der Sutro-Philippson'schen Petitionen haben zwar, wie sich in einer so hundertfach abgesprochenen Frage nicht ander« erwarten läßt, keine neum Gesichtspunkte, weder für noch gegen die Sache der Jude», zu Tage gefördert. Gleichwohl ist c» als ein erheblicher Gewinn zu betrachten, daß durch die erneuerte Diskussion vor den Augen de« Lande», der centrale Kernpunkt deS in der Verfaffung zum Ausdruck gelangten Gedankens der vollständigen politischen und bürgerlichen Rechtsgleichheit, aus-dem Dunstkreise künstlicher Interpretationen sich immer klarer für da» allgemeine Volksbewußtsein herausarbeitet, so daß jetzt eigentlich nur noch die beiden Departements de» KujtuS und der Justiz von einem blaffen färb- und inhaltslosen Nebelstreif eingehüllt sind, welchen der erste ftische Morgenwind gewißlich für immer zerstreuen 6'

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