Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 5 (1.2.1867)
- Date
- 1867-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Zwischeoinstanz bewahrt zwischen sich ttnb (Sbtt im Himmel und auf Erden, vor Mittlerthmn und Hierarchie. So war'« immer und so soll e« auch mit Gotte« Hülfe bleiben. Natürlich mit dem Unterschiede, daß die Aeußerungen dieser Unmittelbarkeit sich stet« nach dem Standpunkte der allgemeinen Kultur und de« herrschenden Geschmacks modificirl haben und fernerhin modificireu werden, dergestalt, daß gemeinsame« Geschrei und gemein« samer Gesang nur Modifikationen sind für/die Lautwerdung de« Triebe« zur Selbstthätigkeit. Von diesem Charakter der Sh> nogoge werden wir un« nie entfernen dürfen, nie entfernen können. Wie steht e« nun in dieser Hinsicht um die neue Synagoge? Wie werden die zu Gebote stehenden Mittel zur Förderung der Mitthätigkeit der Gemeinde benutzt und wirksam angewendet? Alle Welt weiß, daß. hierüber bitter Klage geführt wird. Alle Welt weiß, daß die Gemeinde zu einer niederdrückenden Unthätigkeit und Passivität verurtheilt ist, der durch Anarchie sich zu entwinden sie zu anständig ist, und der durch ange« mesiene, geschickte, aueinem kräftigen Princip kommende Veranstaltungen zu begegnen alle« Nöthige und Erforderliche verabsäumt wird. Ist da« nun aber nicht Sache der Gemeinde selbst, thätig und mitwirkend aufzutreten in mächtigem. Alle« überwältigendem Gemeinde«Gesang? Mitnichten! Unvorbereitet, ungeübt, ohne angemesienen Gesangsstoff und ohne zweckmäßige Einhülfe für die Gesangform, kann sich wohl ein Gemeinde-Geschrei, nicht aber ein Gemeinde-Gesang hören laffen. Die Sache liegt sehr im Argen und sie wird dadurch erheblich schlimmer, daß nachgerade da« häufige gleichzeitige, all* zuhart cymmandirte Aufstehen und Sichsetzen, al« die wesentlichste gemeinsame Synagogen-Action, anfängt beschwerlich und veräußerlichend zu werden. Ile quid nimis, allzuscharf macht schartig; die« in Betreff de« letzten Punkte«. Jeder Billige wird dem großen und erfreulichen Fortschritte zustimmen muffen, den die innere CultqS-Gestaltung nach mancher principiellen Seite hin in der neuen Synagoge erfahren. Jeder Unpartheiische wird den Gemeinde-Behörden und Beamten, die mit diesen neuen Eiurichtungen zu schaffen haben, Eifer und Theil- »ahme nachrühmen müssen. Allein die richtigen Mittel zur Lebendigmachung de« beabsichtigten Gottesdienste« sind noch nicht in Thätigkeit, noch nicht einmal unterwegs. Zwischen diesen Mitteln und dem Zwecke, dem sie dienen sollen, zwischen dem Ausgangspunkte und dem beabsichtigten Ziele schwebt ein trübender Flor, ein den klaren Blick verdunkelnder Giebel. Dieser Flor muß zerriffen, dieser Nebel muß zerstreut werden, sonst wird'S nimmer Heller Tag. Die architektonische Herrlichkeit de« neuen Gotteshauses hat Manchem an maßgebender Stelle die Verführung zugeflüstert: diese« Hau« sei ei» Kunstinstitut. Wir sagen: zugeflüstert, dklm laut und vernehmlich wird sich da« kein Vernünftiger sagen lassen, weil'« widersinnig wäre; aber leise und flüsterhaft hat Mancher in seiner Seele etwa« davon läuten hören und erst leise und dann lauter, seine. Einrichtungen danach getroffen und — den Standpunkt des Gotteshauses verrückt und die Aufgabe der Synagoge vom Ziele abgelenkt. — Und so weilen wir denn inmitten dcS herrlichen Kunstwerks und da« Auge wird nicht satt vom Sehen und da« Ohr nicht müde de« Hören« .... und wir — stehen auf und setzen un« nieder! — Al« der neue Gottesdienst in seinem musikalischen Theile eingerichtet werden sollte, hatte der Schreiber dieser Zeilen Gelegenheit, eine lange Reche ihm wichtig, scheinender Fragen an geeigneter Steve'zur Sprache zu bringen und er schloß seinen damaligen von Herzen kommenden Wunschzettel mit den Worten: Allm hier zu Tage getretenen Fragen und Untersuchungm liegt der Hauptgedanke zu Grunde: Aufhebung der Gemeinde-Passivität im GptteShause und Erzielung einer Gesammtactiou — soweit nur immer möglich — Seitens der Gemeinde. Als wirksamste Mittel zur Erreichung diese« Ziele« müffen sich Einfachheit und Würde verbinden. Wobei sich Alle betheiligen sollen, da« muß einfach sein. Wa« auf Alle wirken soll, daß muß würdig sein. Summa: Alle« für Alle! — Sammlung und Andacht, nicht Zerstreuung und Virtuosität! — Die seit jener Zeit gemachten Erfahrungen, empfehlen diefe« Programm um so dringender. Der Freitag-Abend-GotteSdieust entfernt sich von demselben am meisten, so daß der von der Kanzel laut gewordene Vorwurf durchaus und vollauf begründet ist. Die gegenwärtige Auslastung ist von redlicher Theilnahme für die gute Sache eingegeben worden. Die Anknüpfung an allgemeinere Gesichtspunkte hat zum Zweck, Vorhandenefortzuent« wickeln. Mangelhafte« zu verbeffern. Dazu mögen sich alle Freunde de- Guten und Wahren — mit Abweisung jede« eiteln Selbstgenügen« — in Hingebung und Unbefangenheit verbinden? Berlin, den 29. Januar. Am vergangenen Sonnabend war in mehreren hiesigen Zeitungen folgende Notiz zu lesen: „Am Sonntag den 27. d. M. Nachmittags 3 Uhr werden in der neuen Synagoge Oranienburgerstraße No. 30 au« einer milden Stiftung jüdische Brautpaare vom würdigen Rabbiner Dr. Aub ehelich eingesegnet. Der Tempel fl>ird glänzend beleuchtet und findet die Feier bei vorzüglichem Chor« und Sologesang mit Orgelbegleitung statt. Der Zutritt steht' dem Publikum offen, und dürfte Bielen Gelegenheit g eg ob kn sein, hierdurch daö Innere des Tempels kennen zu lernen." Diese pomphafte und deklamatorische Ankündigung, deren Stil sonst nur bei Einladungen in gewiffe bekannte Vergnügungslokale angewendet wird, hatte offenbar den Zweck, eine möglichst große Menschenmenge zu der erwähnten Feierlichkeit zusammenzulocken. Wie man erfuhr, verhält es sich mit der „Stiftung"' folgendermaßen. Ein hiesiger, durch Verschiedenenicht unbekannter Geschäftsmann vertheilt jährlich an einige arme Brautpaare je 25 Thaler und einige Gebetbücher. Bermuthlich aus Bescheidenheit und Uneigennützigkeit hat er für diesen Act mäßiger und unübertriebener Wohlthätigkeit eine eigenthümliche Form gewählt. Er macht eine Stiftung, die er natürlich selbst verwaltet, verschafft sich für dieselbe die persönliche Protection Sr. Maj. de« König« und giebt derselben den lakonischen Titel: Friedrich-Wilhelm-Bictoria-LandeS- und Prinz Karl von Preußen JubiläumS-Stiftung. Dies nun war die milde Stiftung. In der That wurde der Zweck der obigen Ankündigung vollständig erreicht. Eine ungeheure Menschenmenge drängte sich um die so präciS angegebne Zeit in die Hallen des Gotteshauses, und bald entstand ein so gräulicher Spektakel, daß er sich kaum beschreiben läßt. Die in den unteren Raum dicht zusammengedrängte Menge (eS Vvarer wohl 2000 Menschen da) stieg aus die Bänke, Biele sangen und pfiffen, einige riefen: „Musicke, Musicke!" und dgl. Mehrere Personen wurden im Gedränge ohnmächtig und ein Mann wurde so verletzt, daß er weggefahren werden mußte. Schließlich wuchs der Tumult dermaßen, daß die Polizei den Tempel räumen mußte. — Während de« ganzen Vorgänge« wurde von Seiten der