Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 4 (25.1.1867)
- Date
- 1867-01-25
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 Die Qkgttiroort genommen hat und darum auch tiefer in da» ganze Eulturleben eingreist und die sociale Wunde der Gesellschaft klaffender, schmerzlicher macht. Wie eifrig ringt die griechische Philosophie mit jenem widerftreitigen Gedankenpaar, da» wir Geist und Materie nennen und da» bei ihnen Luft und Schmerz heißt! Wie sehr bemühen sich die alten Denker Jahrhunderte hindurch, den Gegensatz zwischen dem Vernunft-Gedanken und der leidenschaftlichen Begierde auSzusöhnen! Auch die Griechen haben ihre Ethik, und wo die Ethik anfängt, hat die Unschuld aufgehört! Da» ist also ein historischer Jrrthum, daß solche Anschauungen, wie wir sie al» die wesentlichen Elemente de« Hei ne'sch en Hellenismus erkannt haben, wirklich hellenisch wären; weder den Glauben an den Fortschritt der Menschheit, noch den an die Gleichberechtigung aller Menschen zu allen irdischen Genüssen, noch den an die Ebenwürdigkeit der Materie und deren Forderungen darf man hellenisch nennen. Alle drei Gedanken sind in der modernen Bedeutting dem ganzen Alterthum fremd. Erst durch die Entwicklung de» Monotheismus, der selbst wieder in vielfachen, geschichtlich bedingten Ausschreitungen au» der normalen Bahn von seiner folgerechten Richtung abweichen mußte, ist diese Anschauungsweisemöglich geworden, die deiz Katechismus der modernen Religion bildet, und die die Edleren 'unter allen Confessionen in der ihrigen zu finden glauben. Wollten wir nun den Pantheismus, in dem diese Lehre den consequenten Ausdruck gefnnden hat, därstcllen, so müßten wir ihn nach seinen historischen Voraussetzungen aus dem Monotheismus herauSent» wickeln. Da wir aber Heine'S 'Judenthum aus seinem pantheistischem Zuge erklären zu müssen glauben, so ist der umgekehrte Weg einzuschlagen. Ehe wir jedoch die inneren Beziehungen des Heine'schen Pantheismus mit dem Judenthum darlegen, wollen wir vorerst aufzeigen, wie der sogenannte HelleniSmnS Heine'S fein Pantheismus ist. „Gott ist . identisch mit der Welt. Er manifcstirt sich in den Pflanzen, die ohne Bewußtsein ein kosmisch magnetisches Leben führen. Er nianifestirt-sich in den Thieren, die in ihrem sinnlichen Traumleben eine mehr oder minder dumpfe Existenz empfinden. Aber am herrlichsten manifestirt er sich in dem Menschen, der zugleich fühlt und denkt, der sich selbst individuell zu unterscheiden weiß von der objektiven Natur, und schon in seiner Vernunft die Ideen trägt, die sich ihm in der Erscheinungswelt kund geben. Im Menschen koinmt die Gottheit zum Sclbstbewußtscin, und solches Celbstbcwußtsein offenbart sie wieder durch den Menschen. Aber diese« geschieht nicht in dem einzelnen und durch den einzelnen Mensche», sondern in und durch die Gesammtheit der Menschen; so daß jeder Mensch nur einen Thcil dcö Gott-Welt-AllS auffaßt und darstellt, alle Menschen zusammen aber paS ganze Gott-Wekt-All, in der Idee und in der Realität auffassen und darstellen werden." So ist also daS Erste, was er im Pantheismus sieht, die Verherrlichung der Menschen. Denn diese hohe Auffassung vom Wesen der Menschen macht ja erst da» hohe Streben möglich, daS der Mensch haben soll, wo immer und unter welchen socialen Verhältnissen immer geboren,^ jenes Streben, das von dem Glauben an den Fortschritt der Menschheit zu glücklicheren Zuständen unterhalten wird. Da muß edenn erfreulich sein für Alle, die bei einem hervorragendem Geiste lieber dem Lichtfluge seines Gedankens folgen als den finsteren Spuren seiner persönlichen Schwächen und Leidenschaften, wenn man sieht, daß Heine auS dem Pantheismus nicht die Materialisirung der hohen Ideale, die wir göttlich zu nennen pflegen, deuten mochte, fondem die Vergöttlichung der Materie dte Erhebung insonder« de» Menschen insofern er auf der letzten Sprosse der Stufenleiter endlicher Wesen steht, zur Sendung und zum Wirken für die Menschheit im Pantheismus erkennt. „Es ist eine irrige Meinung, daß diese Religion, der PancheiSmu«, die Menschen zum JndifferentiSmu» führe. Im Gegentheil, da» Bewußtsein seiner Göttlichkeit wird den Menschen zur Kundgebung derselben begeiste^ und jetzt erst werden die wahren Großthaten deS wahren Heroenthums diese Erde verherrlichen." / So predigt Heine selbst seinen Glauben an den Fortschritt der Menschheit mit den pantheistischen Gedanken, ja oft mit dm Worten Spinoza'». Und wie das erste Element seines scheinbaren Hellenismus von Heine selbst als pantheistisch bezeichnet wird, so entwickelt er auch die beiden anderen Elemente aus der pantheistischen Anschauungsweise heraus. Die gleiche Berechtigung aller. Menschen geht ihm zwar zusammen mit der „Rehabilitation der Materie, der Wiedereinsetzung derselben in ihre Würde, ihrer moralischen Anerkennung, ihrer religiösen Heiligung", aber er bleibt nicht bei dem naiven Bewußtsein heS Ineinander« lebenS von Geist und Materie stehen, sondern er sucht die große Weltzerrissenheit zu heilen, er geht von der Anerkennung deS logischen Unterschiede« auS und sucht ihn physiologisch aufzuheben. „Wir befördern daS Wohlsein der Materie, da» materielle Glück der Völker, nicht weil wir gleich den Materialisten dem Geist mißachten, sondern weil wir wissen, daß die Göttlichkeit deS Menschen sich auch in seiner leiblichen Erscheinung kund giebt, und daö Elend den Leib, daS Bild Gottes, zerstört oder avilirt und der Geist dadurch ebenfalls zu Grunde geht. DaS große Wort der Revolution, daS Saint Just ausgesprochen: le pain est le droit du peuple, lautet bei un»: le pain est Je droit divin de liiomme. Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte deS Volkes, sondern für die GotteSrechte de« Menschen." So vertieft sich unter dem Einfluß de« spinozistischen Denken», in dem „Walde vom himmelhohen Gedanken" der socialistische Gedanke von der Gleichberechtigung aller Stände, zum kosmopolitischen von der Gleichheit aller Völker, ja sogar zum metaphy. -fischen von der Göttlichkeit aller Menschen! Wenn er sich aber an dieser Stelle damit begnügt, gegen den Vorwurf der Mißachtpng de« Geistes sich zu verwahren, so spricht er an einem anderen Orte eine Ansicht aus, die ganz entschieden un hellenisch ist, ulid von Jedem, der auch nur den klassischen-Geist au« unser» nationalen Classikern kennen gelernt hat, al» unhellenisch erkannt werden wird. Was sind wir mehr gewöhnt klassisch zu nennen, als jene ~fo unleidliche und doch so imponirende Auffassung, der ein geringer Stein, ein einfache«, unbedeutende« Naturding würdig genug erscheint im Liede gefeiert zu werden? Ist das nicht der Gedanke von der Ebenwürdigkeit der Materie? Und hat nicht Heine selbst die gleiche Würdigkeit aller Fordernngen der Materie ausgesprochen: Der heilige Gott, er ist im Licht Wie in den Finsternissen; Und Gott ist Alle«, wa» da ist, Er ist in unseren Küssen. In der ruhigen prosaischen Erwägung lehnt er aber alle Conse« quenz jenes GedankeS entschieden ab. „ES ist leider wahr, wir müssen e« eingestehen, nicht selten hat der PancheiSmuS die Menschen zu Jndifferentisten gemacht. Sie dachten, wenn Alle» Gott ist, so mag eö gleichgültig fein, womit man sich beschäftigt, ob mit Wolken, oder mit anttken Gemmen, ob mit Volksliedern oder mit Affenknochen, ob mit Menschen oder mit Eomödianten. Aber