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Die Gegenwart · 1867-01-18 · 3 (18.1.1867) · p. Seite 22

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
3 (18.1.1867)
Date
1867-01-18
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 Die Orfluirart JndifferentiSmu« hervorgegangen. Heinrich Heine ist ein Kind de» romantisches- Geiste«. Auch er wurde berauscht von dem sinnbefangenden Duft jener blauen Blume, die damal« in Deutschland gepflegt und von dem wässerigsten Pietismus begossen wurde. Er hat den . tollen Spuck mitgemacht, und feine Phantasie in allen Zauberwäldern umhertrollen lassen, al« ' wäre oller wahre und feste GrMp der modernen Menschheit unt^r den Füßen entwichen. Aber wo die befehdetsten Gedantenburgen sich zu einem phantastischen Bau übereinanderthürmten, wo eine Philosophie, hervorgegaitgen an« der schroffsten Kritik nicht nur alle« Bestehenden, sondern alle« Gedachten, alle« Denkbaren, zur Rechtfertigung der gegensätzlichsten Theorie» sich herbeilassen konnte, da hat Heine dennoch den Glauben an ein Ideal, nach dem wir ringen, nicht aufgrgebe.n Wenn Schlegel den Geschichtsschreiber einen „ruckschauenden Propheten" nennt, so nennt Heine sich mit Vorliebe eine» „Tribunen" und „Apostel." „Ein^ener Glaube bcseelt^un« und eine Leidenschaft, von welcher die Schriftsteller der früheren Periode keine Ahnung hatten. G« ist diese« der Glaube an den Fortschritt, ein Glaube, der au« dem Wissen entsprang. Wir haben da« tfatifc gemessen, die Ratnrkräfte gewogen, die Mitteler Industrie berechnet, und siehe wir haben auSgefnnden: daß diese Erde groß genug ist, daß sie Jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seine« Glücke« darauf zn bauen, daß diese Erbe un« Alle anständig ernähren kann, wenn wir Alle arbeiten und nicht Einer auf Koste» de« Andern ssbcn will; und daß wir nicht nöthig haben, die größere und ärmere Clgsse auf den Himmel zu verweisen." Dieser Glaube an den Fortschritt der Menschheit, an die gleiche Berechtigung Aller zu irdischer Glückseligkeit hat er treu bewahrt in feinem Herzen, er ist seine Wahrheit. In diesem Glauben hat .er sich selbst über die Romantik erhoben, und von diesem Gesichtspunkte au« dieselbe treffend bcurtheilt und gerecht verurtheilt. , „WaS war aber die romantische Schule in Deutschland? Sie war nicht« Andere«, al« die Wiedererweckung der Poesie de« Mittelalter«, wie sie sich in dessen Liedern, Bild- und Banwerke», in Kunst und Leben manifestirt hatte. Diese Poesie war aber an« dem Ehristenthnine hervorgegangcn. Weil er nun al« da« ursprünglichste Princip de« Christenthum« die Abtödtung de« Fleische«, den abstrakten Spiritualismus betrachtete, so wollte er die unnatürliche Romantik, diese „nendenssch-religiös-patriotische Kunst", für immer vernichtet wissen. „Ich spreche von jener Religion, in deren ersten Dogmen eine Berdammniß alle« Fleische« enthalten ist, und die dem Geiste nicht blo« eine Obermacht über da« Fleisch zugesteht, sondern auch diese« abtödten will, um den Geist zu verherrlichen; ich spreche von jener Religion, durch deren unnatürliche Aufgabe ganz eigentlich die Sünde und die Hhvokrisie in der . Welt gekommen, indem eben durch die Verdainmniß de« Fleische«, die unschuldigsten Sinnensreuden eine Sünde geworden, und durch Unmöglichkeit ganz Geist zu sein dik Hhpokrisie sich anSbilden mußte; ich spreche von jener Religion, die ebenfalls durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller irdischen Güter, von der auferlegten Hundedemuth und Engel«. ' geduld, die erprobteste Stütze de« Despotismus geworden." Dabei ist er keineswegs durch nationale oder Coterie-Vorurtheile so beschränkt, die große welthistorische Bedeutung dieser christlichen Weltanschauung zu verkennen, er weiß, wie »othwendig sie war „als eine heilsame Reaction gegen den grauenhaft colossalen MaterialiSmu«, der sich im römischen Reich entfaltet hatte, und alle geistige Herrlichkeit de« Menschen zu vernichten drohte." Aber wa« die junge germanische Welt zu cultnr-geschichtlichem Leben erweckte, wgS al« nothwendige« Extrem der sittlichen Erschlaffung entgegenwirken sollte, der Hella« bereit« erlegen war, und die Rom entnervte, da« empfand Heine al« geschichtlich überlebt und absetzbar in einer Zeit, in der man weiß, „daß auch die Materie ihr Gute« hat und nicht ganz de« Teufel« ist." Da« ist sein Hellenismus, der Glaube an die Ebenwürdigkeit der Materie. E« ist wahr, er wird oft von dem romantischen Taumel ergriffen, dieser Göttin aflzü einseitig zu opfern, — wa« mindesten« nicht, pantheistisch ist — aber man bedenke den Einfluß der Zeit, die empfindliche Reizbarkeit seiner Natur und den Glauben, den er an seine Mission hatte, die Wiedereinsetzung der Materie zu predigen! Wo er in maßloser Ueberschreitnng den Kultus der Sinnlichkeit feiert, da theilt er da« Schicksal der meisten großen Geister, die die Welt in neue Bahnen lenken wollten; er rollt über da« eigene ursprünglich erstrebte Ziel hinaus. Reue Lehren brechen sich immer in.Extravaganzen Bahn. Große zeitdewegende Ideen müssen immer daö Maß absoluter Wahrheit »beischreiten, weil zwar da« Maßvolle in der Geschichte, als Resultat gefaßt, waltet, die formirenden Mächte der Geschichte aber immer in gewaltsamen Stößen über das ursprüngliche Ziel hinauswirken. So hat auch Heide, der als einer der viele» Apostel für die modernen Idee» gelten darf, oft die Ziele dnrch extreme Ueberschreitnng verfehlt; aber was jenem Gedanken an innerer Wahrheit, an fruchtbarer Kraft für die Förderung der Menschheit zu Grunde liegt, das hat er mit nie verlorner Begeisterung geglaubt, daS war und blieb das Streben seiner Seele. Daß sich nun diese Art von Helleniömu«, dieser ernste Glaube an den Fortschritt dye Menschheit und an die Gleichberechtigung aller Menschen zu allen irdischen Genüssen, mit einer ernsten Weltanschauung verträgt, braucht nicht näher dargelegt zu werden. (Fortsetzung folgt.) » . Kiterarischcr Wochrnbrricht. Otto Stobbe: Die Juden in Deutschland während de« Mittelalters, in politischer, socialer und rechtlicher Beziehung. (Braunschweig, 1866.) Keine andere weltgeschichtliche Epoche bietet für die Betrachtung eine buntere Mannigfaltigkeit der elementaren Grundlagen von Volk und Staat, und ein reichere« Spiel der Contraste in dem daö WachSthum und die Entwickluiig des poli>isch>°socialen Lebens beherrschenden Gesetze dar, als da« deutsche Mittelalter. An« einer Fülle von Besonderheiten und auö einem ununterbrochenen Kampfe von Gegensätze» gestaltete sich die im niagischen Helldunkel schillernde Erscheinungswelt jener tausendjährigen Epoche zu einem phantastischen Riescuba», in dessen historische Trümmer wir noch heute halb, mit Bewunderung, halb mit Grauen eintreten. Auf einem von dem Fuße der Alpen bi« zn den Küsten zweier Meere sich erstreckendenden gegensätzlichen Einfluß verschiedenartiger Raturbeschaffenheit auf Lebensweise u»d Charakter der Einwohner bedingenden Boden, sehen wir drei verwandte Urstämme sich fcstsetzen, deren schon von Tacitn« bemerkte Grundverschiedenheit noch heutzutage in dem unverwischbaren Gegensatz der fränkischen, sächsischen'und suevischen BolkSeigenthümlichkeit fortlebt. Dem rohen, reckenhaften, aber durch eine seltene Ge« müthStiefe und einen sinnig-poetischen Naturcultu« gebändigten Germanen, wird alSdann, al« vollkommene« Widerlpiel seine« Grnndwesen«, der ascetische Spiritualismus und BekehrungSesser der römisch , orientalischen Kirche eingeimpft, die mit jenem Wesen zu einer wunderbaren Mischung von rührender Einfalt de« Herzen« und bigottem Fanatismus verwachsen. Unter der Herrschaft

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