Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 3 (18.1.1867)
- Date
- 1867-01-18
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434116--040-4889922- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
21 tkrliner Wochenschrift ftr Jüdische Angüegmheitea. dir kaiserliche Bestätigung nicht erhallen. ES ist diefür unsere Glaubensgenossen jedenfalls ein Bortheil, denn in diesen Statuten war unter Anderem festgesetzt, daß die städtischen Güter ausschließlich Eigenthum der chrisllichen Bevölkerung seien, und daß unter hundert Stadverordneten nur zwanzig Juden sein dürften, obwohl bekanntlich die Einwohnerzahl Lemberg» zur Hälfte au» Juden besteht.' (Frank. MonatSschr.) Prsth. Dem „Ben Ehananjah" schreibt man: Mit her- 'anbrechendem Winter mehrte sich auch die Zahl wohlthätiger Handlungen, die wir mit Beftiedigung registriren. So wurde in den letzten Wochen eine Sammlung zur Bekleidung armer Schulkinder eingeleitet, die zu einem schönen Ergebniß führte; die Der» theilung der Bekleidungsstücke an die armen Kleinen findet nächsten- Statt. Dieser Tage wurde zu Gunsten de- J-raelitenspitalS im deutschen Theater eine Vorstellung gegeben, die bei vollem Hause einen reinen Nutzen von 1100 fl. ergab. Bei dieser Gelegenheit erwähnen wir auch, daß im hiesigen Armenkinderspitale, wie wir dem Jahresberichte desselben entnehme», im Laufe de» verflossenen JahreS 1866 jüdische Kinder unentgeldlich verpflegt wurden; derselbe Bericht erwähnt auch des rühmenSwerthen Bemühens der Frau Emilie Ullmann, welche Dame allein 100 ordentliche Mitglieder für das Spital warb. Der verstorbene Prediger Dr. Jos. Bach hat, wie wir erfahren, in seinem Testamente ein ftommeS Legat gestiftet. Am 29. d. beginnen die beliebten Vorlesungen des JSraclita maghar eghlet. Den Reigen eröffnet Herr. Heinrich Deutsch mit einem Vortrage über LhassidiSmuS. Vierzehn Tage darauf felgt die Vorlesung de« Herrn Paul Tenczer über die Epochen der ungarischen Sprache, l)r. Kohn'S Vorlesungen über jüdische Literatur werden jeden zweiten Samstag ebenfalls in den Lokalitäten de« Eghlet abgehalten werde», so daß jede Woche abwechselnd ein pepukär-wiffenschaftlicher und ein Vortrag vr. Koh'nS folgt. Wir erwähnen an dieser Stelle auch, daß sich unter den Studirenden des Breslauer Rabbiner-Seminars ein kleiner ungarffcher Lese- Verein gebildet hat, dem das Präsidium des Maghar eghlet an 50 ungarische Werke zum Geschenk gemacht hat- Spauieu. Bis jetzt war es in Spanien den Juden nicht gestattet, einen eigenen Friedhof anzulcgen, und erst vor Kurzem mußten die sterblichen Reste einer zu Diadrid verstorbenen Israelitin nach Paris zur Bestattung gebracht werden. Augenblicklich werden nun Versuche gemacht, die Regierung zu bewegen, daß sie wenigstens die Anlegung eines jüdischen Friedhofes in der Nähe von Madrid gestatte, und man erwartet daß dieselbe trotz ihrer Abneigung, in religiösen Dingen irgend eine Concession zu machen, in diesem Punkte dennoch nachgeben werde. (Fr. Bk.) .Heinrich Heine und das Iudrnthum. (Fortsetzung zu S. 14.) Heine, wird man sagen, war ein Pantheist? Der frivole Heine, dem Nichts heilig war im Himmel und auf Erden, ded absolute Thunichtgut aller Kritiker in den Journalen und Büchern wie im Salon und am Theetisch, bei Männern und bei Frauen? Heine, der sich so entschieden als Hellenen bekannt, und den Üultus der Sinnlichkeit, der Genuvseligkeit mit solcher Begeisterung gepredigt hat, soll in seiner Anschauung vom Leben und vom Zwecke de- Menschen«Dasein- Verwandtschaft haben mit dem keuschen, sittenstrengen Spinoza, der allen Freuden dieser Welt entsagen und zum Bewußtsein der Allgöttlichkeil sich erheben konnte. „Ihn durchdrang, wie Schleiermacher sagt, -der hoh»-Weltgeist; da- Unendliche war sein Anfang und sein Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich in der ewigen Welt." Wie ander» Heine l Ja keckem Liede und in nicht verschämter Prosa feiert er die Umkehr dekategorischen Imperativ«: die eigene zügellose Maxime soll heilige- Gesetz für Alle werden. Wenn Spinoza sagt, der Mensch könne im natürlichen Zustande uicht der Tugend gemäß, nach Leitung der Vernunft'handeln, so anerkennt Heine nur da» natürliche Gefühl in seiner nackten Begier. Was ist ihm Tugend, wenn ihn fein wilde- Herz hinreißt zu den Kindern der Lust? Was bedeutet ihm „die Leitung der Vernunft," wenn sein sprühender Witz jähen Fluge» über die alten Trümmer verfallener Gedankenbauten dahinfährt, und sie in ihrer windigen Hohlheit ausflackern läßt". Da» ist Alles wahr und richtig. Und ebenso richtig ist eS auch, daß nicht Alleverfallen und abgelebt war was Heine theila so schien, theils so scheinen mußte. Wer aber darum glauben wollte, Heine habe überhaupt nicht de» raschen Witz zum ernsten Gedanken vertieft, er sei.au» dem beständigen Schwanken zwischen extremen Empfiudungoweisen nie herausgekommen, und werde von keinem Ideal getragen, der begeht einen schweren Jrrthum. Wenn man einen Mann erkennen will, der sich in der Literatur einen Namen erworben, zumal einen großen im ganzen deutsche» Land, dann muß man vor der ruhigen Prüfung deliterarischcn Befundes, vor dem sachlichen Uriheil die persönliche Neigung oder Abneigung und wäre sie auch sittlicher Natur, zurncktreten lassen. , Ein historischer Eharakter will historisch erfaßt sein, d. h. aus dem Gesammtleben seiner Zeit. Nu» war aber die Zeit, in der Heine (empfangend und gebend) lebte, schwankend, wie er selbst. Die großen politischen und wiffcnschaftlichen Bewegungen waren mehr alö heute einem irgend befriedigenden Abschluß fern. In mächtigem Drange brachen die kühnste» Theorien in der Wissenschaft und der Politik hervor, prallten aber von der harten Mauer der socialen Traditionen ab und drohten zu zerschellen. In einer kurzen Spanne Zeit wechseln die extremsten Staatoformen einander ablösend auf dem Schauplatz, der Geschichte. Derselbe Rundgang wiederholt sich in der Philosophie, die von der radikalsten Kritik zur loyalen Verständigung mit alten Formen des Gedankens in Staat und Kirche übergeht. Der Rückschlag auf die Poesie konnte nicht auöbleibeu. Gegenüber der vorschauendcn Classik, die »ach besseren, erst zu schassenden, Zuständen hinstrebte, wuchert aus dem zwiegesäctcn Boden dieser Cnlturepoche die rückschauende Romantik hervor, die sich aus den Wirren dieser Welt zurücksehnt in die naive Zeit des Glaubensund der Minne. Kann aber dieses Gefühl in so reifer Zeit ein aufrichtige« sein? Kann eS mehr als eine innere Berechtigung haben, insofern eS aus einem wirklich gefühlten Bedürfniß hervorgeht? Kann man den Glauben wollen, wo das Denken erschöpft ist, ohne da» Räthsel de- Lebens gelöst zu haben? Kann Man die Minne wollen, wo die freieren Zustände und eine weniger gebundene WirkungSsähigkeit der Stände und Geschlechter die socialen Mißstände nicht verhüten, über die man gerade klagt? Die negative Seite allein, da« Bedürfniß nach einem Besserrn, giebt der Romantik ihre innere Wahrheit. Weil sie aber diese- Bessere trüglicher Weise in einen« Entschwundenen suchte,, und in phantastischen Träumereien sich selbst täuschte, darum hat sie auch Trug au« sich geboren. „Aus der Lüge kann kein Leben erblühen, und Gott kann nicht gerettet werden durch den Teufel." Aus der Romantik heraus ist die Frivolität in den Beziehungen der Geschlechter, der wissen schaftliche SkepticiSmuS und der religiöse \