Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 2 (11.1.1867)
- Date
- 1867-01-11
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Wochenschrift ffir Jüdisch« Aogelegeuhritm. 13 Einhorn hat, wie man steht, an Tiefe der Anschauung wie an Frische und Lebendigkeit der Darstellung Nichteingebüßt, er ist noch der rüstige and wackere Kämpfer, der er ehedem in Deutsch« land gewesen und, wenn nicht Alles» trügt, so find seine Worte hier auch nicht auf steinigen Boden gefallen. Man fäiigt über di« Begründung eine- Theologen-Bildung-«Institut» und einer Borunterricht-anstalt nachzudenkeu an, und per Gegenstand wird schon in verschiedenen Kreisen ernstlich besprochen. Auf diesean sich genügend interessante Factum hätte ich eigentlich meinen Bericht beschränken können, allein ich glaubte doch durch eine cheilweise Reproduction der Worte Einhorn», die mir übrigenauch auf die Berliner Verhältnisse nicht unzutreffend erscheinen, dem Leser,einen ttefern Einblick in die amerikanisch-jüdischen Zustände gewähren zu müffen. Vielleicht bin ich in meinem nächsten Briefe schon im Stande, Ihnen über die Resultate der von Einhorn geschehenen Anregung berichten zu können. Heinrich Heine und da» Iudenthum. (Fortsetzung zu S. 6.) Worin die Verwandtschaft liegt zwischen dem Propheten des Pantheismus mit dem deS Monotheismus, zwischen Spinoza und MoseS, wie nahe von Natur die gedankliche Verbindung ist zwischen der ursprünglichen Form des Gottesglaubens im MosaiSmuS und dem entwickelten, mit weiteren und volleren*) Vorstellungen bereicherten Pantheismus — dies wollen wir, soweit e« in diesen Blättern gestattet scheint, zu zeigen versuchen. Freilich in unserer gelehrten Zeit, die in dem Lauf der Geschichte die Haltepunkte nach unwiderruflichen historischen Signalen festsetzt, sind die Epochen so fest und starr geworden, daß man kaum auf vereinzelte Zustimmung.hoffen darf, wenn man es wagt, zwei durch weite Zeiträume getrennte Geschichtsbilder als von Natur ähnlich, aus derselben künstlerischen Auffüllung hervorgcgangen, darzustellen. Und doch zeigt eine tiefere Analyse, die wir an dem beiderfettigen historischem Colorit vornehmen, dieselben Farben, nur ungleich gemischt, in beiden Welmemälden, und wenn wir sie auS ihrer Erstarrung lösen, so schen wir die feindlichen Farben schwesterlich in einander fließen. WaS ist denn daS innerlichste seelische Motiv für jenen wunderbaren Glauben, den MoseS in deu Schooß der Zeiten gelegt hat? Dgs lange gefühlte Bedürfniß und die aus demselben aslmählich hervorgereifte Fähigkeit, das Ganze, waS den Menschen umgab, waS seine Sinne faffen konnten, die Natur in chrem beständigen Wechsel, in ihrer ewigen Wandelung, mtt ihren einander selbst erschaffenden und vernichtenden Geschöpfen, diese ganze große Natur mit allen ihren vielgestaltigen Erscheinungen zusammen- .׳zufassen, zusammenzuschauen in Einer Einzigen Vor-' stellung. .Diese Vorstellung, herausgearbeitet auS den alten polytheistischen Mythen, fast noch ganz von dem Inhalte der mythischen Göttervorstellungen erfüllt, hatte vorerst nur da» eine Moment dem alten Inhalt angcsetzt, daß die auf dem kosmischen Hintergründe nebelhaft hervortauchenden Göttergestalten in Eine.Einzige Riesengottheit zusammenschretten, daß die vielen Götter, die man \ als die verschiedenen Ursachen der verschiedenen Erscheinungen ansah, nur Eine Gottheit seien, die alleinige Ursache von allen Sachen. Aber welch reicher, wenn auch noch zusammengewickelter Inhalt ist mtt dieser einen Bestimmung gegeben! Alexander׳ von Humboldt sagt in seiner Beurtheilung der hebräischen Porste (Ko-mo- II. S. 46—49): ״Eist ein charakteristische» Kennzeichen der Ratmpoesie der Hebräer, daß, al» Reflex de- Mouochei»mu-, sie stetda- G anze de» Weltallin seiner Einheit ^umfaßt,' sowohl da» Erdenleben al« die leuchtenden Himmel-? räume. Sie weilt seltener bei dem Einzelnen der Erscheinung, sondern erfreut sich der Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert alein für sich Bestehende», durch eigene Schönheit Verherrlichte-; dem hebräischen Sänger erscheint sie immer in Beziehung auf eine höher waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffene», AugeordneteS, ver lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gotte» in den Werken der Sinnenwelt." In dieser Allgemeinheit der Anschauung, in dieser Zusammenfaffung aller Welterscheinungen in Eine Einzige Natur liegt der letzte Grund für den großen Inhalt, den nunmehr die Vorstellung ״Gott" durch die monotheistische Faffung erhält, nach der ״Gott" ein Geist ist. Weil eben die ganze Erscheinungswelt für die Darstellung der Götterwesen ausgebraucht war, der idealisirte Mensch ebenso wie daleblose-Gestein an die Eine unvergleichbare Gottheit nicht heranzureichen schien, so war man damit nethwendigerweise zur Einsicht gedrängt, daß die Sinnenwelt durchaus unvermögend, weil unzureichend sei, die Eine Gottheit, die hinter der ganzen Sinnenwelt dunkel liegt, darzustellcn, daß alle Plastik den großen Gottesgedanken nicht anschaulich machen könne, weil er seiner Natur nach nicht anschaulich ist: ה׳ אמר לשכן בערפל Könige I., 8, 12. ״Jahve hat geredet, zu wohnen im Dunkel." Die Kunst, bat Jemand gesagt, ist die Ironie des Uebersinnlicheu. Der monotheisttsche Gott aber, der jüdische Gedanke vom Uebersinnlichen, hat durch seine feierliche Großheit und seine unnahbare Erhabenheit jede Ironie unmöglich gemacht. Denn Ironie ist nur in solchen Zetten und bei solchen Menschen möglich, die über den allgemeinen Stand der Bildung und Gesittung hinaus, dem Idealen sich gewachsen fühlen. So ist So krat e« der Meister in dieser großen Kunst, sich klein zu machen. So mag sich wohl anch, wie- Plutarch schon gefühlt hat. nianchkr späte Mitdichter an der Sammlung der homerischen Gesänge sein steptischeS Müthchen gekühlt haben, indem er die kleinlichen Götter des Volksglaubens in ihrer ehelichen Eifersucht und ihrem menschlichem Hader im VolkSliede bloßstellte. Hier sehen die göttlichen Urbilder ihren menschlichen Ebenbildern, oder richtiger die göttlichen Abbilder den menschlichen Urbildern so ähnlich, sie handeln und leiden, sie denken und fühlen so ganz wie . diese, daß man in früher Zeit schon auf den Verdacht kommen konnte, die Dichter und Künstler haben den Griechen ihre Götter gegeben. Sie sind Fleisch von ihrem Fleische, sie wohnen ans den sonnigen Höhen ihres Landes und wandeln, wo die Menschen, das will sag en die Griechen, ihrer bedürfen, unler ihnen, in ihren Hainen, laden begnadete Menschen zu ihren Mahlen und erhebe,, sie zu den fatalen Genossen ihres Raths. Anders der Gott der Hebräer. Siehe.-, die Himmel und der Himmel Himmel können ihn nicht fassen. Die Erde ist der Schemel seiner Füße. Er-hüllt sich in Licht, wie in ein Gewand, spannt den Himmel aus, wie einen Teppich. Was ist da der Mensch, daß du sein denkestl Die Vorstellung von einem solchen Gott ist so mächtig, nimmt so das ganze Bewußtsein in seiner Weite und Tiefe ein, daß für den Menschen, für die ganze Welt kaum Raum bleibt. Denn diejenige Vorstellung wird in unserem Geiste immer als die höhere, frühere gedacht, die die dunklere ist. Wo wir den Wechsel der Ereignisse nicht mehr begreifen, da sagen wir: da« ist Bestimmung. Diese Vorstellung ist vollkommen dunkel, aber sic wird dennoch so mächtjg gedacht, daß sie höher steht. *) Ob richtigeren, ist hier nicht zu erkrtern.