Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 1 (4.1.1867)
- Date
- 1867-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Berliner Wochpschrift für JRdfich« Ängelegenheiteo. > « boten fet<״ (s. seine Briefe an Mose- Moser) in der Hofstmng eine Advocatur zu erlangen, nach Beendigung ^ner acvdemischen Studien geflüchtet hat. »1. 2B?nn wir nun hier in diesen Blättern den Versuch machen wollen, die inneren Beziehungen aufzuzrigen, die Heilte mit dem Judenthum verknüpfen, nicht nur mit dessen äußeren Fahnenzeichen in dem zweitausendjaAigen Kampfe gegen sociale Bedrückung Ond religiöse Vergewaltigung, sondern sogar und hauptsächlich mit den tieferen Grundanschauungen de- JudenthumS von Gott und Welt, von Menschen und Menschenfchicksal, so verwahren wir unS im Voraus dagegen, als bemühten wir unS, in solcher (ent» schuldbaren)' Parteitendenz de» zweideutigen Nachweis zu Stande zu bringen, daß Heinrich Heine, der chatsächlich als Jude geboren und erzogen worden ist und in Berlin spater mit den Männern der jüdischen Intelligenz viel und innig verkehrt hat, nicht nur in Bluts-, sondern in ausschließender GeisteS-Verwandtschast mit den Propheten des alten Bundes stehe, und daß seine philosophischen und religiösen Ansichten in Zusammenhang mit den biblischen und talmudischen Lehren zu bringen seien. Es gicbt nämlich eine gewisse J Geschichtsbetrachtung, die einen solchen Zusammenhang, wenn er local 1 und zeitlich nahe liegt, ohne Weiteres voraussetzt. Bon diesem ' Bestteben wissen wir unS frei, und wer den Betrachtungen zu folgen Lust hat, die wir, beständig gedeckt von den eigenen Heine'« scheu Worten,, die in ihrer gedanklichen Verbindung und wissen» schaftlicheu Stimmung herangezogen werden sollen, in dieser Zeit« schrift anstellen wollen, wird sich durchaus überzeugen, daß wir eine solche, theils ausschließliche, theils beständige Abhängigkeit de« Hcine'scheit Geistes von den jüdischen Gedankenkreisen keineswegs annehmen. Wir sind aber der nachweisbaren Ansicht, daß unter den vielen Culturelementen, die sich in Heine zur Bildung ^seines Geistes und seines Charakters vereinigt habcn^ der jüdische Gedanke bedeutsame »nd nachhaltige Anregungen gebotsn habe, deren Heine niemals entrathen ist, und die ihn in den \ verschiedensten Zeiten feines au Thaten und Verirrungen reichen Lebens mit unverkennbarem Enthusiasmus, man kann sagen, mit religiösem Eifer theils zu ernsten, in philosophischem Tone gehaltcncn Essays, theils zu bittcrmüthigcm, verzweiflungSspäßigem Hohne ausgereizt haben. Dies allein, nicht mehr und nicht weniger, soll hier gezeigt werden. Denn wie es ungerechtfertigt ist, leichten (Kaufes die Berbindung loSzngebe», die die jüdische Litteratur und das jüdische Leben im Fühlen und im Denken mit diesem großen Menschen hat, so unrichtig und vergeblich wäre cs, in Heine den reinen Juden entpuppen zu wollen. In unserer Zeit — und streng genommen war es zu jeder Zeit so, wo eine noch so gefügige Wissenschaft neben der religiösen. Erziehung des PolkeS bescheiden einherging — kann eilte religiöse Gcdankenform, selbst die weitsinnigste und entwicklungsfähigste, den geistigen Horizont nicht begrenzen: vo1r" allen Seiten des Eulturlcben» dringen die erleuchtenden Strahlen auf den ckioderne» Menschen ein und sammeln, sich in seinem Geiste zu wirksamen Reflexen. Aber» unter deu vielen an^rxn ׳ Culturmittel»,. die unsere Gesalnmtbilduiig bedingen, ist das religiöse Element noch immer von großer Tragkraft, die wir bei den verschiedensten Aeußermigcn des forschenden wie des wirkenden Geistes prüfen und abschätzcn müssen, wenn wir uns über die inneren Motive und deMGcsinnungöwerth der menschlichen Handlungen klar werden wolMs. Wir geben u»S der Hoffnung hin, daß diese Erwägungen^ so allgemein sie gehalten sind, dennoch die Bor-Annahme cingänglic/ machen werden, daß Heine, in jüdischem Hause erzogen und von edlen'für die Sache des JudenthumS begeisterten Gelehrten in den Geist der jüdischen Litteratur eingeführt, bei der zarten Erregbar» seiner feinfühligen Natur für die großen Eombinationen ia Geschichte der Wissenschaft Und de- BölkerlebenS. bei der mrbestreitbaren Fähigkeit seine- Herzenfür tiefen Schmerz und ernstes Mitleid, bei der^ großen Anlage seine- Geiste-!um ״gottbegnadeten" Dichter, in dem Judenthum Berührungspunkte finden mußte, die er entweder fern zu haltm und zu bekämpfen, oder an sich heranzuziehen und auSzubzlden, mit denen er sich irgendwie abzufinden hatte. Solche natürliche Voraussetzungen hat man' nicht eingesehen, und darum die innere Verwandtschaft-nicht be-, griffen, die sowohl Heine, als Spinoza mit dem Judenthum haben. ״Diesen großen Genius" — wie er Spinoza, gegenüber Kant, nennt, dem er in jenem poetischen Sinne da- Genie abspricht — diesen ״providentiellen Mann" feiert er mit dem erhabensten Lobe, das durch kein übermüthigeS Wort herabgestimmt wird, fast wie den Einen, den er in allen seinen Schriften in den verschiedensten Lebensjahren und LcbenSstimmungen mit anbetender Bewunderung nennt: den Mann MoseS. ״Bei der Lektüre des Spinoza ergreift unö ein Gefühl, wie beim Anblick der großen Natur in ihrer lebendigsten׳ Ruhe. Ein Wald von himmelhohen Ge« danken, deren blühende Wipfel in wogender Bewegung sind, während die unerschütterlichen Baumstämme in der ewigen Erde wur« zeln. ES ist ein gewisser Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich. Man wird migewcht, wie von den Lüften der Zukunft. Der Geist der hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel." In die Einzclnheiten des großen Systems. daS den unsterblichen Namen Spinoza'S trägt, geht er nicht eii:, wohl aber beschreibt er die allgemeine Bedeutung des spinozistischen Gedankenfür den Entwicklungsgang.der Menschheit, wie kr meist ein tiefe- Gefühl und ein ahnungsvolles Schauen offenbart, wo er kulturhistorische Fcrnsichten cröffnete. So fühlt er, ohne dieses Gefühl in klare Börstel» llingen zu zerlegen, in der Natur und dem Streben despi» nozistischen Denkens die GeisteSebendürtigkeit mit den alten Dich» tern und Denkern des monotheistischen Glaubens. e. (Fortsetzung folgt.) Vrirswechsct über Iud rnthum und Iudenheit in der Gegenwart. Erster Brief. Aus Süddeutschland im Decmibcr 1866. י בחדש טבח הו״כר לפ׳ק Lieber Freund! ״ בי[ המצריםZwischen den Bedräng, nissen", nennen die Rabbinen die 21 Tage von dem 17. ThamuS bis zum 9. Ab, d. i. von dem Tage der Einnahinc Jerusalem» bis zu dem der Tempelzerstörung. Um diese alte, wo nicht vcr» altete Trauerzcit (אבלות ישבה) wollte ich schon Ihrem Wunsche Nachkommen, die auf meiner Reise gesammelten Erfahrungen über das Leben und Streben in dem retigiös-jüdischen Bereiche Jhpcn schriftlich mitzutheilen. Es war nicht möglich; denn unser drut» scheS Vaterland seufzte damals auch ״zwischen den Bedräng« niffcn" eine- Bruderkrieges. Während eiueö solchen Kampfes ver» stummen, wie die Gesetze — silent leges inter nrroa —, so die Korrespondenzen, zumal wenn, wie die« der Fall war, der Post» weg gehemmt ist. Seitdem aber dje Waffen ruhen, bewegen sich wieder die Federn — die meinige zu Ihnen. Wie Sie wissen, mein Bester, besuche ich seit einigen Iah« ren auf meinen Erholungsreisen auch die Taunusbäder, und zwar in der Regel während der erwähnten drei Wochen ״zwischen den Bedrängnissen." Ort und Zeit sind da daS ergiebigste Feld zur 11)T)iner• J?ER1 s >