Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 1 (4.1.1867)
- Date
- 1867-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Dir dtgaroctt ^/BrrSlau autgcbilbrtcn und gegenwärtig hier eine sogenannte StiftSgelehrtenstclle beneidenden vr. M. Landsberg aus Hildes« heim von Seiten de- Herrn General-GpuverneurS die Befreiung von dem Militärdienste wenigsten!» in Aussicht gestellt worden. Schon zweimal sollte» hier preußische Soldaten jüdischen Glaubens einen Eid mors judaico, wie er hier längst abgeschafft ist, schwören und beide Male war der Landrabbiner von der Behörde aufgefordert worden, der Eidesleistung beizuwohnen und die in Preußen übliche Eidesvermahnung zu ertheilcn. 'Nachdem nun die Behörde das erste Mal der Borstellung des LandrabbinerS, welcher seine Assistenz mit dem Hinweise auf die Thatsache, daß hier zu Lande schon seit vielen Jahren der Eid wors judm-o nicht mehr stattsinde, abgelehnt hatte, nachgegeben, glaubteman nicht, daß dieselbe Anforderung an den Landrabbincr auf's Neue gestellt werden würde, allein man hatte sich in dieser Annahme geirrt. Die Aufforderung an Herrn vr. Meyer, dem Eide ztt assistiren, wurde wiederholt und obgleich er unter Berufung auf die bisher hier bestehenden Gesetze seine Weigerung, zu dem ge« _ dächten Zwecke vor Gericht zu erscheinen, ausführlich motivirte, wuröe er dennoch von dem Amtsgerichte,unter Androhung einer namhafte» Geldstrafe zu assistiren verurtheilt, weil die vorgebrachten Gründe, deneu "das Amtsgericht die Anerkennung nicht versagte, nur Berücksichtigung finden könnten, wenn eS sich um die Einführung eines neuen Gesetzes handelte, nicht aber, wo es die Befolgung eines bereits bestehenden ^Gesetzes gilt. Herr vr. Meyer hat hierauf die Berufung an daS hiesige Obergericht - eingelegt, von welchem jedoch bis jetzt eine Entscheidung noch nicht getroffen ist. . ׳ New-Kork, 2.' December. Wenige Tage vor dem ShnagogcncinweihungSfeste in Berlin, — am 31. August — wurde, auch hier bei der Gemeinde Adath-Jeschurun, und zwar ebenfalls durch cinen neugewähltcn Rabbiner, den in Deutschland in ' bestem Andenken stehenden vr. Einhorn, ei» Tempel eingeweiht. Früher Rabbiner in Baltimore hatte Einhorn daselbst, treu Hinem Berufe, während deö amerikanischen Krieges auf der Kanzel für die frvk?^Mensche»würde und gegen die Sklavenhalterei seine Stimme erhoben und dieserhalb seinen dortigen Wirkungskreis verlaffen müssen.*) Nunmehr ist er von der hiesigen Gemeinde Adath-Jeschurun berufen, in welcher eine Läuterung der religiösen Anschauungen und in deren neu errichtetem Tempel wie in der Berliner-neuen Synagoge eine Vcrbefferung der cultuellen Jnsti« tutionen angestrebt wird/ ■ * Im Hinblick auf diese Zielpunkte bezeichnete Einhorn in der bei seinem Amtsantritte gehaltenen EinweihungSppcdigt drei Er« eigniffe als diejenigen, welche von der Gemeinde zu feiern seien: ״die Tempelweihe, -die BundeSweihe und die Einführung eines ״EultuS, welcher dem reformatorischen, eigentlich prophetischen. ״Judenthuine einen allgemeinen verständlichen Ausdruck verleiht." Al» Text wählte er die Worte im '1. B. Mos. Cap. 29. V. 1—11, an die Midraschstelle anknüpfend, wonach den-im Texte erwähnte Brunnen, von dessen Mündung Jacob, um die drei daselbst la« gernden Schaafheerdtn zu tränken, den Stein abgewälzt hat, auf Sinai hinweist, שמשם היו שומעים עשרת־ הדברות woher Israel die zehn Sprüche vernahm. ״Die ewigen Wahrheiten und Sitten. f gesehe dieser Lehre" — so heißt eS in der uns gedruckt vorlie« genden Predigt — ״deren Grundzüge diese Sprüche enthalten. Bekanntlich war zu derselben Zeit der streng orthodoxe Rabbiner R . . . auch vom biblischen Standpunkte au« für die Sklavenhaltern aufgetreten. Wozu nicht immer die Bibel gebraucht oder vielmehr mißbraucht wird. Anm. de« Lorresp. - ' ׳־- ״sie find nicht der Brunnen, sonder» die lebendigen Gewässer, die ״׳vom GotteSberg herniederfluthen.Der Brunnen ist da« ״Gefäß für die Thorah, da« Gefäß, wohin die sprudelnden Heils« ״quellen ihre Gewässer senden, und! woraus sie immer von Neuem ״geschöpft werden. Und als solchen Brunnen erkennen wir da- ״Gotteshaus, die Schulei und die religiöse Zeremonie. ״Unsre Alten lehren וחנה באר קשרה— זח בית הכנסת der ״Brunnen auf dem Felde V das ist die Synagoge, wo Jacob- ״Heerden, die Gemeinden, sich sammeln, den nach Gott dürstenden ״Geist zu laben. Und hiermtt -ist die wahre Bedeutung de« jü« ״dischen Gotteshauses vollkommen ausgesprochen. Es soll unS ״ ןzum Heilsborne werden, ein unversiegbarer NahrungSquell de- ״GemeindelebenS, der reinen Erkenntniß und de« flammenden Äfe« ״kenntniffes, der begeistertest. Liebe zu Israel und dessen hohem ״Berufe, die ganze Menschheit Zu segnen und die Zeit herbei« ״zuführen ונאספו שטה כל העררים da alle Bölkerheerden um den ״Gotteßbrunnen sich lagern und den heidnischen Fels bis auf die ״letzten Trümmer hinwegwälzen.... ״Wie schwer auch der Alp eineS tief verkümmerten Daseins ״auf unsren Voreltern lastete, in ihrem unscheinbaren, tief &er* ״steckten בית הכנסת wußten sie ihn kühn abzuwälzen, sie jammer« ״ten, schrieen und jubelten zu ihrem Gotte in ein und demselben ״Odemzuge. Während in stelzen, zum Himmel emporragrnden ״Domen gar oft im Namen der Liebe Haß und Verfolgung ge« ״predigt wurde, beflügelte die Religion des Geistes in winzigen ״Hütten ein niedergetretenes Häuflein zur Löwenkraft, zu unsterb« glichen Thaten des OpfermutheS, der GotteS« und Menschenliebe. ״Für sie war die Synagoge in der That ein Brunnen in der' ״Wüste. I (Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine und das Iudenthum." Von qllen den bcvdutenden Geistern, die das Judenthum vermöge der aus seinen Grundgedanken hervorwirkcnden Cultur« kr äste gezeugt und gebildet hat, haben-die Juden wohl kaum einen einzigen weniger für sich in Anspruch genommen, als den großen deutschen Lyriker Heinrich Heine. Sollte die durch geschichtliche Gewöhnung auf die späten Nachkommen vererbte Abneigung der alten Jude» gegen alles BekehrungSunwescn die Resignation hervor« gerufen haben, cinen jeden Glaubens« oder GefühlSgenosssn aufzugeben, der auS jener Gemeinschaft des Fühlen- und de« Leidens aizSgeschieden ist? Kiner oberflächlichen Betrachtung könnte dieser Grund ausreichend scheinen; aber er erklärt nicht, weshalb man selbst in gebildeten jüdischen Kreisen nicht weiß, daß Baruch Spinoza ein Jude geblichen ist. Bedenkt man dagegen, welche ungeheuerlichen Anstrengungen von Seiten christlicher Gelehrten gemacht worden sind, und zum Theil noch jetzt'gemacht werden, ganz ungleichartige Culturerscheinungen mit denjenigen Ideen in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen, die dem Christen« thum theil« Ln Grunde liegen, theils untergelegt werden, so be« greift man kaum, wie die Juden nicht von demselben Partei« interesse angetrieben werden konnten, auf den fernsten Gebieten die Ihrigen aufzusuchen und als die Kinder ihre« Glaubenauf den Schild zu heben. In der That sind eS allein christliche Litterarhistoriker, die Heine'S Judenthum nachspüren, um ihn so desto gründlicher und unrettbarer der Litteraturjuden-Hölle überliefern zu können, wählend von den Juden:fast Alle, die sich in Büchern oder Journalen über ihn hören ließen, jede religiöse Verbindung mit.ihm kühl ablehnen, und den ״frivolen" Heine der Staatskirche leicht fertig überlassen, zu der er sich, weil ״da« Stehlen silberner Löffel nach dem preußischen Strafgesetzbuch ver-