Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 29)
- Language
- German
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Norden bewiesen hat. Aber religiöse Form kann weder Norm noch Dauer sein, für den Ruf der Seele gibt es kein Reglement. Schon unsere alten Lehrer wußten von der Gefahr der Mechanisierung des Gottesdienstes. Zur Rechtfertigung mancher kühn erscheinenden Kürzung in der modernen Gebctsordnung braucht man nur das Wort des Schulchan aruch auszusprechen: „Besser wenig mit Andacht als viel ohne Andacht." (Sch. ar. Orach chajim 1, 4) Maimonidcs sagte: Ein Gebet ohne Andacht ist kein Gebet (Hilchot tcfilla 4, 15). Allerdings darf man dem überlieferten Brauch nicht nur kritisch gegenübertreten. Wir alle müssen in uns die Fremdheit noch überwinden, die der Materialismus aus dem vergangenen Jahrhundert gegenüber Kult und Offenbarung entstehen ließ. Die Liberale Synagoge Berlin will wie bisher der Zukunft des Judentums dienen aus dem Wissen um Herkommen und Wandlung des Weges. So wird in ihrer Arbeit die Erneuerung des Judentums wahre Renaissance, Wiedergeburt ewigen Geistes in neuer Gestalt, und nicht romantische Bindung an Abgelebtes. Denn die Religiosität ist nicht tot. Aus dem Willen der Jugend zur Form aber kann die Krise des Kultes überwunden werden um der Religion, des jüdischen Glaubens willen, der heute erst recht lebendig bleiben muß: „Die Gottheit ist im W erdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten." (Goethe.) 1 (ermahn M. S ä n g e r. Persönliches In der Geschichte aller Religionen sind nicht selten Laien für die innere Wandlung des religiösen Lebens entscheidend und rieh tunggebend gewesen. Solche Taten epochemachender Art reifen langsam und werden in allmählichem Fortgange vorbereitet, bis sich der Zeitpunkt erfüllt, der den Durchbruch des Neuen sicher und siegreich entscheidet. Eine solche reformatnrjsche Tat wird wohl durch viele angestrebt, durch den Entwicklungsgang einer ganzen Gemeinshaft bedingt, aber immer nur durch e i n e n entschieden. Denn sie erfordert allemal hervorragende persönliche Kraft. Nun ist das von unserer Synagoge Geleistete gewiß keine Reformation schlechthin, und ihre Träger sind keine Reformatoren. Dafür war und Lt ihr Aktionsradius zu gering, zumal an der Grundrichtung und Wesenheit des Gottesdienstes nichts Entscheidendes geändert worden ist. Aber das Erfüllen gegebener und starr gewordener Formen mit einem neuen Inhalt und Geist, die Verbannung der Gleichgültigkeit und Eintönigkeit, die Disziplinierung auch auf dem Gebiet des rein Gefühlsmäßigen, die einheitlich ästhetische Ausgestaltung, die Erfassung aller Besucher als 31