Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal additional
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4889559-5436043-5436073--337-4889874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
konservativen wie in liberalen Synagogen, weil man doch weiß, die meisten hören nicht hin. und wer hinhört, versteht es nicht. An die Stelle solcher Tora-Stellen sollte in viel stärkerem Maße das sonstige Schrifttum herangezogen werden. Man hat vergessen, daß die Tora-Vorlesung einst die Verkündung geltenden Rechts war. Was hat es also noch für einen Sinn, wenn uns heute Opfer- und Agrargesetze (die nicht mehr in Gültigkeit sein können), sowie (lesetze für das geheimste Familienleben vorgelesen werden, die sich zur öffentlichen Vorlesung nath unserm heutigen Empfinden unmöglich eignen. Was heute noch verbindlich ist, sei es religiös, sei es sittlich, oder was historisch und für das Gemeinschaftsleben der Juden von Interesse ist. soll gewiß erhalten bleiben. Ks soll aber ergänzt werden durch Prophetenabschnitte, durch Mischna und Talmud. Alles dies hat aber nur dann einen Sinn, wenn es so vorgetragen wird, daß es die Gemeinde versteht, und es lullt gar nichts, daß nun darüber klagt oder zürnt: eine hebräische Vorlesung allein vermittelt uns die Kenntnis dieses. Kernstückes des Gottesdienstes nicht. Was hat also die ganze Tora-Vorlesung für einen Sinn? Und doch müßte sie in der heutigen Zeit, in der wir mehr als je dessen bedürfen, was uns teuerster gemeinsamer Besitz ist, wieder ein Lebendiges werden! Sehen wir das doch ganz klar an der Vorlesung des Prophetenahschnittes. Diese erfolgt in den liberalen Synagogen fast durchgängig deutsch, und sie spricht gerade in der heutigen Zeit in unbeschreiblich ergreifender Weise zu unsern Herzen. Wenn es also den Gottesdienst ungebührlich verlängert — wofür ich kein Veratändnil habe — die ganze Tora-Vorlesung hebräisch und deutsch vorzunehmen, so soll man nur einen kleinen Abschnitt hebräisch vortragen, aber die ganze Vorlesung deutsch. Man soll sich auch nicht davor scheuen, die Vorlesung kurz zu erläutern. Dazu eignet sich vor allem der Freitagabend. Es wird dem Rabbiner viel leichter werden, eine derartige Stelle zu erklären, als immer wieder eine neue ..Fredigt'* zu halten. Wann aber wird einmal mit diesen Dingen Ernst gemacht werden/ Die liberale Synagoge hat viele der Probleme erkannt, hat auch einige in die Wirklichkeit umgesetzt, aber sie ist auf halbem Wege stecken geblieben. Das liberale Einheitsgebetbuch, im Bestreben, zu einer Einheit zu führen, hat der Fortentwicklung des Gottesdienstes viel zu wenig Spielraum gelassen. Was wir brauchen, ist ein Gottesdienst, der verständlich ist, (Ter allen gemeinsam ist und der den Einzelnen nicht nur als Glied der Gemeinde erfaßt, sondern auch seine eigene Fcrsönlichkeit ergreift. Eine schwere Aufgabe, aber eine Aufgabe, zu der gerade die berufen sind, die das Judentum nicht politisch, sondern religiös auffassen. Wird hier etwas Großes geleistet werden, so haben wir etwas zum innern Aufbau zur seelischen Umstellung unserer Juden gewonnen, die in der heutigen Zeit mindestens so wichtig ist, wie die wirtschaftliche Erneuerung. Heinrich Stern. 22