Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 10)
- Language
- German
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stets bewußt blieb. Der Jude, der dem Religiösen naht, muß wissen, daß er zwar keineswegs, den Boden des Ganzandern betritt, aber die Sphäre seines eignen höheren Menschentums, in der ihm Gott begegnet. Kr bekennt, daß Gott ihm an Größe, Weisheit und Heiligkeit stets überlegen bleibt. Und er gibt sich durchaus damit zufrieden, daß er ihm durch Ycmunftgründc allein nicht, wie jedes andere Erfahrungsobjekt. allgemcingiltig. wie eine logische, mathematische oder chemische Formel, rein und rund, klipp und klar bewiesen werden kann. Gott bleibt der verborgene Gott; dennoch ists die Ratio des Menschen, in der er am hellsten aulleuchtet. Ohne Ratio würden wir nicht einmal den Begriff des Irrationalen fassen können. Die Ratio führt uns über sich seihst hinaus, und läßt das (.'beirationale am Horizont aufleuchten. Sie spornt uns an. seihst beim höchsten Menschentum nicht haltzumachen, sundern das Letzte, Unbedingte und Vollkommene, kurz Gott zu.fordern und ihm zu vertrauen. Ratio wird durc h Kdes, Wissen durch Glauben gekrönt. Irrational wird auch nach jüdischer Auffassung Gott im Gemüte, d h. in den unableitbaren Gefühlen, im subjektiven Erlt ben erfaßt. Hier wallet Religiosität, unendlich mannigfach nach Tönung und Siäike. Wo sie den Menschen so überwältigt, daß er zum 1.einer. Propheten oder Apostel wird, da reden wir von echter Intuition. Divination. Berufung. Wenn auc h die Bihel viele Zeugnisse davon enthält —. allzu häutig sind die in der Menschlu it nicht. Daß insbesondere Gott aus freiem Heilbeschluß ein ganzes Volk als Priester erwählt und sich ihm als Gesetzgeber offenbart habe, verkünden Bibel und Tradition. Aber auch wenn eins Wunder einer Gnadenwahl als Supranatural ismus abgelehnt, und als immanente, in der Gemeinde fortschreitende Offenbarung' Gottes gedeutet wird, so hebt diese liberale Anschauung weder den Glauben an Gott, noc h den Gehorsam gegen seine Gebote auf. Nie war jüdisches Gottesgefühl ohne sittlichfordernde Bcglcitmomente. Das Zehnwort z. B. bedarf, keiner äußeren, Beglaubigung; es tragt sie in der Allgcmcingiltigkcil seines ,.clu sollst!" (lern wird s'(h vernünftige Religiosität mancher irrationaler Hilfsmittel bedienen, die (■•■ineincle-Frommigkeit zu vertiefen geeignet sind. Dahin gehören Gebet., S ymbol, vor allein die der Religion verwandte Kunst. .Wie ergreifend kann im Rahmen eines schonen Gotteshauses die Zeremonie des Emporhebens der Torarollc, verbunden mit leierlichem Ghoral wirken. Weniger Gewicht legen wir auf exstatische Zustände Einzelner und mystische Versenkung kleiner, verzückt gestimmter Kreise. Eine Religion, die so wie das Judentum alle Hohen und Fielen der menschlichen Seele ergreift und ausfüllt, kennt auch solche Erscheinungen in ihrer ganzen' Reinheit und Sc hönheit, und nicht etwa als Ausnahmen. Dennoch stehen sie nicht im Brennpunkt jüdischen Interesses. Die schlichte, jüdische Gemeinde bedeutet uns mehr 12