Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 9)
- Language
- German
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Rationalismus und Irrationalismus Mitten im Weltkrieg, 1917, erschien Rudolf Ottos Buch „Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen." Die Zustimmung, die es fand, erstreckte sich bis in jüdische Kreise, obgleich es die Absolutheit des eigenen Bekenntnisses des Verfassers statuierte. Aber es machte den unserer Tora und l'rophctic entlehnten Belnif d e s Heiligen zum Wesensmerkmal aller höheren Religion, die ausgehend vom sogenannten Numinosen mit der Heiligkeit eine Sphäre erreichte, die fernab von allein „bloß" Rationalen und Ethischen liege. Vernunft- und Sittlichkeitsmomente hätten manche Beziehungen zur Religion; viel wichtiger aber sei es, dein Irrationalen wieder Geltung zu verschaffen, »las aus dein Leben, dem sogenannten Seelengrunde stamme, das sich selbst genugsam bezeuge, dagegen dem logischen Denken, der Ratio unzugänglich bleibe. Der Erfolg dieses Irrationalismus, der in der Weltuntergangsstimmung des Krieges mitbegründet war. ebbte zwar ab: es erhoben sich auf katholischer, wie auf evangelischer Seite kritische, selbst warnende Stimmen. Andrerseits kam es zu einer Übersteigerung jener Richtung in der Schule der sogenannten dialektischen Theologie. Sie kennt nur eine Selbstollenbarung Gottes „senkrecht von oben her", sie verschränkt lein menschlichen Sehnen und Bedürfen das Recht, sich einen „menschenähnlichen" Gott vorzustellen und zu verehren. Vom Menschen führe kein Weg zu Gott, sondern nur umgekehrt. Gott sei nach dem Ausdrucke Rud. Ottos „das ganz Andre", der ganz Cberweltlichc, schlechthin Irrationale. Auch diese Anschauung übt eine gewisse Anziehung auf unsere jüngere jüdische Theologie aus. Bei aller Anerkennung vieler religionspsychologischer Beobachtungen, können wir doch den Vertretern des .Irrationalismus nicht beipllichten. Sic verhelfen uns sogar zu unf~so größerer Klarheit darüber, warum für das Judentum Rationalismus so wesentlich erscheint In seiner klassischen Kpoche stellt das Judentum den auf- und abwogenden Kampf gegen das „bloß" Numinose, für das Rationale und Ethische dar Dem Numinosen entstammen alle die fratzenhaften Dämonen der Urvölker ebenso wie die Götter Griechenlands. Jüdische Orientierung in der Welt langte beim S c h ö p f e r g o 11 c an, auf dessen Ruf das All entstand, in dem Gottes Gesetze ewig walten. Und jüdische Sehnsucht nach Seelenfrieden und Gehorsam gegen das eingeborene Sittengesetz fand Erfüllung in dem heiligen Gott, der kein bloßes Neutrum „das Heilige", sondern der Gesetzgeber und Richter war. Dennoch dürfen wir vom Judentumc aussagen, daß es sich der Unzulänglichkeit menschlicher Vernunft- und Sittenkräfte II