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Die Gemeinschaft · 1933-01-01 · 1933 · p. Seite 9

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Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1933
Issue
1933
Article
Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
Date
1933-01-01
Page
Seite 9 (sequence 7)
Language
German
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Nun aber vollzieht sich oder vollzog sich bereits eine Verlagerung des Schwerpunktes im gesamten Lebensgefühl. Er verlagert sich vom Persönlichkeitsbewußtsein ins (iemeinschaftsbewußtsein. Sie sind an sich immer da — und notwendig gewesen, nur war die Betonung eine andere. Sie lag ein Jahrhundert auf dem Persönlichen, sie fängt heute an. wieder stärker auf dem (>cmeinschaftlichen zu liegen. Nicht daß das Persönliche preisgegeben wird, nicht daß sein Weg als ein Irrweg verlassen wird, es gibt Gcfühlsakzentc. die unverlierbarer Besitz bleiben, weil sie wi sensnotwendig sind —. Frömmigkeit ohne Persönlichkeitsbewußtsein ist keine Frömmigkeit, sie kann Gehorsam, exakte Übung, Schema, Gewohnheit, alles mögliche sein, nur nicht Frömmigkeit. Aber der Wert der Gemeinschaft erfährt eine neue Schätzung. Nicht nur deshalb, weil der übersteigerte Individu*. alismus so vieler Juden die Gemeinschaft lockerte und beinahe zerstörte, nicht nur. weil diese Menschen der Isolierung und Vereinsamung, die mit ihm verbunden waren, überdrüssig wurden, in dir erhören, sondern weil die Auffassung am Wesen der Gemeinschaft sich entscheidend geändert hat. Man lühlt und weiß, daß Gemeinschaft sich nicht aus einer Anzahl von Individuen zusammensetzt, die ganz auf ihren Willen gestellt sind, sondern daß Gemeinschaft ein vom Willen Unabhängiges ist. in das der Mensch schicksalhaft hineingestellt ist. das ihn bindet und bestimmt. Gemeinschaft ist da. ehe der einzelne sie bejaht, und es ist die Aufgabe des einzelnen, sie zu durchgeistigen und zu beseelen, damit aus dem einzelnen ein aus dem Inneisten Gewolltes, ein freudig Bejahtes wird. Das ist nicht etwa eine erst heutigem neuen Denken angepaßte Aul lassung. sondern vielmehr älteste judische Lehre, die man nur aus dem atomistischen Denken des vorigen Jahrhunderts wider den ursprunglichen Sinn verloren hatte. Klassische Stelle dafür ist ein Wort aus Moses letzter Botschalt an Israel. Kr spricht: ..Nicht mit euch allein schließe ich diesen Bund und diese Verpflichtung. Sondern sowohl mit allen denen, die heute hier mit uns stehen vor dem Fwjgcn. unserem Gölte, als mich mit jenen, die nicht heute hier mit uns stehen ' (Deut. 29, 13 f). Klar und deutlich wird hier eine nicht bloß in der I lorizontale der Lebenden wirkende, sondern auc h durch die Vertikale der Geschlechter hindurch bestehende Verpflichtung und Gebundenheit festgestellt, wird mit betonter Schärfe das Über individuelle, den einzelnen Packende, ihm Richtung Gebende der Gemeinschaft sbildung herausgestellt. Die Haggada spinnt diesen Gedanken weiter aus: ..Als die Israeliten am Sinai standen", erzählt sie (Talm. Sabb. NN a) ..stülpte der Heilige, gelobt sei er. den Berg über sie gleich einem Bottich und sprach zu ihnen: „wollt ihr die Fora annehmen, gut, wenn nicht, so findet ihr hier sofort euer Grab". Und eine andere Legende (Midrasch Schir haschirim 1): ..Als Israel am Sinai stand. '•

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