Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 6)
- Language
- German
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Die „Liberale Synagoge Norden" und die ihr folgenden Synagogen dürfen das Recht für sich in Anspruch nehmen, an ihrem bescheidenen, von außen oft unbeachtet gebliebenen Teile an diesen Zielen gearbeitet zu haben: manchmal im Gegensatz zum vorwiegend politisch orientierten und interessierten Parteiliberalismus hat sie einem lebendigen religiösen Liberalismus wieder Stellung verschafft, in Erkenntnis der zersetzenden Tendetucen eines uferlosen Individualismus hat sie den Willen zu neuer Gemeinschaft entzündet, das Kräftespiel von Kationalismus und Irrationalismus in das richtige jüdische Verhältnis gesetzt und in bewußter Ablehnung jeder nur reformistischen Tendenz wieder stärker den Weg zur Tradition in der gottesdienstlichen Gestaltung zur Geltung gebracht. Der Liberalismus ist in einer Krise, aber sie ist eine schöpferische! Manfred Swarsensky. Gemeinschaft und Individualimus Liberales Judentum reifte und fand seine neuzeitliche Ausprägung in der Epoche des Individualismus. Unter den mancher - ici Komponenten, die Lebensgefühl und Lebensform des religiösen Liberalismus bestimmten, war eine in ihrer Zeit wichtigste die Befreiung des Individuums von Kesseln und Bindungen, die Herausstellung der Persönlichkeit. Aller Frömmigkeit die persönliche Note zu geben, mit eigenem Urteil an die Gestaltung des religiösen Lebens heranzutreten, dein Grundsatz -der Wahrhaftigkeit folgend nicht als bindende und unter Befehl gestellte Form anzuerkennen, was man nicht aus eigener Hinsicht und aus eigenem Willen bejahen konnte, darin erwies sich lebendiges liberales Judentum. Dieses Persönliche erfuhr noch eine besondere Steigerung, weil der Gemeinschaft ein Gehorsam und Unterordnung Heischendes anhaftete, gegen das man sich — oft gerade um der Reinheit des Religiösen willen — kämpferisch wandte, dem man entfliehen wollte: es war dann aber aus dem Verwurzcltscin in der Gemeinschaft soviel Bindung vorhanden, daß der tatsächliche Zusammenhang und der Wille, in ihm zu verharren, dadurch nicht Wesentlich gelöst wurde. Aber es übersteigerte sich das Prinzip, und was einstens eine berechtigte und legitime Note in dem gekirnten Lebensgefühl des liberalen Juden war, wurde — gegen Wille und Absicht der Führer — zur Dominante, die das Gefüge der Gemeinschaft auflockerte. Man wollte Individuum sein und nichts anderes. Geineinschaft empfand man, soweit man sie nicht selbst gewollt und begründet hatte, als Fessel, als etwas, was das Recht des Individuums, die Persönlichkeit einengt und aufhebt, also als ein Unrecht. Ist Gemeinschaft aber nur etwas, was aus dem Willen des Individuums kam, dann ist sie jederzeit aufhebbar, dann trägt sie nichts Autoritatives in sich. H