Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal additional
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4889559-5436043-5436073--322-4889859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rdungsausschuß der Rcichsvertretung wird, sobald die vordringlichen technischen Aufgaben geregelt sind, ein in allen Teilen verbindliches Erziehungsprogramm aufzustellen haben. Eine Rückkehr zur Orthodoxie, weder im Sinne des alten Ghetto noch im Sinne der Neu-Orthodoxie S. R. Hirschs, ist unmöglich. Nur auf den Grundlagen eines von allen Schlacken des 19. Jahrhunderts gereinigten Liberalismus wird eine dem heutigen Menschen wesensgemäßc Erziehung möglich sein. Innerhalb der praktischen Arbeit religiös-liberalen Judentums wird der Gottesdienst der Synagoge, der heute für viele Tausendc wieder aufs neue zur Statte bewußt erlebter jüdischer Gemeinschaft geworden ist, einen bestimmteren Platz einnehmen. Seit den Tagen Abr. Geigers ist der 'Gottesdienst der offiziellen liberalen Synagogen erstarrt, ein Mangel, durch den tnilveranlaßt vielfach die Predigt eine unverhältnismäßig große Bedeutung gewonnen hat, so daß es fast keinen Gottesdienst ohne „Ansprache" und „Predigt" gibt, während gerade auf protestantischer Seite sich zu gleicher Zeit eine stärkere .,liturgische Bewegung" durchzusetzen beginnt. Bei der nun einmal bestehenden Beliebtheit des gesprochenen Wortes ist in Zukunft gerade im liberalen Gottesdienst das innere Verständnis für die Lesung biblischen und nachbiblischen Stoffes belehrenden und erbauenden Inhalts aufzulockern: viele Werke moderner, zumal neuhebräischer Schriftsteller (Achad Haam) sind wohl zur gottesdienstlichen Lesung geeignet, um durch ihren uberzeitlich aktuellen Gehalt den Gottesdienst von der im schlechten Sinne des Wortes aktuellen Predigt zu befreien: auch sinnvoll ausgewählter Lesestoff kann gleich der freien Predigt auf Geist, Gemüt und Willen des Hörers einwirken. Im Gottesdienst bleibt das Hebräische das statische Element gegenüber dem Variablen der Muttersprache. Deutsche Einleitungs- und Schlußgebete und Gebete zu besonderen Anlässen müssen grundsätzlich in ihrer Diktion variieren, um aufs neue die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nur das Hebräische gibt unserem Gottesdiente eine Farbe. Die oft rein gefühlsmäßige Ablehnung des größtenteils deutschen Gottesdienstes der Reformgemeinde von Menschen, die selbst des Hebräischen unkundig sind, zeigt den gesunden Instinkt des von Ideologien unverdorbenen jüdischen Menschen. Auf keinen Fall darI der liberale Gottesdienst auf die Dauer zum Sammelbecken der Unwissenden werden, die aus Trägheit und Gleichgültigkeit oder gar aus „Grundsatz" nicht Hebräisch lernen. Durch eine geschickte Auswahl der zum Teil wundervollen Piutim der Feiertage'könnte die Gleichförmigkeit der Feiertagsliturgie zum Guten verändert, und der charakteristische Ideengehalt vor allem der Wallfahrtsfeste in poetischer Form zum Ausdruck gebracht werden. Der Gottesdienst der Zukunft -- selbst in den im Lande der Väter neu werdenden jüdischen Gemeinden — kann nur ein liberaler sein. 7