Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1933
- Issue
- 1933
- Article
- Beilage zu Heft Nr. 21/22 Jahrg. 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Bei aller Ehrfurcht vor der menschlichen Größe, der geistigschöpferischen Leistung, dem profetisch reinen Wollen von Männern wie Abraham Geiger und Hermann Cohen, vermögen wir heute nicht mehr ihnen in allen Teilen ihrer Auffassung und Deutung des Judentums zu folgen, ebenso wie wir auch dem in den vorangegangenen Generationen als selbstverständlich, ohne jüdische Vorbehalte übernommenen politischen, weltanschaulichen und wirtschaftlichen Liberalismus gegenüber kritisch geworden sind. Das bedeutet jedoch keineswegs blinde Gegnerschaft gegen das ..liberalistische Zeitalter". Wer in Lebens- und Geschichtszusammenhängen zu denken gelernt hat. weiß, daß es im Geistigen nur ein Verstehen geben kann, weil in der geistesgeschichtlichen Entwicklung eine innerlich notwendige Gesetzmäßigkeit waltet. Nicht ohne Sorge sieht man, wie vielfach Menschen, die in bequemen, unkomplizierten und darum falschen Kategorien (linken, unter dem Begriff „Liberalismus" in Bausch und Bogen all das verstehen, was ihnen weltanschaulich ablehnenswert erscheint. Nein, das Zeitalter des Liberalismus war eine in der europäischen Gcistcsgeschichtc notwendige Phase der Entwicklung, und wer wollte nicht in Dankbarkeit die unverlierbaren Werte anerkennen, die er geschaffen hat! Richtungen, die ihn grundsätzlich ablehnen, wissen oft gar nicht, wie stark sie auf seinen Leistungen fußen. Auch in seiner neuzeitlichen Entwicklung kann das Judentum ohne die erneuernden Kräfte des Liberalismus nicht gedacht werden. Ist er es doch gewesen, der den Generationen in und nac" der Emanzipation überhaupt erst eine innerliche Verbindung nr dem Judentum möglich machte. Die Entdeckung des Individiums? die Srhwergewichtsverlagerung vom zeitlich Bedingten auf das ewig Gültige in der Religion, die innere Freiheit gegenüber Religionsgesetz und mittelalterlichem Lebensstil, die Annäherung des Gottesdienstes an das religiöse und ästhetische Empfinden des 7n7>dWn"e^n"MFnscTien,^äTI meTlind~maricEes ändere wird auch zum unbewußten Besitz eines Zeitalters gehören, das den Liberalismus aus Grundsatz ablehnt. Aber gerade bei einer gerechten Würdigung der Verdienste des jüdischen Liberalismus sind wir berechtigt, ja mehr noch verpflichtet, seine Grenzen neu zu ziehen. Denn seit Geigers Zeiten gibt es keinen Liberalismus mehr, der Liberalismus ist zu einer neuartigen Orthodoxie mit einem neuen Schulcham Aruch geworden. Der verhängnisvollste Fehler des „Parteiliberalismus" ist die Verquickung von religiösem mit politischem Liberalismus, wobei in der Arbeit und im Bewußtsein der Anhänger auf dem letzteren der Nachdruck lag. In der Tat kein Wunder, daß der religiöse Liberalismus ein Anliegen weniger blieb, da es die geschichtliche Tragik des religiösen Liberalismus