Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1930
- Issue
- 19/20 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- Seite 17 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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gering. 1% bestand mir bei wenigen eine Beziehung zwischen dem Gottesdienst und dem sonstigen Leben, das eigentlich lur .<len religiösen Menschen ein einziger Gottesdienst sein sollte, l'eber der Erfüllung ethischer Grundforderungen, die jeder an« ständige Atheist gleichfalls erfüllt, wurde der Gottesdienst ein ziger Rest der Religion; er wurde Ersatz für das religiöse Leben. Während für die echten Anhänger der Orthodoxie die Gottes« dienste nur Ausdruck und Höhepunkt ihres durch ihre Ein« stellung gestalteten Lebens waren, wurden die liberalen Gottes dienste. von denen man Belebung des religiösen Lehens erhofft hatte, im besten Falle jüdische Inseln inmitten eines tinjüdischen Lebensozeans. So mußte der Versuch, die nach neuer religiöser Vertie« fung strebende Jugend durch ..ihrer Art angemessene" Gottes dienste dem religiösen Leben niiber zu bringen, von vornherein /um Scheitern verurteilt sein. Alle diese Versuche waren tinzu« länglich, weil man die Arbeit am falschen Ende begann. Gottes» dienste. die Ausdruck einer ganz bestimmten Haltung sind, lassen sich erst dann gestalten, wenn diese Haltung vorbanden ist. Mit anderen Worten: Man kann Gottesdienst nicht an junge Menschen von außen heranbringen, sondern muß warten, bis er aus ihnen erwächst. Ja, wahrscheinlich wird er erst die letzte Stufe religiöser Erziehung sein können. Die Vorstufen müssen m. M. die folgenden sein: J£u« nächst muß dem in der Pubertätszeit ganz individualisierten Menschen, wenn er aus den kindhaften Bindungen der Vor« Pubertätszeit ganz befreit ist, deutlich werden, daß die neu erworbene Freiheit nur sinnvoll ist, wenn er sie selbst beschränkt, wenn er sich selbst Bindungen auferlegt. Ks muß ihm der Werl eines gebundenen Lebens, und die Wertlosigkeit der zügellosen Freiheit gezeigt werden, die nur Freiheit von und nicht für etwas ist. Bei dem Suchen nach Bindungen, durch die dem Leben ein zentraler Sinn gegeben wird, kann man nicht am Juden tum vorbeigehen. Die Bindungen, die der Jugendliche Über« nimmt, werden zunächst „nationaler" Natur sein. Das ist nic ht im politischen Sinne gemeint, sondern soll sagen, daß der Jugendliche die Verbundenheit mit einer Gemeinschaft fühlt, der er durch eine „Kette von Zeugungen und Geburten" ange« hört. Er wird eine Beziehung finden zu all dem kulturellen Erbgut, das diese Gemeinschaft ihm bringt, er wird lernen, ihr Schicksal als sein Schicksal, ihre Zukunft als seine Zu« kunft, ihre Hoffnung als seine Hoffnung zu betrachten. Tnd so wird er, ohne es selbst zu wissen oder ausdrücken tu können, immer näher zu einer religiösen Haltung kommen, immer näher dem jüdischen Glauben. Er wird sprechen und leben wie der religiöse Mensch,, ohne von Gott zu sprec hen Auf dieser Stufe wird dir Jugend hebräisch lernen, sie wird jüdische Formen, jüdische Musik übernehmen. Sie wird 17