Mannheim
Compact Memory

Die Gemeinschaft · 1930-04-11 · 19/20 (11.4.1930) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1930
Issue
19/20 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
Seite 15 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4889559-5436041-5436071--304-4889843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

trotzdem darauf, so schreibe ich Ihnen denn diesen Brief und hoffe, er wird Ihnen ..nebenbei" das Wesentliche sagen Ich wähle absichtlich die Form des Briefes, in der man von vornherein persönlich spricht, weil man ebenso sehr an sich und an den Empfänger denkt, wie an die Sache des de» spräches, — und nicht die Form der sachlichen Darstellung und Abhandlung des Problems vor uns, Ihnen, Bekannten und Unbekannten. Wir sind ja auch keine Fremden mehr, Ihre Gemeinde und ich, ... aber sind wir Freunde geworden.' Als ich zu Erew Roseh ha schonoh die Ehre hatte, zu Ihrer Gemeinde sprechen zu dürfen, glaubte ich, es sei die Stunde zu sagen und zu zeigen, wo und wie Religion in dei* - Jugend lebt und von ihr gelebt wird. Ich habe erfahren müssen, daß es mir nur kaum gelang. — kaum nach der Richtung, daß, was ich sagte, Zugang fand zu dem religiösen Bedürfen und Erwarten Ihrer Gemeinde, — kaum auch, daß anschaulich und verständlich wurde, was uns gclebte Religion ist. Woran lag das? Viel mag abgezogen werden für die Un« zulänglichkeit des Wortes, voll auszudrücken, was gehört werden sollte. — ebenso viel aber muß Schuld gegeben werden der Unfähigkeit des Gehörs ganz aufzunehmen, was gesagt ^ein sollte. Das aber hat wohl zu tiefst seinen Grund in zwei ver» schiedenen Verhaltungsweisen dem Gotteshaus, dem Gottes« dienst, dem Festtag und dem Leben gegenüber. . Der eine sucht die Religion als Zuflucht vor der Welt, vor Unbill und Alltag, als letzten, sichersten Halt und Hort vor sonst unentrinnbarer Gefahr, der andere findet im Gang der Tage allenthalben Bewährung der Religion, fühlt sich von ihr im Leben draußen, im Tagewerk begleitet, aber nirgends so sehr von ihr „gefährdet", als am Festtag, im Gottesdienst, weil er hier ganz entdastet und durch nichts entschuldet ist Der eine sucht und erwartet die Erbauung, daß ihm Friede geschenkt werde, ihm etwas geschehe, — der andere findet in üir Muße unter der Arbeit. Dem einen sind die Stunden des Gebetes Er« füllung, dem anderen sind sie Verheißung erfüllender, geseg» neter Werktage. So standen wir uns wohl damals gegenüber; die meisten von Ihnen erwarteten „die Predigt" zu hören, die fortführen würde, endlich vom Heute zur Festesstimmung, die das Erha« bene und Feierliche preisen, und damit alle erheben würde, wir anderen aber wollten von den kleinsten, irdischsten Fällen und Zufällen sprechen, durch die allein wir wieder Zugang zur Religion finden. Nicht, daß nach oben sich das Dach des Gottes« hauses öffnet und Sehnen und Geloben empordringt, son« dem, daß die Wände nach allen Himmelsrichtungen ausein anderweichen und von überall Alltag der Sorgen. Mühsal der Mitmenschen eindringen lassen in das Fest, nur das kann uns des Religiösen wieder teilhaftig werden lassen. Weil nicht der 15

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.