Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1930
- Issue
- 19/20 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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mehr als je geboten, in dieser grenzenlosen Flut des allgemeinen Unbestimmten den deutschen Juden als die Mahn» und Kugele« stalt dem Ostjuden, dem Westjuden und dem heimatlosen Juden entgegenzustellen, l'nd ist das tiefer und eindringlicher möglich als durch den Hinweis auf Franz Rosenzweig? Auf jenen Mcn» sehen, der. wenn irgendeiner, nicht in dem weiten aber leeren Begriffsgehäuse des abstrakten Juden Raum gefunden hätte? W as er lebend war. das soll er in der Erinnerung bleiben: deutscher Jude! Wie war er es? Durch Herkunft, dunh Bildung und durch Liebe. Durch Herkunft, denn Generation.über Generation seiner Vorfahren hatte nach Deutschland gestrebt, in Deutschland ge» lebt, Deutschland geliebt, hatte auf die Einfügung der Juden in die deutsche Sprach-, Denk- und Tatwelt hingewirkt. Und diese warme eifervolle Bindung an das Land, an das die Ael» tcren glaubten, war ihm durch tausend Boren bis in's Blut ge« drungen. so tief, daß er sich selten nur noch Deutschlands als Objekt der Wahl bewußt war. Aber Deutschland war in Rosenzweigs Sinne nicht erfaßt, wenn man es bloß als Landschaft, als Bühne seiner Menschen» kinder nahm; nein, über diesem Lande webten die Klänge deut« scher Musik, schwebten die Laute deutscher Sprache, lebte der Geist von tausend deutschen Gedanken. In dieses Wolken« meer hat Rosenzweig die hohe Stirn getaucht, und so, den Körper fest auf diesen Boden aufgestemmt, die klaren Augen über Deutschland hin auf jenes fernste Ziel gerichtet: auf Je« rusalem. So wenig man für Rosenzweig Jude war, wenn man es nicht ein Leben lang mehr und mehr wurde, so wenig war man für ihn Deutscher aus sich selbst- Die Heraufbildung des Deutschen in uns hat er mit Strenge von sich selbst ge« fordert. Die ihm erschlossene Durchsichtigkeit abendländischer Denkweise, der ständig gemehrte Besitz europäischen Denk« ertrags, das geistig Befreiende seines transzendenten Richtziefs haben Franz Rosenzweig, als er sich mehr und mehr in's Jüdische wandte, die unerhörte Ueberlegenheit verliehen, die ihn mit aller Anmut voll beherrschter Fähigkeiten bis in die letzte Stunde seines Lebens ausgezeichnet hat. Aus ihr strömte sein Reichtum an Einsicht und Lehre, ob es sich um die Sphäre der Sprache, — in der Wiederentdeckung ihres Organoncha« rakters, um die Sphäre der Ideen, — in der Ueberwindung des „Idealismus" durch das „Neue Denken", oder schließlich in den weitsichtigen Kriegsaufsätzen oder den herrlichen Erzie» hungsbriefen der letzten Jahre über die Staatsform, an seinen Sohn, um die Sphäre des Tuns handelte. Er ist als Deutscher wie als Jude oft ein Kritiker, nie ein Verächter, aber zumeist ein freudig Liebender gewesen. Kraft und Stärke waren ihm eingeboren, und Autokratie und Macht waren ihm näher als Massenherrschaft und Pazifismus. In dem 5