Mannheim
Compact Memory

Die Gemeinschaft · 1928-05-20 · 12 (20.5.1928) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1928
Issue
12 (20.5.1928)
Date
1928-05-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4889559-5436037-5436065--219-4889737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hoch Uber allein bloßen Besitz stehend, auch äußerlich von allein, vii nur Sache ist, abgesondert erscheint. .Jahr für .Jahr werden in den jüdischen Gotteshäusern diese ..Zehn Worte ' vorgetragen, und üherdies will ein besonderes Pest, ■ das der Gesetzgebung, das Gedächtnis von jener Offenbarung immer aufs neue beleben. Das weckt in uns ein Hedenken: Längst - - seit Jahrtausenden sind jene grundlegenden Satzungen menschlicher Ordnung in den Bestand des allgemeinen sittlichen Empfindens eingegangen, Nicht mehr als etwas eigentümlich Religiöses als wurzelhaft Menschliches, allgemein Moralisches sprechen zu uns jene Gebote: Du sollst den Namen deines Gottes nur zur Wahrheit aussprechen, xtllst Vater und Mutter ehren, nicht morden, nicht die Ehe brechen« nicht stehlen, nicht nach des andern Eigen dein Gelöste tragen. Und weil das und so vieles andere, was uns unverlierbar, nie veraltend erscheint, langst zum eisernen Bestände sittlichen Fuhlens geworden, kommt es vielen mit Unrecht? so vor. als ob die besondere gottesdienstlichc Berufung auf dergleichen '.'leichsam nur den Sinn einer müßigen Jubiläumsfeier hat, nichts mehr bedeutet als eine Stunde der Erinnerung an den Erwerb von Gütern, die niemand der Menschheit streitig machen will, dali sie darum im Grunde etwas Ueberholles, Abgelebtes ist. (lerne laßt man Mose und seinem Werk die Ehre, daß sie einstmals und zuerst die erlösende Wahrheit gefunden: aber seitdem sei diese Wahrheit beiläufig das größte Verdienst ihres Entdeckers! zur Selbstverständlichkeit verblaßt; viel feinere, tiefere, verwickeitere Kragen bewegten heute unseren Geist, als daß der Ursprung des Alten, von niemandem Bestrittenen immer wieder hervorgeholt, gepriesen, bewundert werden sollte, uns die Zeit zu ihn wahren Aufgaben der Gegenwart raubend! So sei die Gegenfrage gestattet: Ilaben wir ein Hecht dazu, haben wir heute mehr als jemals das Hecht.- auf das Werk vom Sinai als auf eine große Selbstverständlichkeit zu blicken, der nur rücks hauende Erinnerung, aber nicht Gedenken zu leben welkender Aneignung zu gelten hat? Sind jene Worte unter uns wirklich schon so selbstverständlich und natürlich, so wohlbewährt und werden sie so hemmungslos geübt, daß sie uns nicht auch noch immer eine Offenbarung von Gott sein konnten wie den Ahnen vor jenen dreitausend Jahren? Wir vergessen so schnell. Vor ein paar Jahren haben wir eine politische Weltkataslrophe erlebt., deren sozia'e Auswirkungen wir immer noch spüren. Wenn entfesselte Naturgewalten über einen Fleck Frde hinbrausen, des Wassers oder Erdbebens Kraft das Antlitz des Bodens wandelt, dann leigl sich deutlich, wie es unter der Oberfläche ausschaut, wie Schicht um Schicht den Kern umhüllt. Seine Nacktheit tritt ans Licht. Das Gleiche gilt für die, Seele. Wenn sie eine Katastrophe erlebt, von gewaltigen Stürmen geparkt und gewirbelt, dann offenbart sich auch an ihr. wes We- 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.