Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1928
- Issue
- 11 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Z. ■ der genauen Wiedergabe des üeschauten und, darauffolgend, die Wiedergabe nur des flüchtigen Eindrucks, des Augenblicks, des im Moment Erschauten, sind das klare Spiegelbild dieser Zeiten. Bewunderung und Staunen mußte das ungeahnte Fortschreiten menschlicher Kultur in uns auslosen. Und doch hatte das ungeheure Erleben dieser Zeit alles ins Wanken gebracht. Kein sittlicher Halt mehr, keine Grenzen der Freiheit, keine Achtung vor Überkommenem. Die festen Stützen staatlicher Ordnung und seelischen Gleichgewichts brachen zusammen und lagen machtlos am Boden. Alles schien trügerisch; nichts mehr beständig. Dies mußte im denkenden Menschen die Frage aufwerfen : Wozu denn das Leben? Welches der Sinn unseres Daseins? Die Auflehnung des inneren Menschen gegen diese Welt des äußeren Scheins und Seins war unausbleiblich. Wie ein Schrei aus tiefster Verzweiflung, so rauschte es über den jungen Künstler- und Dichterwald dahin. Mit gewaltigen Fanfarentonen suchte man uns Mitmenschen aufzurütteln. Man wollte uns begeistern für den Kampf um etwas Höheres, um unser Seihst, um unsere Seele, die in dieser Welt schier zu ersticken drohte. Der gleiche Wandel auf religiösem Gebiet! Der Schauder vor dem materiellen Abgrund unseres Daseins, der Zweifel an der Unbeständigkeit des höchsten Errungenen führte die tief empfindenden Menschen zur Überzeugung irgend eines Beständigen, Ewigen, Unvergänglichen zurück, zur Religion. Der traditionelle Jude suchte immer stärkeren Rückhalt an den religiösen Gesetzen, Formen und Bräuchen; der Liberale setzte an die Stelle der bisherigen Ablehnung zahlreicher religiöser Forderungen die geistige Durchdringung alles Überkommenen, die Anpassung der Formen und Bräuche an unser heutiges Leben, die Durchsetzung des alltäglichen Daseins mit religiöser Überzeugungskraft und die Vcrlchcndigung der Religion durch praktische Gestaltung. An allen Orten, an denen dieser Wille zur religiösen Tat mehr und mehr hervortrat, entstehen die verschiedensten Versuche praktischer religiöser Betätigung. Der von den Nichtliberalen so oft als unfruchtbar bezeichnete Raum des religiösen Liberalismus trägt immer neue Früchte und beweist schon heute, daß er zur Erhaltung des Judentums mit berufen ist. Der Gottesdienst wird gegenüber der bisherigen Eintönigkeit lebendiger und vielseitiger; die aktive Teilnahme der Gemeinde an der Ausführung des Gottesdienstes ist an den verschiedensten Stellen zur Wirklichkeit geworden. Das Interesse für die Fragen der Religion, und ihre Beziehungen zu den zahllosen Fragen unseres heutigen Lebens bekundet sich nicht nur in der Fülle von Vortragsabenden in unserem liberalen Kreise, sondern noch weit mehr in Arbeitsgemeinschaften und Diskussionsabenden, an denen der einzelne mit seiner persönlichen, seiner inneren Überzeugung bei der Aussprache hervortritt. Die Beteiligung an den Fragen des öffentlichen Wohles, der Gemeindeverwaltung und allen auch nur irgendwie die jüdische Gemeinschaft betreffenden Aufgaben ist