Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1927
- Issue
- 9 (25.9.1927)
- Date
- 1927-09-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbstanklagen, los von den marternden Vorwürfen, nicht im Sinn des Nichtschuldigseins, aber los von der wilden Lebensvcrzweiflungl Nur wenn du das tust, kannst du bestehn, nur wenn du das tust, gilts auch v<»n dir. daß du von neuem geehrfUrchtct werdest. Ja wirklich, in Ehrfurcht steht man vor dir, vor deiner Demut und deiner Größe, vor deinem Gott in deiner Brust. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben." „Es gibt keine Sünde," weun einer kämpft, es gibt nur Irrtümer und gibt nur Wahn, es gibt keine Sünde, wenn einer ringt, es gibt nur Ohnmacht und Grenzen der Menschheit! „Ki l'chol hoom bischgogo" — „Denn das ganze Volk ist irre gegangen." Ja Irrtum über dag eigene Selbst, Irrtum Uber das schwere Leben, Irrtum Uber das eigene GlUck — sie steigen aus tiefster Tiefe herauf und zeigen den Weg zur inneren Befreiung — und auch zur Beurteilung aller andern. „Willst du, daß diese Welt bestehe, verlange nicht immer das strengste Kernt. Willst du immer das strengste Recht, verlange nicht, daß die Welt bestehe. Willst du das Recht und willst du die Welt, dann mußt du dich zur Milde entschließen." Also lautet altjüdisrhe Weißheit — also spricht sie noch heute zu uns. Und diese Stimme der Weisheit zu hören und damit die Stimme unseres Psalms ist nicht nur für jeden einzelnen wichtig, sondern erst recht für die Gesamtheit.. „Und er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden." So wie der Psalm nicht blos die Erlösung des einzelnen ins Auge faßt, sondern auch die der Gesamtheit, so sollen auch wir nicht bloß dem einzelnen, sondern dem Ganzen den Weg zur wahren Erlösung zeigen. Aber freilich auch dieser Weg führt nur Uber Demut und über Gotteskraft, wie sich in Gott dem Erlöser, ja auch Erhabenheit und „Demut" vereinen. Niemals eins ohne das andere. „Wer bin ich" — „ich werde mit dir sein" — diese Frage und Antwort, die Mose bewegten, den ersten irdischen Erlöser der Judenheit, sie muß nur immer wieder erschüttern, den jedenfalls, der auch heute wieder Erlöser der Judenheit sein will, wieder ihr Führer und ihr Gestalter. Man muß ein Riese an Seele sein, um das ungeheure Maß der Verachtung, der Verkennung, des Spotts ertragen zu können mit der ein Erlöser noch immer bedacht ward, ein Riese an Kraft, um nicht zu erblinden ob all der Tränen, welche man weint, ein Riese an Glauben, aber vor allem an sich, an den andern, an seiner Sache, ein Riese an Kraft im Ertragen, Entsagen! Und warten muß jeder Erlöser können, nie darf er flügelmttde ermatten, und GlUck darf für ihn nur so aussehn, wie es etwa damals für Mose aussah: „Erschlage mich, daß ich das UnglUck des Volkes nicht sehe" oder später für Jeremia: „Ich saß nicht im Kreise der Lu stigen," oder wie es Beer Hoffmann ausdrückt: „Ich laß ihn nicht, ich weiß, zu ihm gehör' ich. Mich lockt Verheißen nicht, mich schreckt nicht Graun. Sieh, tief in mir schlaft, was dir fremd war, seliges Vertraqen." Ja der Erlöser muß beides vereinen: in der Endlichkeit wurzeln und doch Unendlichkeit glühend umfangen, auf der Erde wirken und doch die Ewigkeit aus sich gebären. Sein Dasein muß ihm Karnichts bedeuten, aber sein lief-