Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1927
- Issue
- 9 (25.9.1927)
- Date
- 1927-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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der schlechthin; und wenn unsre alten Gottsucher zumeist hartnäckig an dieser Lehre feftgehalten haben, deren innere Schwierigkeit ihnen nicht verborgen blieb, — so geschah es eben darum, weil ihnen die unbegreifliche Allmacht des Urwesens gerade in der Schöpfung der Welt aus dem Nichts ihre gewisseste Probe abzulegen schien. Wir sagen, jene Feier des neuen Jahres als des Geburtstages der Welt sei ein Sinnbild. Das Bild welchen Sinnes? Offenbar das vom Menschen und seiner Geschichte. Denn gibt es einen größeren Gegensatz als den zwischen einem ewigen, wandclloscn, sich stets gleichbleibenden Sein und dem Leben des Menschen, dem Leben der Menschen im Verband der Gesellschaft, dessen Sinn gerade darin beruht, daß in diesem Dasein etwas geschieht, daß Altes von Neuem abgelöst, daß das Gestrige nicht dem Heutigen gleicht, daß vielmehr etwas geschaffen, etwas geleistet wird, daß wir. uns entfalten, fortschreiten, jeden erreichten Punkt überwinden? Ewigkeit der Welt scheint letztlich eins mit ihrer Wandellosigkeit, wie die Ewigkeit Gottes mit seiner UnVeränderlichkeit. Die Wcltsrhöpt'ung war das erste, was geschah, und die Religion, die diese Lehre sich zu eigen gemacht hat, stellt damit über den Inhalt dieser Welt das Motto auf, daß hier etwas geschehen soll, daß Entwicklung, Wandel, Wachstum, Vorwarti« tragen des Lebens ihr Sinn ist. Wo ein Anfang ist, da mag freilich auclT-ei«. Ende sein; aber zwischen Anfang und End« breitet sich die unendliche Buntheit alles Möglichen aus. .Jeder kommende Tag empfangt seinen Sinn daher, daß er dem vorhergehenden nicht gleicht, jedes Geschlecht erhalt Kecht aufs Dasein nur dadurch, daß es Neues denkt, Neues fühlt und will. Ein Dasein ohne Wandel mag Seligkeit bedeuten; aber Seligkeit ist keine Gabe des Lebens, sondern des Totseins. Daß die Welt einen Anfang hat, besagt, daß sie eine Geschichte hat, eine Geschichte haben soll, daß die Welt vollkominrner, inhaltreicher, sinnvoller gemacht werden soll, bedeutet, daß Stunde wie Tag und Menschengcncration Uberflüssig werden, sich selber ausstreichen aui dem Buche des Lcbens, wenn sie in sich nicht den Drang fühlen, die unvollkommen geschaffene Welt vollkommener zu machen. Die jüdische Religion hat die geradezu unerhörte und vollkommen unbegreifliche Lehre von der Weltschöpfung erdacht; und sie hat diese Lehre im engsten Zusammenhange mit der andern ausgesonnen, daß die Menschen auf der Erde, die Menschheit, Geschichte haben, daß der Sinn des lebendigen Geistes etwas ganz andres ist wie nur da sein und ewige Gesetze der Natur zu offenbaren, sondern daß" er. das göttliche Schöpfungswerk fortsetzend, die Welt reicher machen, sie zu größerer Vollkommenheit emporführen soll, als sie am ersten Schöpfungstage, als sie gestern gewesen ist Von welch naiver Kindlichkeit erscheint an sich diese Lehr« von der Entstehung der Welt aus dem Nichts, jener Welt, die heute just ihren 5688. Geburtstag feiern soll, um wieviel richtiger, „wahrer" mythologische Phantasieen und metaphysische Spekulation, die aus einem ewigen Chaos in Unzahl von Jahrmil-