Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1927
- Issue
- 9 (25.9.1927)
- Date
- 1927-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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künstelten, grundehrlichen Art: Warum weicht der Gottesdienst so sehr von unseren Idealen ab, warum finden und verstehen wir wahrend seiner langen Stunden nichts von dem, was uns als Lehrinhalt des Judentums in der Schule geboten wird? Warum müssen wir uns vorstellen: Dieses alles bedeutet Erhebung und Weihe, heilig sein wollen, Annäherung an Gott, Erbarmen und Liebe zu den Menschen? Wäre es nicht viel besser, uns dieses Verlangen so zu bieten, daß wir es empfinden und fühlen und mit uns tragen? Wir befürchten nicht, dal) diesen kurzen Andeutungen irgendeine Gegnerschaft beschieden sein könne, denn das Wahre ist unangreifbar und unwiderleglich. Es -cht ja hierbei um das Ganze des Judentums! Seine Feste, dieses letzte Bollwerk eines entschiedenen Gemcinschaftswillcns, können nur erhalten bleiben, wenn sie gemehrt werden in ihrer Kraft. Als Anhänger und Freunde der heiligen hebräischen Sprache sind wir es besonders schuldig, ohne Rückhalt zu betonen, daß ein Gottesdienst, der inhaltlich nicht einmal allen seinen Funktionären verständlich wird, unmöglich eine Erbauung für die Scharen der Zehntausende sein kann, welche diese drei Tage des .Jahres als letzten Versuch zu ihrer eigenen Religion unternehmen. Und da es in absehbarer Zeit u'arnichl möglich erscheint, der Gesamtheit Israels das Hebräische als Sprachsiut wiederzugeben, da im stärksten Ausmaße die Frauen, die Kinder und übrigens auch eine Unzahl sogenannter alter Keule dem Sinn der Gebersprache vollkommen ahnungslos gegeBOberatehen-, hilft nur der Entschluß, daß auch deutsch uebetet weiden muß, was uns zu festlichem Erleben bringen soll, Musik und Spiel, Chorgesang und Vorbetcr können erst dann Helfer der Weihe sein, und weil wir ganz genau wissen, daß Gott auf jede Stimme hört und Jede Sprache versteht, die aus dem Herzen kommt, darum empfehlen wir in dieser Zeit des Nachdenkens, für die Erbauung der Vielen zu sorgen, die sich jetzt mit dem Lippenkult begnügen müssen. Wird dies getan, dann geht uns erst der Wert des Hebräischen in Wirklichkeit auf, die Liebe zu unserer Sprache kann nur einsetzen, wenn wir wissen, was sie bedeutet, und vielleicht kommt dann wirklich die Zeit näher, wo alle Menschen zu einem Runde gefügt werden. Erst muß die Vorfrage erledigt sein: Was soll dieser Gottesdienst?, und nur, wenn wir Juden wissen, was er bedeutet, werden die anderen begreifen, was das Judentum bedeutet. Weltgeburtstag. Von Max Wiener. In unserm Neujahrsfest begehen wir den Geburtstag der Welt. Das ist ein Sinnbild von großer Kühnheit. Die Welt soll einen Anfang haben, eine Entstehung in der Zeit, sie sollte einmal ' nicht gewesen und plötzlich im Anfange ins Dasein gerufen sein >— das ist eine Vorstellung? die so weit alles Denken überschreitet, daß wir begreifen, wie diese Idee in allem religiösen Grübeln und Streiten stets als die schwierigste empfunden ward, als das Wim-