Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1927
- Issue
- 7 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Und war es nicht vor Pessach ähnlich? Freilich eine andere Stimmung lag Ober dem Ganzen, ein freudiger Ton klang hinein. Neugieriges Staunen, freudiges Ahnen. Wenn die Mutter auf dem Osterjahrmarkt die notwendigen Kannen, Töpfe, Gläser einkaufte, die den Pessach haushält ergänzen oder den Sedertisch zieren sollten, wenn die Rosinen geschnitten wurden für den Sederwein oder rote Rüben angestellt wurden für die köstliche säuerliche Suppe — welch einen Vorgeschmack festlicher Seligkeit empfand Kind und Erwachsener. Und nun gar das Backen der Mazzns, bei denen die Großen mit dem Arbeiten, die Kleinen mit dem Zuschauen und gelegentlich mit Naschen des eben fertig gewordenen Gebäcks beteiligt waren, das Hinwegräumen des Alltäglichen und die Ausbreitung des festlichen Gerätes über den Haushalt. All das erfüllte die Jugend schon mit der Vorfreude auf Sederabend und auf Festtag. Wie im Hause diese Verrichtungen, so wirkten die ausgezeichneten Sabbate, ganz besonders die Liturgie des „Großen Sabbats", wenn Teile der Hagada im Gottesdienst verlesen wurden, auch auf die Großen mit der so notwendigen religiösen Einstimmung. All diese Vorbereitung schuf eine seelische Einstellung, aus der die Kraft und die Wirkung des Pessachfestes in der Familie zu erklären ist. Das Leben der Gegenwart, in dem das Religiöse seine zentrale Stellung verloren hat, die Großstadt mit ihrer wirtschaftlichen Struktur, aber auch die anders geartete Einstellung zu dem religiösen Leben, zu Zeremonien und Formen überhaupt — hat diese Vorbereitung, diesen Erew vernichtet. Ob vom Standpunkte unserer Auffassung der Religion das zu bedauern ist, mag hier unerörtert bleiben. Aber das eine ist deutlich, es sind damit auch mancherlei GemQtswerte verloren gegangen und vor allem die Möglichkeit, kräftig auf die Seelen einzuwirken, daß sie sich von vorn herein hineinfühlen in die Weihe des Festes; denn es ist gar keine Frage, daß das Fest seine volle Wirkung auf die Menschenseele nur ausüben kann, wenn diese schon vor- - her darauf eingestellt ist, wenn sie durch eine Vorbereitung hindurchgegangen ist, die, aus der Stimmung des Festes heraus entstanden, auch zur Stimmung des Tages hinführt. So ist es unsere Aufgabe, den Gedanken des Erew, der Vorbereitung, wieder aufzunehmen und ihn fruchtbar zu machen für die Gegenwart. Freilich, so wie es früher gewesen ist. geht es nicht, und es müssen neue Formen gesucht werden, die den Gedanken wirksam machen auch für ein modernes Gemüt. Wie das Haus diese Frage für sich löst, muß der Hin/eine in seinem Kreise entscheiden. Wohl aber kann die Gemeinschaft den Teil der Einstimmung übernehmen, die durch das Gotteshaus möglich ist Wie das etwa zu gestalten sei, hat unsere liberale Synagoge Norden gezeigt. Sie hat zum ersten Mal vor den hohen Feiertagen 1926 den Gedanken des Selichaus-Oottesdienstes wieder aufgenommen und ihn in neue Formen zu bringen versucht. Nicht im frühen Morgengrauen für einen kleinen Kreis, sondern 7