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Die Gemeinschaft · 1926-09-05 · 5 (5.9.1926) · p. Seite 8

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Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1926
Issue
5 (5.9.1926)
Date
1926-09-05
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Sündennot läßt den Beter angstvoll den Blick zur Höhe, zum Erhabenen richten. Ist noch eine Hoffnung da? Es m u ß eine Hoffnung geben. Der Gedanke, daß kein Mensch frei von Schuld sei, daß bei eifriger Gewissensprüfung niemand vor Gott rein erscheiner war damals Allgemeingut der Frommen. Aber dieser Gedanke, der eigentlich zu eifrigster, peinlichster Pflichterfüllung anregen soll, laßt doch auch einen Hoffnungsstrahl aufschimmern: das ganze Menschengeschlecht müßte ja versinken, wenn •— die Güte Guttes nicht waltete. Und nuu wagt er, es geradeaus zu sagen: bei dir ist Verzeihung. Vielleicht ist dieses „bei dir" (im'mcha) zu betonen. Nur bei dir! Es ist keine Vermittlung nötig, kein Opfer, kein Priester; die ringende Menschcnscele sucht ihren Frieden nur bei Gott. Aber der Frieden, den der Fromme sucht, ist nicht untatiges Behagen, er ist Besserung, er ist sittliche Arbeit. Gott vergibt, — und dann erhebt sich der Mensch wieder. So mehrt die göttliche Barmherzigkeit die Gottesfurcht. Man muß den Ausdruck »Gott fürchten" im jüdischen Schrifttum nicht mißverstehen. Es liegt in dieser Gottesfurcht, die „der. Weisheit Anfang" ist. freilich die Stimmung der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, aber tiefe Verehrung des Heiligen ist nicht Ausdruck knechtischer Gesinnung und schließt inniges, herzliches Verbundensein nicht aus, sondern ein. Du vergibst, — und die Dankbaren sind nun geneigter, deinen Willen zu tun. In der Scham seines Herzens scheut der Demütige, von sich allein zu sprechen gleichsam, auf Erhöhung dringend, zu versprechen: dann will ich mich bessern, sondern er deutet nur ganz allgemein an, daß er weiß, was jedes Menschen Pflicht ist. wenn das Gefühl drückender Sündenlast von ihm genommen ist. So vorbereitet im Innern, was kann nun der Fromme noch anders tun, als sehnsüchtig zu harren auf Gottes Gnade, auf sein Wort: „solachti", auf dieses Wort „Ich habe vergeben", das auch in der Liturgie des Versöhnungstages oft in Tönen kindlicher Herzlichkeit erwähnt wird. Mit einem rührenden Bilde veranschaulicht der Dichter die Innigkeit und Stärke der Sehnsucht und doch auch zugleich die Hoffnung auf Erfüllung: wie Wächter auf den Morgen! Gar sehr sehnen die Wächter, die den Gefahren der Nacht ausgesetzt sind, den Morgen herbei. Die starke Kälte peinigt, und räuberische Ueberfälle drohen. Aber sicher — einmal dämmert der Morgen doch! Von besonderer Schönheit ist dieses nachhaltende .Wächter auf den Morgen" — wie ein letzter, nur noch hingehauchter Seufzer der Sehnsucht. Auch durch die mehrfache Wiederholung der Ausdrücke des Harrens wird dieses ganz sich hingebende Erwarten stark betont und zuletzt ganz besonders noch durch das Fehlen der Bezeichnung, so daß mit diesen zwei Worten 8

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