Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1926
- Issue
- 5 (5.9.1926)
- Date
- 1926-09-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Weit schlimmer ist es indes, wenn in der häuslichen Erziehung und in der schulmäßigen Behandlung des Unterrichts oft Lücken klaffen, die unausfullbar bleiben müssen, weil der Widerspruch in der Stellung der Eltern zur Religion einerseits und der der Lehrer andererseits zu groß ist. Ein nach liberalen Grundsätzen' geführtes Elternhaus und ein Religionsunterricht nach orthodoxen Grundsätzen vertragen sich nicht miteinander. Schule und Haus müssen nach einheitlichen Prinzipien an der Erziehung des Kindes arbeiten. Die Außerachtlassung dieses wichtigen Moments hat ott die bedauerliche Folge vollkommener religiöser Indifferenz mit sich gebracht. Die Zeit, da in Berlin selbst Kinder aus liberalen Kreisen in den Entwicklungsjahren mit durchaus rückschrittlichen religiösen Ideen gefuttert wurden, liegt nicht nur nicht fern, sondern ist sogar immer noch nicht vorbei. Oft hört man von den Eltern, die selbst gänzlich frei leben, die Ansicht vertreten, daß ihre Kinder in derselben Art religiös unterwiesen werden müßten, wie es bei ihnen selbst vor 25 Jahren der Fall gewesen sei. Solche Eltern bedenken nicht, welche Folgen bei ihnen selbst durch diese verkehrte Methode herbeigeführt worden waren, und wie viele ihrer Altersgenossen gerade durch verkehrte religiöse Anleitung im Unterricht dazu gebracht wurden, der Religion und dem Judentum den Rücken zu kehren. Selbst werdende Theologen haben durch diesen Zwiespalt ihren Beruf fallen lassen. Ist das nicht beweiskräftig? . Auch heute versucht man wieder, die Methoden der alten Zeit anzuwenden und die Kinder in unterrichtliche Veranstaltungen in Form des alten Cheders zu dirigieren. In allen Stadtteilen befinden sich Religionsschulen dieser Richtung, deren Leiter glauben, die Kinder dadurch zur Religion zurückbringen zu können, daß sie ihnen schwärzeste Unduldsamkeit predigen und sie auf diese Weise" in schwerste Konflikte zum Elternhause bringen. Aber nicht dieser Erfolg allein wird eintreten und tritt ein: Die Kinder werden irre an sich selbst werden, an den Lehrern, an den Eltern, an der Religion, und mit Abneigung erfüllt werden gegen Lehren und Formen einer Religion, deren Inhalt ihnen unbekannt bleibt. Ein friedliches Wort daher an alle Berufenen! Man mache sich klar, daß solche Methoden zwecklos sind und unerwünschte Qegengefühle in der lugend hervorrufen. Man sehe sich die Jugend der hiesigen Ostjuden an, die nach den' geschilderten Methoden genügend einexerziert wird. Der Erfolg ist, daß die jungen Leute, kaum flügge geworden, alles verneinen. Nichts bleibt übrig! Umsomehr wünschen wir als ehrliche und gute Juden, daß eine moderne Art der Unterweisung, die auf die berechtigten Ansprüche des Kindes Rücksicht nimmt, ihm Zeit, Lust und Freiheit beläßt, sich immer stärker durchsetze: Ein vernünftiger, verständnisvoller Unterricht soll die Liebe zur Religion erwecken und erhalten. Man gebe, talmudisch gesprochen, ein kleines, aber reines Maß. 6