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Die Gemeinschaft · 1926-05-14 · 4 (14.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1926
Issue
4 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Verderben viel zu schade sei. Ruth brauchte einen Mann, und der Frau des toten Sohnes selbst den rechten Gefährten zu schaffen, hielt Noomi für eine selbstverständliche Pflicht. Es ist allen Ernstes so. daß sie in der Wiederverheiratung der Schwieger tochter die Sabbatpflicht erblickte, die Liebe, die Ruhe, die jeder Mensch haben muß, weil ihn sonst die Arbeit tötet. Kein Wunder, daß so viel Verständnis vergolten wird und Ruth sich zum Gebote der Ellernelming bekennt und der Mutter ihres Jugendgeliebten jenen Grad der Verbundenheit bezeigt, der das Formale des fünften Sinaiwortes erst zum Leben führt. Beide Frauen sind sich einig darüber, daß Alleinsein und Alleinlassen den Tod bedeuten und daß aufgezwungene Ehelosigkeit einen Mord an den Ungeborenen darstellt. Wer wollte diese Wahrheiten noch bestreiten? Wir haben in unserer Zeit vielleicht kein Verständnis mehrfürden guten Kern derVerwandten-Pflichtehe. die bei den Juden lange ein feststehendes Gesetz war. Ruth würde eine Verbindung mit einem Fremden, die dem begehrenswerten, schönen Weibe zweifellos sich bot, als Ehebruch zurückgewiesen haben Sie wollte durchaus den einen, Boas heiraten, mochte er auch viele Jahre älter sein, denn sie.sah in ihm den einzigen, ihr bestimmten und gehörigen Mann, und das ist es auch, was Boas ihr ausdrücklich bezeugt, wenn er die bedeutsamen Worte spricht: „Deine letzte Liebe ist die schönste, weil du nicht den Jünglingen nachgegangen bist, sie seien arm oder reich." Damit es nicht zu lang und zum lirmüden werde, sollen die drei letzten Gebote nur kurz gestreift werden. Man kennt die korrekte Gesetzgebung des jüdischen Armen- und Nachleserechtes. Jeder Halm, jedes Korn hat seinen Besitzer, und jeder im Volke kennt die Grenzen seines Gutes und wird nicht in Versuchung geführt, so das auch der Diebstahl^ am Armen in Betlehem unmöglich war. Ebenso wurde das neunte Gebot, das uns die Verleumdung verbietet, dort treu geübt. Ueberall würde die Fremde im kleinen Ort dem Klatsch erliegen, in der jüdisch».n Stadt wußte und bekannte Jeder und Jede, daß Ruth ein wackeres Weib ist. Und nun zum Schluß; Ohne daß darüber in der Schrift gesprochen wird, können wir uns vorstellen, mit welcher gewaltigen Neigung Boas sich an sein letztes Glück klammert. Trotzdem würde er keinen Augenblick zögern, die Geliebte demjenigen kampflos zu überlassen, der ein höheres Recht hat Nur wenn der erste l.öser des Erbgutes verzichtet, dann tritt er ein, dann ist er bereit. Und nicht! anderes verlangt das zehnte Oebot: .Du sollst nicht neidisch sein, du sollst nicht begehren das Maus und das Weib deines Nächsten." Wenn wir vielleicht so erkannt haben, daß das strenge und mit Scheu betrachtete Zehnwort uns bewußt wird und auch in unserem Leben wiederzufinden ist. dann werden wir versuchen, es zu begreifen und zu erfüllen. Möge Schowuaus uns in solchem Sinne eine neue Offenbarung sein!

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