Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1926
- Issue
- 4 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Muß)üde sein darf. Erst durch freiwilliges Bekenntnis wird man Israelit, Pflichtmensch. Wer in einem Wort den Sinn des zweiten Gebotes wiederzugeben versucht, der kann es vielleicht als die Lehre vom Rückfall bezeichnen. Rückfall in das Heidentum, Rückfall in verstärktem Maße in die bösen oder krankhaften Erbeigentümüchkeiten, aber auch in eine immer stärker werdende, aus sich selbst schöpfende Liebe! Beides als giltige Regel unseres Lebens zeigt wieder das kleine Buch. Die Söhne des Elimelech müssen sterben, da Gott die Schuld der Väter an den Kindern heimsucht, und aus Ruths Leibe sprießt das heilige Geschlecht des Hauses David, weil Gott für die Unendlichkeit Liebe denen spendet, die ihn lieben. Iis verlohnt sich schon, einen Augenblick darüber nachzudenken, mit welchen Empfindungen der Ergriffenheit und des ersehnten Trostes wirkl che Träger jüdischer Geschicke diesen voraussehenden und segnenden Gottesgeist, die Fürsorge des Himmels, mit vollem Recht und starkem Vertrauen auch auf sich bezogen. Nur wer an Gott zweifelt und nicht in diesem Grade von ihm durchdrungen ist, kann die Wahrheit verlassen und bei seinem Namen talsch schwören. Die biblische Auffassung, daß das Ja des Menschen wie sein Nein etwas Unverbrüchliches sei und den Eid voll ersetze, beweist Boas. Sein in der Dunkelheit der Nacht, -'kein Zeuge war zugegen —, der Ruth gegebenes Versprechen: .Ich nehme dich zum Weib, so wahr/Gott lebt!" ist das dritte Gebot in einem prachtvollen, jedes Herz packenden Beispiel Keine Macht der Welt konnte den reichen Gutsbesitzer zwingen, die arme Landfremde zu heiraten, und wenn er seine Zusage abstritt, dann war Ruths Aussage schwer erschüttert Aber ein Manneswort ist mehr als ein Eid', das lehre der Hinweis auf diese Episode, welche noch tausend verborgene Schönheiten enthält. Nur eine werde hier mitgeteilt, nämlich das grenzenlose Vertrauen, zu dem eine Frau auf Grund ihrer Neigung fähig ist, wenn sie sich selbst dem Hochgestellten anzubieten wajjt. Noch sind wir nicht bei der Kulmination, der Krönung des Ganzen! Wir dürfen nicht vergessen, daß Ruth, dieses beseelte Weib, ihr edles Selbst nur gefunden hat durch das Vorbild der Noomi. welche in der Kraft des Verzichtens und einer'"alle umfa>sendcn mütterlichen Liebe unerreicht dasteht: «Meine Tochter, ich will dir Ruhe verschaffen, daß es dir wieder wohl ergehe*.— Menschen, die darüber nachdenken und sich ernstlich bemühen, daß jedermann und die Frau noch mehr neben der Arbeit auch die Liebe braucht als den Pol der Ruhe, aus dem immer neu das Leben geboren wird, haben erst richtig den Sinn des Sabbatgebotes erkannt, welches verlangt: ..Du sollst Ruhe haben, jeder muß seine besondere Ruhe haben, auch Knecht und Magd und Vieh und der rechtlose Fremde". Noomi hat mit einer Logik, die nicht wenige bei der noch vielfach giltigen Auffassung vom Wesen der Frau als unmöglich bezeichnen werden, klar gesehen, daß ein so junges Weib zum Verwelken oder