Die Gemeinschaft
- Journal
- Die Gemeinschaft
- Volume
- 1925
- Issue
- 1 (19.9.1925)
- Date
- 1925-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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blick — wenn nichts anders der Selbst vertief u ng und Selbstbesinnung. Orgelspiel schließt das Schacharis ab und führt zum Kaddisch für Leidtragende, dem einzigen Kaddisch des Gottesdienstes. Die Torahvorlesung geschieht in alter Weise mit Trop; im Musikalischen liegt etwas Gemutpackendes, das bloße gesanglose Lesen ist eintönig, ausdruckslos. Die Zahl der Aufzurufenden ist geblieben; die Beteiligung an der Torahvorlesung ist auch ein Mittel, die Gemeinde zu aktivieren, das Gefühl des Lebendigseins, des Mithelfens zu verstärken. Das ideale Ziel ist, daß jeder Aufgerufene (wie bei den ^Kameraden^-Gottesdiensten in Breslau) seinen Abschnitt selber leint. Der Umfang der Vorlesung ist stark gekürzt; an keiner Stelle darf das Gefühl des Müßigseins, der Langeweile erzeugt, nirgends Gelegenheit zur Unterhaltung gegeben werden. Deshalb ist mit dem bisher hier üblichen Zyklus gebrochen worden; eine Auswahl der Vorlesungen soll die wert-und wirkungsvollen Teile der Torah dem Herzen und dem Verständnis nahe bringen. Nach dem weihevollsten Augenblick, der Keduscha, möglichst rascher Schluß, nicht langsames Abflauen des Gefühls; in Hochspannung (nach dem Gesang des w'hojo adaunoj l'melech, des adaun aulom oder eines Psalms) soll das Gotteshaus verlassen werden. Bei den deutschen Gebeten, seien es freie uder Uebertragungen oder Psalmen, ist der Prediger durch keine Vorschrift eingeengt, er kann f Inhalt und Text nach freiem Ermessen, aus der jeweiligen Stimmung heraus wählen und gestalten. Ja, ständiger Wechsel des Gebetes, der Form ist ein Erfordernis; denn es liegt in der Idee unseres Gottesdienstes, daß kein deutsches Gebet stereotyp werden darf. Jedes Gebet, jeder Psalm soll dem jeweiligen gottesdienstlichen Gesamtgedanken angepaßt sein, soll jedesmal von neuem zum Erlebni s werden. Nichts aber leiert sich so leicht ab und wird zur wirkungslosen Gewohnheit wie das Gebet, und sei es die tiefste und schönste Dichtung, das sich in ewig gleicher Form wiederholt. Nach den gleichen Grundsätzen, natürlich den einzelnen Festen angepaßt, ist die Liturgie der Wahlfahrtsfeste und der hohen Feiertage eingerichtet. Sie haben alle sich bereits bewährt. Wir sind jetzt zu einem vorläufigen Abschluß gelangt, und wir können mit gutem Gewissen sagen, dass der Versuch der Einrichtung des Gottesdienstes, auch des vollen Gottesdienstes gelungen ist. Sehr große Schwierigkeiten machten von vornherein die äusseren Umstände. Es war und ist nicht leicht, in der Zeit der Geldknappheit und wirtschaftlichen Depression in unserem armen Stadtbezirk die nötigen Mittel aufzutreiben. Und die waren immerhin bedeutend, obwohl zuerst ein Teil der Funktionäre teils völlig unentgeltlich, teils gegen geringes Entgelt tätig war. D?. das auf die Dauer nicht ging, weil besonders nach dem Ausbau die materiellen Anforderungen sich erhöhten, mußten wir uns an die Gemeinde um eine Subvention wenden. Aber da gab's Schwierigkeiten. Es ist nicht immer leicht, den Erziehungswert einer solchen Einrichtung klar zu machen. — Glücklicherweise sind in der Leitung sowohl der liberalen Vereinigung für Deutschland als auch des Berliner Liberalen Vereins eifrige Förderer des religiösen Aufbaues. Starker Widerstand wurde von anderer Seite entgegen gebracht. Man möchte wohl den ersten Versuch an einer Stelle, wo man den Liberalismus nicht wünscht, möglichst im Keime ersticken. Gründe sind wohlfeil. Die letzten Repräsentantenversammlungen können davon erzählen, was alles vorgebracht wurde. Ist es eine Bevorzugung, 8