Das Füllhorn
- Journal
- Das Füllhorn
- Volume
- II (1836)
- Issue
- 26 (17.6.1836)
- Date
- 1836-06-17
- Page
- Spalte 203-204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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204 20Z - Stets schweben ihnen vor den Augen ihres Geistes die Worte vor: "Was wird die Welt, was werden die -tute dazu sagen?" Diese Menschen kann man mit Recht unter die Thoren zählen, die etwa nur die Zeit heilen kann. Wieder eine andere Art Menschen gibt es, die eßen so blind sind, als die vorigen; aber im Gegentheile nicht gegen sich', sondern gegen alle anderen Menschen; sie sind taub für die Stimme Her Welt, und hören nur auf sich; ihre Stimme ist die erste und einzige, die sie hören wollen, und diese Stimme übertäubt alles Andere. Sie sind vom Eigendünkel so verblendet, oder vom Eigennutze so eingenommen, oder vom widerlichen Geiste des Mißtrauens in Anderer Vorzüge u«d guten Willen so erfüllt, oder endlich in sich selbst so sehr verliebt, daß sie fast jenem Riesen zu gleichen sich einbilden, von dem die Fabel erzählt, daß auf seinen Schultern der ganze Himmel geruht habe. Alles in Allem sind sie; sie soll man hören, ihnen folgen, allen Rach und alle Hilfe bei ihnen holen. Auch ihrem Geiste schwebt stets ein Wahlspruch vor und bilde» die Parole ihres Lebens, die sie, wenn auch nicht immer laut aussprechen, doch stets im Herzen denken; der Spruch heißt: »Ich und sonst Keiner.« (Jes. 47, 8.) Ihr Ich ist ihr Alles. Sie meint der Profet Jesaia, wenn er Kap. 5. Vs. 21. ausruft: »Wehe, die nur weise sind in ihren Augen, nur vor sich verständig sich dünken!« Auch sie gehören, wie die erstgenannten, zu den Thoren, die Nicht ein Mal die Zeit ganz heilen kann. Dahin gehören die Hochmüthigen und Hoffartigen, die Eigennützigen und Gewinnsüchtigen, und vor Allem die Genußsüchtigen, die nur in den Tag hinein leben «ollen, diemit den Worten Jesaia'S zu reden, sagen: »Laßt uns essen ttnd trinken; denn morgen sterben wer ja doch!« (Jesi 22, 43.) und dir Sünder; denn daß diese Thoren sind, lehren ttnftre Weisen uns sehr wahr in dem Spruche: »Niemand sündigt, es sei dem der Geist der Narrheit in ihn gefahren.« Und die Anzahl dieser beiden Menschenarten ist und war zu allen Zeinichts weniger^-als gering,^ja'Mehr, als zu^gtoß. Wch gering»» ÄNd weniger brvbreftet und bekümtt ist endlich die dritte Art, die, ohne bloß die Welt oder bloß sich hören zu wollen, keineswegs beide Summen verachtend, dennoch vor Allem auf eine dritte, meist beachtenswerthe Stimme horchet, und ihr den meisten Werth beilegt; es sind diejenigen, die vor Allem und in Allem auf die Stimme von Oben, von Aussen und Innen hören, ich meine, auf die Stimme Gottes und des Gewissens, die nämlich immer zuerst Gott und das Gewissen fragen, wenn sie etwas zu unternehmen beschließen, und dann erst die Stimme ihres eigenen Interesses und dann erst die Stimme der übrigen Welt. Was sie beginnen und ausführen wollen, so fragen sie nicht zuerst: »Was wird die Welt dazu sagen? oder wie wird für mich ein Nutzen herauskommen? oder wie werde ich Ehre davon haben? oder wird es mich nicht zu viele Opfer kosten? oder wird auch die Welt meine Mühe anerkennen und lohnen wollen?« Alles dieß beachten sie nicht, sondern sie fragen vor Allem: »Ist das, was ich beginnen will, auch recht vor Gott und meinem Gewissen, und nicht bloß vor der Welt und meinem Eigenwillen? wird Gottes Name und Ehre, nicht bloß mein Name und meine Ehre, dadurch verherrlicht, geheiligt?« Ein Solcher holt seine Verhaltungsregcln nicht aus dem Munde der Leute, nicht bloß aus dem Rechenbuche seines Dortheilcs, sondern aus dem Buche Gottes und seines Gewissens, und wo nur Ein Abweg ihm drohet, da weicht er auS. Auch sie, diese Menschen, führen einen Wahlspruch im Munde, den sie in Wahrheit auch ausüben; ercheißt: Recht thun ohne Scheu. Und.diese Menschen, sie sind die wahrhaft Klugen und Weisen; denn sie sind die Rechtschaffenen. Sie wissen es, daß sie'sehr oft nichts vermögen gegen die Thorheit und Bosheit ih, rer Gegner; abex sie haben Gott vor Apgen, dessen Stimme sie zurrst gefragt, und »thun Recht ohne Scheu,« wenn gleichwohl sie es nicht fehlen lassen, und nicht fehlen lassen dürfen, Andere von ihren guten Absichten und ihrem Rechtthun zu überzeugen; denn man muß, wie der. Thalmud sehr richtig und vortrefflich lrhrt, nicht wrr,vor Gott gerecht fein,- sondern auch vor Menschen gerecht erscheinen.' "Sie lässen sich