Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-06-28 · 221 (28.6.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
221 (28.6.1896)
Date
1896-06-28
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
83% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439307--2744-4889101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 221. \ Fr»l», völkerung gegen die Inden künstlich zn erzeugen, beweist ein trauriger Borfall, der sich kürzlich im O'oiii'cniciiifiit Ickaterinoslaw abgespielt bat. Der Pristav deS vierten Bezirkes im Greife Bachinnt erhielt eine Note des Isprawnik, die Ncuansicdlung von Jude» in den Dörfern mit aller Energie;» hintcrtrcibe». Der ivcifc Wächter des Gesetzes legte die Note dahin aus, dag sich die Bauern schriftlich vcrpsticlttc» mußte», den Inden keine Wohnungen zu vermiethen. ES geschah, und die n» wissenden Bauern glaubten sich durch ihre Unterschritt gehalten, Juden überhaupt im Dorfe nicht zn dulden. AlS Folge war, dag im Dorfe Grodowti fänimtliche Indc» von den Bauern dclogirt nnd ans dem Dorfe gejagt wurden, trotzdem sie mehr als zwanzig Jahre dort ansässig waren nnd »ach dem Wortlaute des Gesetzes von der I,--v Ignatjew hätten verschont bleiben solle». Buch die Abnahme von schrit'ilichen Bcr pslichtnngcn, den Hilden, welche „gesetzlich" in einer Drlichask leben, keine/Wohnungen zu vermiethen, in ebenfalls vom (besetze ganz klar und deutlich untersagt. Den Beamten ist aber das Gesetz Heknba, sobald cS sich um jüdische Angelegenheiten. handelt. Do haben die Beamle» des ärarischc» Lustgartens zn Unia« im (Gouvernement aiicw am «rönnngs tage verfügt, dieInden von der T Iicilnalmic am Bottsfene anszni'chliegcu, lrotzdcni dieses Fest nahezu ausschließlich -mit jüdi'chem Gctde arrangirl wurde. Die Folge war, dag die Juden in den Straße» ininltirt und mißhandelt wnrdcn. Dolche Früchte zeitigt ein Dnstem. das in Lug und Trug wurzelt. .Virzn> 2lns bom goldenen Zeitalter. ein Beriän von De. Friedrich 3. »iraufs. Trallinhäuplige Dichter und moralisireiide Wellverbesserer liebe» cS, auf «oste» einer ihnen unfreundlich scheinenden Gegen, wart eine ui älteste Bergangeuheit alS das gojdenc Zeitalter der Menschheit anzuprcistn. Die »ivdcrne Wissenschaft van der Dprach Vergleichung hat auch, wiewohl völlig gegen ihre Grundsätze, den Dtosf zu derlei Lchwindelhaber und Dippelhaber liefern müssen. Die zui» Uebcrdruß wiederlüulen Phantasien gewisser' deutscher und slavischer Stubengelehrten über die unendlich glückliche, wundersam herrliche Urpit der Germanen und Dlavcn sind durch meine Schrift „Böhmische «mallen aus der Gvllcrwelt" lWicn l,<y3) allen Anzeichen nach der verdicnteii Würdigung in Ge Ichrtenkrcisen anhciiiigcfaUc». Der Folklore aber, das durch lieber Ucferung erhaltene Wissen des BolkeS, daS »ichlS Anderes im Grundzuge darflcllt als daS von den oberen, höher gebildeten GesellschaftSelasscn abgelegte, oft nur außer Mode gesetzte WeiS ihum, hält zäher fest an den Irrthümern und ist auch nur sehr langsam bcsscrnngSfähig. In der großen Menge dcS BolkeS, auch jenes miteingercchnkl, daS man sarkastisch mit dem Worte „Stimm viel)" hie und da bezeichnet, lcisicn Unwissenheit, Gedankenlosigkeit, Denkfaulheit und leider auch in der -Reget Bildungsfeindlichkeit der Berbrci'.uiig der Sagen vom cnlschwundenen gvldenen Zeitalter ständig Borschnb. Die sociale» Schwindler verstehen es gewöhnlich, diesen Zustand zu ihre» Zwecken auSzubcuten, indem sic der urtheilSlosen Masse vorschwätzen, die Angehörigen dieser wder jener Eonfcssio» oder bürgerlichen Gliederling tlügcn die alleinige oder die Hauptschuld an dem Strafgericht, linier dem daö brave, liebe, biedere, gemiithliche Bolk zu ächzen und zu krächzen habe. Die moderne, wissenschaftliche Bölkerkunde räumt mit allem diesen Firlefanz nicht nur gründlich, sondern zugleich mit grau-' sanier Schonungslosigkeit auf, so daß jeder Freund der Aufklärung und deS Fortschrittes davon erbaut sein kann. Pietät ist alteingewurzelten socialen Irrlhümcrn gegenüber schlecht angebracht. Eine den Leib verseuchende Eilerwunde muß der gewissenhafte, verständige Arzt ohne Rücksicht auf daS Geschrei deö Patienten auf einmal auShebcn; denn schonendes „Hernmpatzeln" verschlimmert daS Leiden. Die heutige geselljelaftliche Reaclion ist ihrem Wesen nach nichts Anderes alS die Bemühung gewisser «reise, zu ihrem privaten Bortheile den geistigen Fortschritt in unserem Batcrlandc zurückzuschraubcn, d. i. wie eS im Jargon der Reaclionäre heißt, die gute, alte Zeit wieder herzustellen. ES verlohnt sich wohl wieder einmal die ganz gute, die garrr alte Zeit, die leider GolteS »och für einen großen Bruchthcil der^Menschheit mit der Gegenwart identisch ist, nach einer Seile hin im Spiegel deö Bölkergedankenö zu beschaue». Wir haben schon einmal anknüpfend an eine Untersuchung B erg ema nn'S über die Berbreilung der Anthropophagie den einst international vorkommendcn Menschenfraß besprochen. Diese Studien hat neuerdigS ein vielversprechender, sehr tüchtiger niederländischer Ethnologe Dr. Rudolf S. Steinmetz aufgenommen und all- » Seite 3. scitig verlieft.*» Er unternahm eS, die merkwürdigen Erscheinungen, die darin übeicinstimmen, daß Berwandte oder Ligmnigcnossen von ihren Bnivandtcn oder Stanimgenosscn gegessen werde», zu bclcuchtcn und ihre Erklärung zu versuchen. Hier liegen die Thal suchen auS der ganzen Welt geordnet nnd kritisch gesichtet vor, nur sind die überaus reichen Saniinelfpeich-r der Bolkssorfcher rinS den jüngsten zehn Jahren bei alledem fast unberührt geblieben. . Ii» Grunde genomnien liegt nicht viel an der Unterlast'»».;. weil schon daS dargcbvtene Material für die Benrihestnug der Er scheinung ansreichl. Einige .Proben, mögen dies aliuium: Die Aino Sachalins nnd die ihnen benachbarten Giljaken habe» noch bis vor «nrzci» «annibalisnuis gelrieben: eS war Dille, d ü der Pater sein verkrüppeltes >iind und der Mann sein nnsrnchibares Weib lödlklc iu'd verspeiste. Gefechte zwischen Stämmen auf ivn Viii «in Injeln wurden durch Bortainpfer geführt wenn die eines DiamnreS fallen, flüchtet dieser und bittet um Frieden. Die Beriöhunng ist nicht schwer: man iainniell die Todtcn und vereint sich, ni» sie zn verspeisen. Die Aghora, eine Hindnsecle, scheine» auch biS auf.' unsere Zeit die Leiäu» auf den Märkten, verkauft und die der Berbrecher verspeist zu haben. Auf der Hudsons Insel wurden die Schädel der Elter», nachdeni sie drei-Tage dcstatlkt gewesen waren, aiiSgeglaben und von den Zähnen der «.»der gereinigt: dies zn unterlassen, wäre Schande gewesen. «annibäliSniuS herrscht ans der FraneiS Insel nur für die Diebe alS Strafe. Einem Missionär gestand eine alle Maorifrau, die sonst alle Rahrnng verweigerte, sie Hütte nur »och Appetit nach der Hand eines «indes, und sie fügte hinzu: „Aber Niemand wird mir znlieb ei» «inö cinsange» nnd lödlen." Die Aruwimi in Afrika verzehren ihre gelödtejen Feinde und die bei irgend einer Feierlichkeit» hingemordcten Delaven. Die Nachbardörfer lebe» in ' ewigem Hader nnd deren Bewohner' fressen sich untctt'iiiander. Hauplmann Roger, der längere Zeit bei ihnen sich aufgchalten, theill mit, wie ein Dorf ein Weib zum Berspcise» gekauft halte: Mi Hund eines anderen dicht dabei liegende» Dorfes stahl etwas von dem Fleische: daS erste Dorf raubte deshalb dem Eigenlhüiner deS HnndeS ein junges Mädchen und verspeiste es.. Der Beraubte beklagte sich nur, weil der Hund viel weniger Fleisch gestohlen halle, alS das Mädchen groß mar. Der dem Premier lieutcnaul Morgen frcnndlichst gesinnte Henker deS Wüte Fürsten (KanieriiiI 'Ngilla sagte auf dessen Borwnrf, treuherzig den «opf fchüttclnd :. „Ja, Herr, daS ist richtig: aber ich bin nicht einer von jenen, die daS Fleisch der eigenen Landsleute fressen, ich verzehre nur daS der gefallenen Feinde, nnd, Herr, verzeihe, aber daS ist doch nicht so schlimm alS das, waö du machst. Du trinkst rohe Eier und issest rohcS'Thiersteisch. DaS kommt doch bei n»S nicmalö vor. Wir essen nur daö, was vorher gekocht oder gebraten worden. RoheS Fleisch essen in der ganzen Gegend »nr die wilde» Thiere," DaS sind Thatsachen anS sehr jnngcr Bergangcnheil. „Der Enriosilät wegen" gibt Steinmetz einige europäische Beispiele an^ alter Zeit. Die Wenden lödtctc» ihre allen Eller» »nd überhaupt Alle, die nicht mehr arbeiten nnd kämpfen konnten; die Leichen wurden gekocht nnd verzehrt oder aber lebendig begrabe» u. s. w. von de» Wilsen, den Bewohnern der uördlich von Britannien gelegenen . Insel Ierne, den Eantabrcrn und den Iazngen. Run . sind daö gar keine Enriosiläte», aUdieweilen ich und meine Mitarbeiter in den sechs Bänden' meiner Monatsschrift für BolkS- . künde „Am Urquell" zahlreiche Belege für dciz, Menschen-'ftider!. Leichen )fraß als LurvivalS bei den germanischen, slavischen^ und romanischen Bölkcrschaften beigebracht. ES werden einzelne Dhcite Ermordeter oder anS Gräbern herauSgescharrlcr Leichen zu Zanbcrzwccken gegessen oder zum Essen eingegeben. Diese Abart des inoderncn KannibaliSinnS stellls ich unter den Ausdruck „To.dtenfclische", der auch allgemein Ailfnahme findcl. Für nicht weniger alS 161 Böller von lO Bölkergruppe» erbringt Slcinmetz einen mehr oder weniger sicheren Nachweis für den EndokannibaliömtlS, von dem er fünf Hauplarten. unterscheidet. „Wir finden die allgemeine Leichenvcrspeisung Haupt sächlich in Australien, Südamerika, Eentralafrika, weiter in Melanesien, obwohl öfter nicht mehr blühend, im nördlichen Nordamerika meist auch stark herabgesetzt. Die Invalidcnverspeisuna kommt am häufigsten auf dem Kestlande Asiens, in Südamerika und auch in Afrika vor. Die kannibalische Ermordung ist am häufigsten in Rordamerika, Südamerika und Australien. D.e *) EndokaimibalirmuS. Von Dr. RS. -Steinmetz. Miuheiluiige» der Anthropologischen Äesellschast in Wien. Band XXVI, 1896. 60 Seiten. Quart.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.