Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 221 (28.6.1896)
- Date
- 1896-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit» 2. F»ete» Blatt. Nr. 221. nicht damit, den (Gegner mit geharnischten Interpellationen anzugreifen oder vom Regierungstische mit blitzgleichen Worten niederzuschnietteru, nein, man wird dem Gegner mit seinen eigenen Waffen begegnen, den kalten Wafferstxahl nicht auf die emporzüngelnden Flammen, sondern ans den Herd der Agitation richten und die müßigen Angreifer am Vcbensmarkc fasse». Der wirthschaftliche Kampf steht vor der Thüre •oit sinauziellcn Kreisen ist es schon lange kein Geheimniß mehr, daß der Wiener Platz für die von Ungarn ausgehenden Finanz- und Credit- Cptmticmcii immer weniger in Betracht kommt und hinter Berlin und Paris zurückslehcn muß. Unsere Gewerbetreibenden sind vielleicht kurzsichtig genug, die Tragweite einer solchen Thatsache zu unter schätze»: so iverden sie leider um so eher und empfindlicher die Folgen einer Maßregel begreifen lernen, welche man eben in Budapest zur Abwehr der Wiener Angriffe trifft. ES hat sich dort das Eomitö einer Bereinigung gebildet, welche ihre Mitglieder verpflichtet, jeden wirthschat'tlichen Berkehr mit Oesterreich nnd speriell mit Wien abzubrechen. Man ermißt nicht die Tragweite dieses Entschlusses, der, wenn er rcalistrt ivird — und das ist bei der politischen Reife der Ungarn nur allzu sehr zn fürchten — der Well ein Tchanspiel bieten würde, olincglcichcn in der «beschichte: der Boyrott einer Großstadt durch die andere, eines Ttaatcs durch den anderen, durch den Brudrrstaat. Tic Wiener Gewerbetreibenden mochten sich immerhin in ihrem Ti eg cs rausche über den Fetzen oder Tandclmarkt, wie sic die MillennimnS- Ailsstellung vornehm nennen, hinweggcsetzt haben; den Geschüttsentgang, der ihnen von dem bestgehaßten und verachteten Ungarn droht, könnten sie kaum verschmerzen. Tie Wiener Industrie, und zwar die Klein indnslrie nicht minder als die Großindustrie, ist zum guten Thcile auf der Boraussicht, einen Absatz nach Ungarn zu finden, anfgcbaut, und einzelne Industriezweige, wie die Bekleidungsgewerbe, grwiffe technische und mechanische «bewerbe :c., hängen zur Hälfte oder zu zwei Trittthcilcn von dem Bndapestcr Markte ab. Tiefe Branchen wären geradezu rninirt, wenn cs wirklich zu dem von Budapest aus augedrohtcn Boneott gegen die Wiener Industrie käme. To sehr wir es begreiflich finden, daß man in Ungarn dem ereeiiiven Borgehcn eines Theilcs der Wiener Bürgerschaft mit aller Entschiedenheit nnd 'Wirksamkeit cnkgcgcntritt, so sehr müßten wir cs dennoch bedauern, wenn es wirklich zn diesem Acnßcrsteu käme. Es ist ja eine unbestrittene Tliakiachc, daß Gewerbetreibende cs waren und lind, welclie am lanlestcn in den antisemitischen Bersammlungen schreien und bei den Wahlen gcwiffermaßcn als die Z'cibgarde der antiscmiki'chcn Fiilirer auflrcken. Tiefe Geweibetreibenden sind,aber ein zumeist durch eigene Tchnld, Unlhätigkeit nnd Unwifftnhcit wirtlnchasilich längst nicht mehr in Betracht kommciider Factor, ein dem «bewerbe längst ent sremdeies >''effndel, dem der ungarische Boneott känni viel schaden konnte Tie ganze-Tchwcre jener Znchkmaßrcgcl würde vielmehr aus jene «Gewerbetreibenden fasten, welclie ganz und ausschließlich ihrem ^'ewerbe -leben nnd der Politik und somit auch der gegen Ungarn b.'iriebeiien Agitation vollständig ferne stehen Ticie Unschuldigen müßten >ur die wabrhan Tchnldigen^leiden, nnd cs ist daher hoch an der _$m, daß *ic envas Vorkehren. NM die ihnen drohende«. Gefahr abzuweuden. Es gibt nur ein Mittel: der redliche und reelle Handwerker muß sich i'tnu dagegen verwahren, daß rn nnd außer Tcstcrrejch die Begriffe 'Wiener Handwerker und Antisemit idcntistcirt werden, er muß 1 di mit aller Entschiedenheit von dem Makel rein waschen, als ob ,i iein wirtbichastliches Heil stall im geistigen Fortschritt und in n.Niger Arbeit in dem Haß czegen Alles, was frei ist und der Freiheit l'.ildigt, erblicke. Biellcichl wird man in Ungarn ,bald erkennen, daß : - trotz aller -Wahlergebnisse doch noch lange nicht ganz Wien ist, i. io jetzt hinter den Machthabern im Wiener Rathhausc steht. Tie .stletiigewerbetrcibenden mögen gleichfalls eine Viga bilden, welche cs i;d, zur 'Anfgabe macht, die Inlcrcsscnpolitik des Gciverbcstaudcs vor -. en den internatioitaleii und internrbancn Edaraktcr des Wirthichasts le.,.'iis verletzenden politiichcn Einslünen zu bewahren und vor Allem gegen den Mißbrauch der Wiener Industrie zn politiichcn Borspann dicnsten für die clericalc Partei wider Ungarn zn protcstiren. Es ist eine l^cnngthnnng, welche Wien Ungarn schuldet nnd welcher inan in Ungarn gewiß die Anerkennniig nicht versagen wurde. ES würde eine solche Berbindiing sreisinniger Gewerbetreibender auch den besten Ausweg ineten, um cs den Ungarn zn ermöglichen, ihre nationalen Widersacher nicht ivirthschastlich unterstützen zu müssen und doch den Unschuldigen nichts sür Tchuldige ivirthschastlich büßen zu laffcn, und so das Aentzcrste zu vermeiden: den wirthschaftliche» sirieg zwischen zwei Tchwelteritädtkn. Tie Mitglieder der Bndapcster Viga brauchten sich nur zu verpflichten, ihre Geschäfte am Wiener Platze bloß mit solchen Gewerbetreibenden zn machen, welche Mitglieder der Wiener Viga sind. würde der beabsichtigte Angriff auf den Gegiter doppelt empfindlich iverden, viele, vor dem antisemitischen Terrorismus zurückweichende Elemente würden » die Kraft nnd den Muth zn energischem Proteste fassen, ein Band der Tolidarität würde sich um die besten Elemente der beiden Tchwestcrstädte schlingen, und nicht der Krieg, sondern der Friede wäre der Erfolg. Werden unsere Kleingewerbetreibenden noch so viel nioralische Kraft in sich besitzen, um den guten Rath, den letzten, den mir ihnen hier geben, zn befolgen? Russische Gesetzauslegung. (L'riginal-Mitcheilnng des „Freien Blatte?".) Petersburg, 20. Juni. Tchwcre Zeiten brechen für die Juden in Rußland an, und wenn eS irgend welchen Zweifel über die wahren Absichten der Petersburger Regierung noch geben könnte, fö müßte er angesichts der Artenstücke, welche uns gegenwärtig vorliegcn, völlig verschwinden. Tas Ministerium des Innern hatte sich auf Befehl des EzarS bekanntlich der Mission Unterzogen, die zur traurigen Berühnttheit gelangte Lox Jgnatjew vom 3. Mai li*8?, wonach den Juden die Ansicdlung mtd Riedcrlassung in den Tönern und Marktflecken des Reiches untersagt wurde, enicr radicalcn Turchsicht zu unterwerfen. Ter Minister des Innern, Tcnator Gorcmiikin, richtete deshalb an sämmtliche Gouverneure eilt Eircular, mit dem er die Einsendung authentischer Taten über die Wirkung, welche das Gesetzvom 3. Mai auf das Vcbcn, den Handel und das Gewerbe der Inden geübt hat, verlangte. Tic Gouverneure forderten ihrerseits sännntliche Torfbehörden aus. Taten über die Ergebnisse der Anwendung des Ignatjcw'schcn Gesetzes zn sammeln. Jeder unparteiische und billigdenkcnde Mensch wird zugcben, daß derlei Angaben, welche bcstimmt sind, über das Tchicksal einiger Millionen Menschen zu ent scheiden, mit der größten Tbjcctivität hätten zusaniincngcstcUt werden müssen, daß die Behörden, welche berufen waren, diese Aufgabe zn erledigen, frei von jeder Borcingcnominciiheit nnd jeder Einflüsternng hätten sein sollen. Allein die uns vorliegenden Circulare der Gonvcrncnrc an die Torfbehörden bilden nicht bloß eine Anklageschrift gegen die Juden, sondern sic legen den torfbehördcn in den Mund, was sic zu sagen haben, nni die „gänzliche Austreibung der Juden aus den Törfcrn" herbciznführen. Ein abscheulicheres Komödienspicl kann man sich kaum vorstellcn! Tie charakteristischen Tchriststücke besagen im Wesentlichen: „Im Aufträge des Ministeriums des Innern fordere ich die Polizei mcister und die T orsbehördcn des mir uiitcrstchcndcn Gouvernements ans, mir unverzüglich über die Ergebnisse derfast vierzehnjährigen An wcndnng des Gesetzes vom 3. Mai 188,' Mitthcilnng zn machen. In erster. Vmic verlange ich Bericht darüber, welchen Beschäftigungen sich die Inden zngcwandt, die aus den Törfcrn ansgewiesen winden, und welchen praktischen Borlhcil im Allgemeinen das Gesetz vom 3. Mai gebracht hat. Mit besonderer. Genauigkeit aber sollen die Torfbehörden über die Tliäligkcit der in den Törfcrn belassenen Inden und über bereu Einfluß aus die ökonomische Vage der Bauern berichten, wobei die Torfbehörden aufgeiordert werden, Borschläge darüber zu machen, welche Mittel und Maßnahmen zn ergreifen sind, um die Bauern vorder schädlictien, ihren Wohlstand in den Wurzeln untergrabenden Ans bcitlnug der Inden am sichersten schützen zn können. Biellcichl sinden die Torfbehörden. daß das beste Mittel zur Erreichung'dickes Zieles die völlige AuSlrcibnng der Juden ans den Törfcr-n sei, da sie in den Ttädlcn, wo die Eonenrrc»; eine allgemeine ist. keine so schädliche Thätigkeik entwickeln können." Bei der totalen Unwissenheit der Torsbehörden in Rußland und bei der großen Autorität, welche die Gouverneure genießen, ist das Eircular nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung, die Juden in den Angen der Ecutralvcrivajtung als Tchädlingc hinzulscllen. Tas von den Torsbehördcn im Tinnc des Eirrulars gesammelte Material wird nachher als vox populi zu Ungunsten der Inden ausgcgcbcn werden, um neue Beschränkungen schaffen und sic rechtfertigen zn können. Mit Recht sagt der „Tdeßkij Z'istok", der dem Eircular einen längeren Artikel widmet, daß die alleihöchstc Absicht, durch die Prüfung der Wirknngcn der Lex Ignaljew vom 3. Mai die Vage der Inden einiger maßcn zn mildern, -in Folge des Rundschrcibciis der Goiivernenre vereitelt wird, da cs außcz: Zweifel steht, daß die T orsbchvrden das Eircular befolgen nnd Taten liefern werden, welche für die Inden verhängnißvoll lein dürften. Auch der „Woichod" wagt cS. die Auf mcrksamkcit der Centralrcgicrnng ans die Berwcrftich'kril der Umfrage zu lenken und um Abhilfe zu bitten. Aber dort, wo die feste Absicht besteht, die Juden um jeden Preis, auch um den der Vüge, der Ent stellung und der Willkür zu verfolgen, dürsten diese Preßstimmen wirkungslos verhallen. Taß Beamte in Rußland sich das Recht hcrausnchmcii, das Gesetz zu Ungunsten der Juden zu deuteln und den Haß der orthodoxen Be-