Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 220 (21.6.1896)
- Date
- 1896-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 8. Freier Blatt. Nr. 220 ' iWik Lu(fler gegen die Juden hetzt.) I» Land schau (Mähren) sprach Lueger am letzten Sonntag in einer Antisemilenversammlung; in seiner Siede zveculirte er auf den Neid und die Habsucht der Bauern, indem er sagte: .Wie schön ist doch unser Vaterland Oesterreich, und wie viel schöner wäre e» dann, wenn nur die Christen es besäßen der Bauer die Früchte einer Arbeit und Mühe selbst einheimsen könnte. Sir. sind aber Personen da, die ihr Brot nicht .im Schweiße ihre« Angesichtes' essen. (Sind denn „BeuschlherauSnedmer' erst eine Schöpfung der. jüngsten Tage?) Man hat in den früheren Zeiten stet» von den Truden der Bauern zu erzählen gewußt, i» denen sie da» Silber aufbewabrrcn; heute ist es vorüber, die Silbertruhe gehört der Bergangeubeit an, sie "ist eine Antiauität geworden. Auf allen Gebieten drängt sich der Jude Hera», der den Gewinn an sich;n ziehen versteht, und io ist e» auch bei dem Bauernftaiide, in welchem der Jude den Zwischenhändler ipirlt. So ist es auch beim Gewerbestande und auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens wegen der Jude» io schlecht bestellt." Wenn Herr Lueger im Reich»ralhe hehl und verdächtigt, io län't er Ge'abr, daß ihm ein Pole oder Jungffcheche gehörig auf die Finger klopft und daß man ihn an seine liberale und temokratffchc PergangcnKeil erinnert sowie daran, daß er sich die Gönnerschaft der Tschechen bei seine» Wiener Wahlkämpfen erbeten, dann aber zur Caplivirnng der Deutsch Nationalen die Xomenskn-Schnle angegriffen hat. In Landschau war Lueger desien gewiß, daß keiner seiner. Zuhörer ibm entgegentreleii werde. Ter Znaiiner Buchdrucker Nawratil n»d einige »Geistliche der Umgebung sorgten schon ta'iil, daß sich in Landschau keine dem Hetzsystem gegneli'che» Elemente bemerkbar mache» Lueger erklärt sich übrigens für einen Sendling Gone». Am 17. d. M. sagte er in einer Aittiiemitenversaminlung in I e d l'e r i e e: „Je mehr sich die Juden ärgern, desto mehr freue ich mich. Meine Au'gabe beißt aeiliren. fleißig' agilircn, und wo es beiß zugehl, da muß ich stet» dabei ff'in, da ist es meine Pflicht Wenn der Hergolt Jemanden zu etwas bestiinml bar. io muß inan edurch-ühren. ntid wird mich einst der liebe Gort »ragen: .Tr. Lueger, was hast du mit dem Pfund gelban, war ich dir in' di« Wiege eingelegt bade , >o werde ich sagen: .Lieber Gott, ich habe aus Erden Alles geidan, um nur die Inden-Liberalen und Juden. ordenilich zu ärger»', lind ich glcube, „»'er Hergotr wird mir dafür dankbar fein." Ein merkwürdiger Gen, der »''ott Lueger s. Christen verehren einen anderen Gott. Gilt Fkblitgkricht.i Tie „deutsch-liberale .s r e i s-i IIII i g es Anti > e m i k e n v c r e i » i g u » g" batte in den ersten Tagen deS Juni eine Beriainmluiig bei Marlens in Berlin veranstaltet. Tie Einladung a» de» Ailichlagsäulen lautete: „TenncheS FcKmgcricht über die .antisemitische ReichStagSsraciion alS Volksvertreter! Nur Germanen haben Zutritt!" Tie Eontrole an de» abüren war aber nicht 'ebr streng. Wer 2») Pfennige bezahlte und sich mit einer nicht gar zu krummeii Na>'e legitnniren konnte, wurde anstandslos hereingeiasie». Um 8' , Uhr Abend« sollte e« loSgehen, um!B , Uhr aber faßen, so berichtete die „Hrclizzeitung", die .'XI Personen, die sich nach und nach glück Ilä2ju>alnine»geft»iden ballen, noch in dem geheimnißvollen Halbdunkel deS nun ganz spärlich erleuchteten Saales. Zu mehrfacher Ucberraschung halte auch eine längst vergessene Große die Versalnmlung mit ihrer Anwesenheit beehrt: Herr Ludwig S ch w e i n b a g e n. Wie er mittheilte, vertrat er hier de» Redaoteur Sedlatzekde« antlicmiliicheli .General-Anzeigers", der jem „sitzen" muß Gegen!»’4 Uhr waren etwa si») Perfonen belsamme». Nun ging der Gelteinnebiner auf das Podium und crösfnete die Versammlung. Es war der Eiilbtruttr Franz Maire. Tieier Herr, der in einer antisemitischen GefühlSl egung feinen ursprünglichen Namen Maier in Maire verwandelt haben soll, begann gleich tüchtig auf da» „krummbeinige Zeug" zu schimpfen, die einmal „mit dem Pusten ihrer Posaunen MaMrn umschmcißen wollten" und die dem Ebristenlbnme ihr Anhängsel, da» „Alte Testament", aufgedrängl hätten u. s. w. Dann meinte er: „Tie antiieiniti'che Bewegung schläft wieder lallgemeine Zustimmung», aber nur deshalb, weil mal die kirchliche Geschichte, die Stöcker und der Junker L i e d e r m a n u, dazwischen gekommen sind. Ter A h Iwardt aber — ja, das war Einer, der hal'S verstanden! (Lebhafter Beifall.) Wir dekäinpfeil fünf I«: Juden, Junker". .. lZuruf: Pfaden!) Maire: „Nee, es muß mit I fein, sagen wir: Jesuiten, Impfer und Juriden!" (Große Heiterkeit.» Endlich kam der Redner zu seinem Thema. „Wir haben die heutige öfteutliche BolkSversammlung Fehnigericht' genannt. Sie werden ja wohl wissen, wa» da« ist. Wir verstecken n»S nämlich nicht hinter Paragraphen, sondern Sie sollen heule Abend, mal ganz nach Ihrem Gewissen urtheilen. Wir wollen da« BolkSgerickt jetzt adballen. Sie sind Schöffen! Zwar haben wir »n« hier eine ganze Reihe Anklagepnnite ausgeschrieben, aber e«!st bester, daß erst einer von den deutschen Männer» hier seine Anklagen vorbringt. Tie Bertheidiger müffen bis zuletzt warten!" Nun begann eine regelrechte Abschlachtung der antisemitischen ReichStagSfraction. „Wie haben sie sich beim Böriegesev verhalten?" schrie Herr Maire. „Stumm wie die Fische! Unser Lerlrauen ist bei ihnen aus den Holzweg gerathen, da ist gar nichts gegen zu wollen." (Heiterkeit l Al« nächster Redner kam Schweinhageu, der sich über Alle- und noch etwa« vernehmen ließ. Ueber den Fall K o tz e erklärte er mit wichtiger Miene, sehr viel zu wiffen, dann redete er von dem „jüdischen Geheimbuude bei Hose" u. s. w. Ganz besonder« aber sprach er gegen den Herrn „Johanne« M i g u e l". An der antiseipitiicheu ReichStagSfraction ließ er kein gutes Haar. Er habe daS^gleich vorausgesehe», aber fr habe es gehen lasten, wie eS wollte. Jetzt wolle er keine Führerrolle mehr übernehmen, erklärte er in verletztem Stolze. Als Tritter im Bunde gesellte sich nun noch ein Hausmann Pohl den Anklägern zu. Sein Plaidoher, da» natürlich aus Schuldig lautete, störte jedoch die Würde des Gerichtes ganz bedeutend, denn die „Schöffen" mußten etlichcmale bei einigen kräftige» Stellen der sehr langen Rede laut auslache», freilich nicht ohne sich eine Rüge de« Vorsitzende» der Fehnie znzuziehen Mittlerweile war es beinahe Mitternacht geworden und man war immer »och nicht zum UrtheilSspruche gekommen. Einige suchte» des halb da» Weite. Tie Fehme aber faß »och lange beim Biere und brachte immer neue Anklagepunkte gegen die schon arg mitgenomnienc antisemitische ReichStagSfraction vor. Taß die „Hreuzzeitung" über ihren ebemaligeu Mitarbeiter Schweinhageri sich in ihrem Berichte lustig macht, ist sicherlich wellig pietätvoll. Nebenbei bemerkt, wollte dieser Schweinhage» einige Tage später an einer „deutsch-socialen" Antisemitenverfaininlung theilnehuien, wurde aber a» die Luft gesetzt. Zius antisemitischen Blättern. Besorgnisse der Wiener Antisemiten.) Man schreibt uns: Während die Wiener Anliseiniten nichts unversucht lasten, um Groß-Floridsdorf mit einem antisemitischen GcmeludeailS'chiisse zu beglücke», und der erste Vieebürgermeister von Wie» unter Assistenz von mehreren kampflustigen Geistlichen »nd dem gesinnungStüchtigen — Advocatcn Hnotz die Floridsdorfer bearbeitet, vergcffen sie auch nicht die Freunde in der Ferne. Ein Wiener Antisemitenblalt -äußert lebhafte Besorgniste wegen der Zulunsl der „»ngarischcn Volkspartei", welche in ihrer Existenz bedroht erscheint, da eine Bestimmung deS Gesetzes, betreffend die GerichtSbarleit der Curie in Wahff'achen, unter den AnnulliriliigSsäUen a»ch den Mißbrauch der Religion anszählt. Graf Ferdinand Z i ch p wird demgemäß ansgefordert, alle Hebel in Bewegung zu setze», um dieser Bestiinninng mit Hilfe deS Magnatenbauses den Garaus zu inachen. DaS Aittisentilcublatt selbst sept aber nicht allzuviel Verlrauen in die Straft, de« Grafe» Zichu. Haben doch in Ungarn jene Männer die Macht in Hände», welche dem Grundsätze huldige», dem Präsident Desiber v. L z i l a g » i am 8. Juni in seiner Ansprache a» den Kaiser gelevenilich des großen HnldigungSacteS der beiden Häuscr deS Reichstage« Ausdruck gab: „Unverletzlich ist die Gleichheit aus dem Gebiete der individuellen und politischen Rechte ohne Unterschied der Raee und deS Glaubens." Tic Besorgniste der Wiener Antisemiten wegen der ihnen geistig verwandten ungarischen Elemeute sind lhatsächlich vollloinnien begrünkcl. Wie sollen diese ohne Mißbrauch der Hanzel Wahlersolge erzielen? (Schicdkr eontrn König.» Am 17. d. M. fand hier die Verhandlung über eine EhrenbeleidigiingSklage statt, welche der Gastwirlh und Armenrath des Bezirke« Ottakring, Sulvester S ch i e d e r, gegen den Herausgeber und ver antworllichen Rcdacteur des antiseinitischen „W iencr Volksbote»", Johann Honig, erhoben hatte. Tie Hlage stützte sich auf einen von Honig ver faßten Artikel, in welchem Herrn Schieber vorgcworfen wurde, er habe auf Grund von zwanzig fingirten Fleifchzetteln (Anweisnngen auf ein halbes Hilo Rindfleisch) sieben Gulden für sich eincaksiren laste». Der Angeklagte versuchte, den Wahrheitsbeweis für feine Behauptungen zu führen. Die Jur» sprach ihn jedoch einstimmig schuldig, und er wurde zu e i n e in M o n a t e Arrests ver urtheilt. (Scheiterhaufen für allss, Ungläubigen ) Tie antisemilischeu „Nachrichten" in E g e r waren sehr ergrinimt darüber, daß e» am verflosteneu FrohnleichnamStage einige Egerer Juden angeblich wagten, während deS herkömmlichen Umzuges in einem dortigen Haffeehaufe Billard zu spielen. Ter Falkenauer „Volkswille", das im Gegensätze zu anderen social-demokratischen Blättern mit dew Antisemiten nicht liebäugelnde „Organ der arbeitende» Bevölkerung in West- und Südböhmen", bemerkt hiezu: „Man denke sich doch diese schauderhafte Thal! In einer Zeit, wo ernste Fragen ihrer Lösung harren, und wo, wenn die .Nachrichten' schon durchaus »ach möglichst viel localen Stoff Haschen, auch Eger Mängel genug aufweist, bei denen eine gesunde Kritik am Platze wäre, in einer solchen reichbewegten Zeit weiß da» edle Blatt nicht- Anderes, als einen wüthenden Schmähartikel von Stapel zu laffen, bloß deshalb, weil irgend Jemand eine religiöse Feierlichkeit nicht mitmachte. Der glauben»eisrige Mitarbeiter der.Nachrichten' scheint freilich nicht zu wiffen, daß eS ein Staatsgrundgesetz gibt, besten Artikel 14 Jedermann die GlaubenS- und GewiffenSfreiheit gewährleistet, und laut besten zu einer kirchlichen Handlung Niemand gezwungen werden kann. Freilich, wenn eS nach dem Wunsche der biederen Deutsch-Nationalen ginge, müßten selbst unsere gering bemestenen politischen Freiheiten beseitigt und Scheiterhaufen für alle Ungläubigen errichtet werden. Glücklicherweise aber wachsen die Bäume nicht in dtu Himmel, und bevor die verpfafflen Reaktionäre noch ihr Lieblingsziel erreicht, dürfte Jedermann einsehe» gelernt haben, daß solche Leute ganz gewöhnliche Pfaffenknechte und ihre FreiheitSphrasen leerer Mumpitz sind." (Mohrenwaschnngen.) Tie Ehrbegriffe sind Ergebniste des moocke ambiuut, der surrounäioxs, ein Ergebniß der sociale» Entwicklung einer Volkes und im einzelnen der besonderen Elasten und Stände, bi» auf di« Individuen,