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Freies Blatt · 1896-06-21 · 220 (21.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
220 (21.6.1896)
Date
1896-06-21
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1 ff) Zlr. 220 > Freie» einen Diebstahl oder einen Betrug begeht, dann kann unsere tugendhafte öffentliche Meinung nicht peinig Worte der Entrüstung finden, da wird da« gelammte Judenthum für die Unthat de» Einzelne» verantwortlich gemacht und al» ein Volk von Verbrechern, eine Plage de» Baterlande» hingestellt, welche die christliche Bevölkerung demoralisirt. Und doch, könnte piisere christliche Bevölkerung gerade von dem armen, unterdrückte» und erbarmungslos gehetzten Juden Moral lernen! Sehen wir uns nur sein Familienleben an, die Art, - wie er seine Feiertage begehr! Die ganze Woche spart und darbt er, ui» den heiligen Sabbath würdig zu feiern, und ist der ersehnte Ruhetag endlich herbeigekommen, so benutzt er ihn nicht dazu, seine Ersparniffe der Woche in die Schänke zü tragen, sich im Branntwein zu berauschen und mit seinen Nachbarn Zank und Händel anzusangen, sondern er verbringt die eine Hälfte de« Tage» in seiner Synagoge in Gebet und Lobgesang, die andere im «reise seiner Familie, wo ihm seine Kinder den in der Woche gelernten Thorahabschnitt hersagen müssen. Thäten doch die breiten Massen der christlichen Bevölkerung da» Gleicht, anstatt die heiligen Feiertage an den Stätten der Sünde, in Schank- und Tanzlocalen zu verbringen, wo e» nicht selten auch »och zu Rauferei und Todtschlag kommt!" (f Marquis de Moros.) Nach einer Meldung aus Tunis wurde der antiscniilischc Abenteurer Marquis de Mor» s unweit von GhadaineS, an der tripolitanischcn Grenze, mit vier tunesischen Dienern von den Tuaregs, deren Führung er sich anvcrtraut hatte, angegrisscil und ermordet. Der entartete Sohn des Herzogs von Ballombrosa war, nachdem er in Frankreich gründlich abgcwirthschaftct hatte, unter die Afrika-Reisenden gegangen. Die Nachricht von seinem Tode erregte in Paris kein sonderliches Interesse. Tie Sprache eiues Richters in Melbourne.) Kürzlich kam bei Gericht in Melbourne ein interesiantcr Zwischenfall vor, der auch europäischen Gerichtshöfen als Muster dienen könnte. Cfin Advocat erklärte vor Gericht, sein Client sei in die Hände eines jüdische» Geld manncs gcfalleii, und müsse deshalb/ jetzt' Bankerott anmcldcn, worauf ihm der Richter P? i l l i a in s erwiderte: „Nach meiner Erfahrung, sowohl als Advocat wie als Richter, sollte man den Ausdruck .jüdischer Gcldmann' niemals in dem beschimpfenden Sinne des Suchers ge brauchen, welcher nur ein llcbcrblcibscl veralteten Raccnhaffes in." 2lus antisemitischer: Oereinen und Oer sarnmlunaen. cÄ-iklirr GkMkinderath.) In der am 12. Juni abgehalienen Sitzung de» Wiener Gemeinderalhe» sah sich die Majorität veranlaßt, einer Erklärung Rechnung zu tragen, welche ihre Führer zu einer Zeit abgabeu, da sie noch nicht voraussahe». daß sie so bald daSHest in die Hände bekommen werde», und reducirtc demgemäß die Bezüge der Mitglieder de« GeineinderalbsvräsidiumS und de» Zladtrathe«. Zo manche»! Auliscmiten mag dies schwer genug gefallen sein, uzid er stiinnne für die augenblicklicbe Schmälerung der eigenen^ Bezüge nur in der zuversichtlichen Erwartung, daß in nichts allzu langer Zeit die Einsührung der geplanten Sectionen und Präienzniarlen ihm reichliche Entschädigung gewähren w»rdc. Platzhalter S l r o b a ch war au» freien Stücken oder aus höhere Weisung so takllo», dein 'Niederösterreichischen VolkSbildungSvereine eine größere Bedeutung abzusprechen und e» daher sür gerechlserligl;u finden, daß ein au« Lueger, dessen Platzhalter - und Reu mayer be stehende« Gemeinderathspräsidium sich nicht dazu herbeiließ, zur Jahresversammlung diese» BildungSvereine» nach «rem« einen Vertreter zu entsenden. Für die „christliche Socialrcform", welche nun in der Wiener Gemeindeverlrelung eine Pflegeställe findet, sind drei Anträge bezeichnend, welche in dieser Sitzung eingebracht wurden. Der „Arier" Porz er stellte den Antrag, e» möge die Direction der Sternwarte angegangen werden, da». Mitlagszeichen durch einen Kanonenschuß geben zu laffcn. Dieser kluge Advocat scheint ofienbar der Meinung zu sei», die Sternwarte habe ihre» Sitz im Arsenal, und deren Director sei ein Batterie-Commandant. Ans gleicher Höhe stand ei» socialpädagogischer Antrag eine» Antistmüen Raine»« H a „ k e, e« sei dahin zu wirke», daß die Eltern verkommener Kinder mit Arrest bestraft werde» solle». Praktischer vom Standsninkle seiner Zunft war schon ei» Antrag de» Vorsteher» der Fleischhauergenossenichast, de» biederen Meister» HUtter. Da die Viehmarktpreise derzeit gering sind, sucht Hutter daS Interesse der Mevgex, bei denen die Fleischpreise nicht um einen Kreuzer billiger wurden, dadurch zu wahre», daß er da» Gro» de» Publicum» vom Fleischmarkte ausschließen will, und wagt e», folgenden Antrag zu stellen: Auf dem Loxros-Fleifchmarkte solle da« Fleisch nur von 3—6 Uhr, und zivar Rindfleisch nur in Viertel, be. ziehungSwcise Fünftel, Lamm-, Kalb- und Lchaffleisch nur im Ganzen verkauft werden. In derselben Sitzung halte der Bicebürgermeister mit der „nationalen LammSseele" Gelegenheit, den Nachweis zil erbringen, daß er zur Leitung einer Verhandlung vollständig unfähig sei. Lueger, der ein Referat erstattete, mußte ihin wiederholt al» Nothhelfer beispringen, und er that e» auch, indem er einen Genossen von der Landstraße, den Gemischtwaarenhäudler 8Uii. . Seift 7.- Schneeweiß, anherrichte: „Riedersetzeu!" Die Sivung vom 12. Juni ist . jedenfalls ein vielversprechender Anfang. — Auch der Stadtrath hat sich bereit» au«gezeich»et. In.demselben referirle Tomdla ain 16. d. M. über da» Ansuchen de» Wiener Volk«bildu»gsverki>ikS um Flüssiginachuiig der demselben pro 1896 i» Aussicht gestellte» Subveniio» von 3200 fl. und Bewilligung von weiteren jährlich;» erhöhendeu Subventionen für die'Jahre 1897—1899 und beantragte: „Dem Wiener Volksbildungsverein wird in Abänderung de« Gemeinderaihsbeschlnsse« vom :">. Cctober 1894 ssir da» Jahr 18!'6 eine Subvention von 500 fl. gewährt. Ta» Gesuch' de» Vereine« iür die Jahre 1897 . bi» ,1899 wird mit dem Hinweise daraus abgelehnt, daß der Gemeinderath grundsätzlich bloß Subvcntioncn für da» laufende Jahr gewähre." Ter Referenteiiantrag wurde genehmigt und aus Antrag Wähn er'« noch beschlossen, de» Magistrat zu beauftragen, ein Gutachten darüber zu erstatten, ob und in welcher Weise die. Frage der Ausstellung vv» Volksbibliotheken in de» einzelnen Bezirken durch die Gemeinde gelöst werden könne. «Lcbrkrsrcundlichkeit der Autisemilcii.» Der Verein der Deiitich- 'Nationalen in Oesterreich hielt am 16. d. M. i» Wimberger» Saallocaliläten in Fünshau» eine Versaininluiig ab, in welcher er sich wieder einmal gegen die dominitende» Ehristlich SoLiajcn ausiehnte. AI» erster Redner ergtiss Bürgcrschullehrer Franz SaIzlechner da» Wort, um über die SteUuiigiiqhme der Lehrer zu den bevorstehenden Landtagswablen zu sprechen Er-zog gegen die christlich-sociale Partei scharf lo» und sagte unter Anderem, am »»christlichsten handelu gerade die Elericale», die da» Volk immer zu unterdrücken suchen. Salzlechner forderte dje deutsche Lehrerschaft aui, sich bei den lommcndeu Landtag«wahlen der de,risch nationalen Partei anzuschließen. Hieraus wurde e:ne vom Bezirksausschuß Guttman» . verlesene Resolution, in welcher die Partei sich bereit erklärt, Wahlbewerbungen von Lehrern zu unterstütze», einstimmig angcnommeii. Ein Bürgekichullehrer griff danu die liberale Partei ans da» Hosiigste au. Al» ec aber erklärte, er werde, wenn er vor die Wahl gestellt »würde, sür eine» Liberale» oder sür einen Ehristlich- Socialen zu stimme», dem Letzteren seine Slimnie gebe», stieß er aus Widerspruch. Gemeinderath Tr. F achter, dcr später sprach, ekging sich in allerlei AuSlaffinigen gegen die Ehristlich-Socialen und sagte, die Deulsch-'Nativiialen - hälleii imiiier nachgegeben, um die Einiglcit im Aiitisemitenlagcr nicht zit störe». Vor Allem aber müßte» dje Temsch-Naiionaleu selbst einig sei», und ein Deutsch 'Nationaler, der Schönerer verleugne, sei wie ein Sohn, der den Vater verleugnet. St. H. Wols griff ebenfalls die Ehristlich-Socialen au und erklärte im Widerspruche' mir der Haltung deS, von ihm geleiteien Spatzenblane«,' die deuisch-nalionalc Partei gebe sich nicht zuin Trumps im Spiele einer Strebers der. Zu», Schluffe billigte Wolf dar „Programm" der Deutsche» Volksvartei, wie sich gegenwärtig die Andänger S t e i n w e n d e r'S »eiliie». Empfiehlt doch das'tlbe die „Befreiung deS öffeiillichen Lebens von dem vorherrschenden Eiuslnst'e dcr Juden". Eilicu Eommcntar zu' dcr Lchrersre'undlichleil. welche i» dcr gai.izen Versammlung io iebr zur Schau getragen ivurde, dielet uachstehender Bericht über eine au demselben Lage durchgesübrte GerichlSvcrhaudluug: Der ehemalige is'enosscnichasisvorstehcr der Webwaarc»- zurichler. Johaun Schierer, ei» strammer Antisemit,. kam am 9. Mai d. I. j» die Kiiabenvollsichiilc in der Slolberggaise im V. M-zirke, um seinen sechs», jährigen Sohn Johann, der von dem Lebrer wegen lluachlsamkert während de« llnterrichtes zurückbehalten ivordeu war, eigenmächtig mit »ach Hau''e zu »ehme». Der anwesende Lehrer, Herr Albert K a l s ch i n l a, widerievts sich diesem Vorhaben. Herr Schierer gerielb darüber i» furchtbare Ausregung. „Sie abscheulicher Kerl." begann er zu schreien, „schämen Sie sich, traue» Sie sich nicht durch die Siebenbruunengaise, sonst erschlag' iär Sie!" Herr Katschinka eilte davon und kam gleich daraus mir de» Lehrern Frauengruber und TuchoSlav wieder zurüch. Herr Schierer hielt bereits sein Söhn>lieu ail der Hand und schrie nun aus dein Eorridor in Anwesenheit mehrerer Schulknaben de» Lehrer»;>l: „Ihr elende» Hunde, Ihr jüdischen L ... blibe», ich werde euch zeigen!" Daraus ging er mit dem Knabe» nach Hau-'e. Die Lehrer erstaltclen »»» gegen Johann Schierer die Strafanzeige. Die Untersuchung war ursprünglich beim Landesgerichte i» Wien wegen Verbrechens der gesährlichen Drohung anhängig, doch wnLde, da die Lehrer erklärt Hanen, durch die Drohungen Schierer'S nicht in Furcht und Schrecken versetzt worden zu fein, der Act dem Bezirksgerichte abgeirele». Bei der Verhandlung aniwortele der Angeklagte auf die Frage des Richters, ob er sich schuldig bekennt: „Ja, aber ich habe vorher im Gasthausc viel getrunken." Ter Richter bemerkte hierauf: „Sie trinke» sich also Eonrage au, um dann die Lehrer zu beschimpfen, die au» Ihrem Kinde einen ordentlichen Menschen mache» sollen!" Der Lehrer TuchoSlav erbat sich dann da« Wort und sagte: „Gestaden,-Herr Richter, eine Bemerkung: Die Lehrerschaft hat die Anzeige nicht etwa au» Gehässigkeit gegen Herrn Schierer erstattet, sondern deshalb^ damit auf diese Art da» Publicum erfahre, daß der Lehrer nicht vogelsrei sei, daß man ihn nicht ungestraft beleidigen dürfe." Der Richter ' verurtheilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von sechzigGnlden und entließ ihn mit den Worten: „Hoffentlich werden Sie jetzt vor den Lehrern den gebührenden Respect haben! Ich' habe nur mit Rücksicht aus Ihre große Familie diesmal eine Geldstrafe über Sie verhängt." 1 '3

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