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Freies Blatt · 1896-06-21 · 220 (21.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
220 (21.6.1896)
Date
1896-06-21
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 8. freies ölatt. Nr. 220 nicht- Anderealfür die eine« Wahnfinnnigen. Man könnte auch diese Borsälle mit Stillschweigen übergehen, aber r« liegt, um mit Shakespeare zu reden, Methode in diesem Wahnsinn. Tie Nationalitäten, die oben nicht jene Protection finden, die sie erhofften, wenden sich nun an ^a« Lolk. Oesterreich will durch eine solch« Agitation Ungarn mürbe machen, damit eS einen günstigen Au-glkich abschließe, denn in dem Ausgleiche liegt die Luelle alle- UebelS. Tiefen Angriffen kann nicht anderabgeholfen werden, al« wenn ma» ihnen die Grundlage» entzieht. An Stelle devon Jahr zu Jahr sich erneuernden Ausgleiche« sollte die Selbstständigkeit der beiden Staaten ausgesprochen werden. Bei der Erneuerung de- Ausgleiche« zeigen beide Staaten chre Wunden und Blößen: e» ist die» ein wenig erfreuliche« Schauspiel. Wir muffen alle unsere Schwächen aus dem offenen Markte zeige», um Lesterreich zu bewegen, daß e» r>on unbillige» Forderungen absteh«. E« wird auf beiden Seiten* so zu Werke gegangen, wie ebankerotte jkaufleute machen, die ihre Bücher porlegen, um zu beweisen, daß sie nicht« verheimlichen, um ihre Gläubiger uachgiebig zu stimmen. Taist ein für beide Staaten unwürdige» Verfahren. Tarauergeben sich gegenseitige Anseiildimgen und Beschimpfungen So viel nur nebenbei. Wir wollen jene Angriffe gewiß nicht überschätzen, aber sie wortlos binzunebmen, wäre ebenso verfehlt. E« ist nicht nothwendig, daß auch wir uns auf den Markt stelle», e« so machen wie jene Herren, Versammlungen abbalten und un« aus da- Niveau jener Agitatoren herabwürdigen. Ihre Großsprechereien fechren un' nicht an, auf diese Prahlereien habe» wir bereitvor fünfzig Jahre» die Antwort ertheilt, die unsere Soldaten mit dein Säbel aus den Rücken derjenigen schrieben, die solche Gruiidsätze und Anschauuugen zur Geltung dringe» wollten, wie sie i» der erwähnten Rede zum Ausdruck gelangten. Sohl aber soll die ganze ungarische Gesellschaft ohne Unlerschiel^der Partei zm'ammenstehen und den Kampf ausnehmen. Ter gegen un« gepredigte Vernichtungskrieg inuß das Selbstbewußtlein der ungarischen Gesellschaft erwecken und die materielle Unabhängigkeit Ungarn« auf gesellschaftlichem Gebiete herbeiführen. Eine solche Einancipation von österreichische »Erzeugnissen durch die ungarische Gesellschaft ist die würdigste Antwort auf jene Angriffe, die Tag für Tag gegen -uns geschleudert werden. Ohne Unterschied der Partei muß Groß und Klein, Hoch und Gering sich an dieser Bewegung betbeiligen. Ter Sieg wird zweifello« sein." - i(v»fgcn den AlltiskUlilisMUö in Ungarn.) Pfarrer Johann Mitkendorfer in Ocdcnburg, der da« in Oldenburg erscheinende antisemitische Blatt nach bewährtem Wiener Mnskcr leitete, sollte in Folge eine« iljin anqeliüngten Proccffc« wegen Aufreizung gegen eine Vionfeiiioit vom dortigen Untersuchungsrichter Pez cinvcrnoininen werden. Mittcndorfcr soll nun verschwunden fein, vcrninthlich nm dem Arm der Gerechtigkeit zu entgehe», der in Ungarn auch katholische (Geistliche anfaßt. wenn sie die Gesetze des Staates als nicht bestehend betrachten. lUnversckälilkbcit cines agrarisch antisemilischrn Junkers.) Ein sonderbarer preußischer Anitsvorfteher stand kürzlich in der Person des Baron Angern Sttlkc ans Wülfingerode vor dem. Schöffengericht in Bleich crodc angeklagt, auf dem Bahnhof Sollsiedt^den Privatkläger Ockonom Friedrich Licsegang ans Sollstedt öffentlich beleidigt zu haben. Aus den Zeugenaussagen wird nach der „Nordhäuser Zeitung" Folgende« festgcstellt: ~ Am 2i>. Februar d. I., Abends gegen Uhr, trat der Aintsvorstcbcr Baron Angern Slilke au« dem Warrcsaal zweiter Elaste in den dritter Elaste an einen Tisch heran, wo mehrere Herren Skat ipiclten, und fing ein Gespräch über den B'.:uh der Landwirthe an. Tabci bemerkte er an einem anderen Tische deü Ockonom Friedrich Lieffgang nnd sagte zu diesem: „Haben Sic dis Sache überhaupt verstanden? Sic sind ja freisinnig und überhaupt von jeher kein zuverlässiger Mensch gewesen", worauf Licicgang erwiderte: „Ja, ich bin freisinnig und werde cs auch bleiben, und wenn noch tausendmal gewählt wird. Trovdcm bin ich aber ebenso zuverlässig als Andere." Ter Angeklagte entgegnete: „Sie haben mich setzt beleidigt und wenn Sir das Gejagte nicht zurücknehmen, verklage ich Sic." Kur; darauf wendete sich der Baron wieder an Lieiegang und sagte;n diesem: „Wir wollen uns vergleichen." Licsegang gab hiezu seine Einwilligung mit den Worten: „Na! TaS können wir ja." Nun aber stellte der Amtsvorstcher an Licsegang die Zumuthung, ihm folgende Worte nachzusprechen: „Ich bin ein ganz gemeiner, erbärmlicher Schuft", und fragte zum Schluß: „Oder sind Sie etwa ein Schaf oder Schafbock'?" Als Licsegang dieses beleidigende Ansinnen zurückwies, drohte der Amtsvörsleher mit Verhaftung, die aber nicht zur Ausführung kam. Auch das Kartenspiel wurde vom Amtsvorstcher verboten und daraufhin auch zum Theil beendet. Rechtsanwalt K o s s i n n a, der den Privatkläger vertrat, bat bei der Strasabmestung zu berücksichtigen, daß lediglich durch die Ruhe des Beleidigten ein Erceß vermieden worden sei und der Angeklagte seine Befugniß als Amtsvorstcher überschritten habe. Tas Urtheil lautete wegen Beleidigung auf fünfzig Mark Geldstrafe. (Paßaugelkgeuheitell und medicinischer Cougreß.) Tas unter Birchow'S Präsidium stehende deutsche Comitv für den Moskauer internationalen medicinifchen Congreß hat beschloffen, seine Thätigkeit nur dann aufzunchmcn, wenn die Paßfragcn, betreffend die deutschen Congreßbesuchcr jüdischer Confestion, vorher geregelt werden. Bekanntlich ist es für Juden heute beinahe unmöglich, ohne besondere Hilfsmittel nach Rußland zu gelangen; da aber eine namhafte Anzahl der bedeutendsten deutschen Aerzte jüdischer Confestion ist und man dem Gedanken nicht Raum gibt, daß diese von dem Congrestc wcgblciben, so wurde der erwähnte Beschluß gefaßt, der eine Beseitigung aller Schwierigkeiten für die jüdischen Congrcßmitglicdcr bezweckt. (Czar Nikolaus II. und die Juden.) Man schreibt uns aus Moskau: Nach der schrecklicheu Katastrophe auf dem Chodynkafclde trug man zahlreiche Verwundete in das nahegelegene jüdische Spital auf der Boschedomka, wo sie von den jüdischen Aerzten in aufopferungsvoller Weise gepflegt wurden. Die Leitung des Spitale« verfügte sogar die Entfernung der Reconvalescenten aus den Krankenzimmern nach den Wohnstätten der Spitalsbeamten, um eine größere Zahl der am Chodpnkafclde Verwundeten aufnchmcn zu können. Czar Nikolaus II. konnte nicht umhin, den Juden hiefür seine Anerkennung auszusprechen. Am Tage nach der Katastrophe besuchte er nämlich sämmtliche Spitäler, in denen die Verwundeten Aufnahme gefunden hatten, darunter auch das jüdische Spital. Nachdem er den einzelnen Verwundeten seine Aufmerksamkeit gewidmet und die im Spitale herrschende Ordnung und Reinheit gerühmt hatte richtete er an den Leiter des Spitale« folgende Worte: „Es freut mich sehr, zu sehen, wie die Juden an dem Werke der Barnihcrzigkeit und Nächstenliebe so warmen Anthcil genommen haben." Ter Czar wird seinen jüdischen Untcrthancn auch die Gnade erweisen, von ihnen ein Geschenk - anzunehmen. Bei der Rückkehr des CzarS und der Czarin nach Petersburg wird ihnen, wie russische Blätter melden, von, Vertretern der Judcnschafl die Figur cines Engels mit der Czarenkrone, nach^einem Modelle des Sculpteurs Antokolsky in Silber auSgcführt, überreicht werden. Die circa vier Pud schwere Engclsfigur ruht auf einem eleganten drehbaren Postament; das ganze Kunstwerk kommt auf mehr als 22.000 Rubel zu stehen. Andererseits erhielt eine Anzahl gutsikuirter Juden Ordensanszeichnungen, und cs wäre wohl unbescheiden, mehr :u verlangen. (Ein russischer Geistlicher gegen die Judenheye.) Iwan Nikititsch, ein russischer Geistlicher, veröffentlichte unlängst eine Schrift: „Das Licht des Evangeliums, ein Commentär zum neuen Testament für Christen und Israeliten" (Eommissionsvcrlag von Adolf Ger; in Eharlottcnburg). Auf Grund sorgfältiger Studien legt der Verfasser dar, daß' sämmtliche ethischen Grimdsätze de« Christenthum« bereits in der jüdischen Lehre enthalte» sind. In entschiedenster Weise bckümpst er auch die Jndenhctze und führt u. A. aus: Einst balle ich Gelegenheit, mit einem hohe» Würdenträger eine» großen mächtigen und selbstherrlich regierten Lande-, in desten Hand die Geschicke der Völker diese-Landes ruhen, über die sogenannte Judensrage;>> spreche». „Sage mir," ko fragte ich ihn, „du bist ja nahezu unumschränkter Herrscher de-Lande«, bist auch sonst alein Mann von strenger Gerechtigkeit-liebe bekannt, warum bedrückest du die Juden so sehr durch unmenschliche AuSnahinsgesetze, so daß sie allem Elende prei-gegebcn sind?" — „Weil sie c« nicht besser verdienen, weil sie die einzige wirklich^productivc Arbeit, die Landarbeit, scheuen, nur vom Handel, vom Schacher leben und die einheimische Bevölkerung durch Wucher, Schnap-verkauf und betrügerische geschäftliche Manipulationen verschiedenster Art au-beuten und schädigen," war die Antwort. — „Aber sage mir," so fragte ich abermals, „steht es nicht in deiner Macht, d>e>e Schäden nöthigensall« mit-der vollen Strenge de« Gesetzezu beseitigen und ihnen andere Erwerb-zweige zuzuweisen? Warum hast du ihnen alle Menschenrechte genommen und jede Bewegungsfreiheit »erlagt? Sind sie nicht durch die vielen Beschränkungen, denen sie aus Schritt, und Tritt unterworfen werden geradezu gezwungen, sich auf die unreellen Berus-zweige zu werfen? Wenn ihnen nicht nur der Anlauf, sondern sogar die Pachtung von Grund und Boden untersagt ist. wenn sie in jedem reellen, productiven Gewerbe tausendfachen Beschränkungen Und Benachtheiligungen au-gesetzt sind, darf er da Wunder nehmen, daß ein Tbeil von ihnen sich dem Wucher und dem Schacher zuwendet? Hat nicht der Jude ebensogut einen Magen wie jeder andere Mensch? Ta hat ja bereit« der weise König Salomo mit Recht gesagt: ,E« ist einem Dieb nicht so große Schmach, wenn er stiehlt, seinen Leib zu sättigen, da ihn hungert.' Und trotz alledem finden wir bei den Juden Diebstahl, Betrug, Raub und sonstige Verbrechen gegen da« Eigenthum oder die Person durchaus nicht in größerem Maße vertreten al« bei der christlichen Bevölkerung. Man braucht sich bloß in den Gefängniffen etwaumzusehen, unt sofort vom Gegentheil überzeugt zu werden. Fragen wir nach den Delikten der jüdischen Insassen derselben: Der Eine hatte gewohnt, wo er nicht wohnen durfte, der Andere war hingereist, wo er nicht Hinreisen durste u. s. w. Sie halten Niemanden bestohlen. Niemanden beraubt — sie Hanen da- Gebiet überschritten, welche«.' ihnen von Gesetze-wegen al- Wohnort dienen soll. Dagegen die anderen Gefangenen? Der hat seinen Vater ermordet. Jener EinbruchSdiebstähle begangen u. s. w. Trifft e« sich nun aber einmal, daß e i» Jude

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