Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 220 (21.6.1896)
- Date
- 1896-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439305--2730-4889088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,f r t i r » Blatt. Nr. -'20. Seite 2. ilux 5tdhmg alo Theologen zum Antisemitismus zn kennzeichnen. Weit über seine publicistische Pflicht hinaus ging das „Jvrfic Platt", indem es mitunter selbst mit schweren materiellen Opfern der ernsten Wissenschaft auch zu anssnhr lichen Begründungen ein Feld einränmte; so machte es dem deutschen Publicum die bedeutendste wissenschaftliche Arbeit über den Antisemitismus, Anatole Veron Beanlien's „Israi-I dioz los n;itionesu in der mustcrgiltigen Uebersetziing >iavl_ u. Binccnti's zugänglich. Der Herausgeber des Blattes legte in einer eingehenden social-politischen Studie den Zusammenhang klar, welcher zwischen dem Mlisticisinus, Pietismus und dem Antisemitismus am Ende des XIX. Lahr Hunderts bei'tebt. Beben diesen streng wissenschaftlichen Arbeiten boten nur unseren Lesern auch reife Früchte der schön geistigen Literatur und Belletristik, ^riginalbeiträgc der gefeicrteir Schriftstellerin Bertha U; Suttner, des Eirasen Rudolf Honos, des nach Kompert bedeutendsten (Ghetto Schilderers Eduar.d .sinlke u. A. Seines Fleißes darf sich Leder rühmen. Das „Freie Blatt" begeht keine Unbescheidenheit, wenn es am Ende ~ feiner Vantbahn mir Selbstbesriedigniig auf seine Thatigkeit znrücksleht, ivrlche für den kommenden Enlturhistoriker eine Fundgrube von Beiträgen geliefert hat zur Erkenntnis; und Erklärung cincr der räthselhaftcsten Eultnrerscheinungen des XIX. Lalirhnnderts. Bur vollständiges Berkenncn der pnblieistischrn Ausgaben und Fähigkeiten könnte uns nacti den Erfolgen unserer (Gegner bemessen und beiverthen. Wir verlasse» unbesiegt den Kampsplatz- und blicken allerdings enttäuscht a^s die E'egcnwart, jedoch ganz getrost aus eine nähere oder entferntere Ankunft. Wir konnten zwar nicht ohne ein Wort der Klage über 1U1' Thcilnahmslosigkeil geivissci' kreise scheiden; aber nur lernten anch die Pfadfinder einer besseren Zeit Di Freunden unseres Blattes bereits kennen. Ein kleines Hätislein treuer Freunde begleitete uns nnentivegt ans unserer Vansbalin, Allen voran' der schon erwähnte Eonsistorialrath Di. Schöpf und Loses Freiherr v. Doblhoss, denen nur lnemit öü/nilich Hank sagen. >Lonnnunclle 6Zewerbepc»litik. - Die palenlirle» (^cwerbcfrcnnde sind am eammünalen Ruder. Die .anlisciiiilische VRdjoriläl des Gcnieinker^hcö bat nun - die Gelegenheit und Macht, ihre zu nligezähilottmalcn den geehrten Wählern gegciüiber bethcncrle Gewerbcfreundlichkeit zu. bechäligen. *f Der Gemeinderalh ist zwar keine gesetzgebende Körperschaft und ist deshalb nicht in der Vage, auf legislativem Wege Maßnahmen : zur Besserung der Gcwerbeverhällnisse zu treffen. Vielleicht ist dies aber just die günstigste EcnsteUation der Verhältnisse für die; anlireniitische Majorität: denn auf diese Weife ist sic wenigstens! verhindert, das Gewerbe durch die demselben nur z» oft abträgliche! ->>sisetzmächerei noch mehr zu schädige^, als dies auf dem eben ge | nannirn Ji'otgc ohnedies bereits geschehen ist. Die Eommnne besitzt! aber eine sehr weitgehende administrative und ex.eulive Gewalt und sie ist daher in die Vage gesetzt, die vortrefflichsten social politischen und wirthichaftliche» Maßregeln zur allgemeinen Heb» »g . des GewerbestandeS zu veranlassen/ Wir sind natürlich nicht in der Vage, zu,crralhen, welches die! leitenden Ldee» der anlisemilischcn Gemcindcralhs Majorität in dieser Richtung hin sind. Diese Herren haben, so lange sie noch i das sauere Brot der Opposition aßen,- zwar in endloser Weise > das Vied von der Gewerbefreundlichkeil geleiert, aber sich wohl i gehütet, dem profanen Volke das Rceepi zu verralhen, »ach welchem ■ diese Gewerbefreundlichkeil bclhätigl werden soll. Heute hat sich die Silnalion geändert: Letzt hilft kein Mund spitzen, jetzt heißt j es blaien, lind wir sind wirklich sehr begierig, in welcher Tonart s die Weise gesetzt sein wird Daß die' eommnnalc Gewerbepolitik! inil einem Hanfirverbol' für den ^eincindebezirk von Wien anhebcn werde, scheint uns fastausgemacht. Einigen lausend armen; Händlern, von denen mehr als die Hälfte gute Ehristen find, : wird auf diese Weise das Brot ans der Hand gerissen werde»: ° ob damit -dein bewerbe aber anfgeholfen wird, ist mehr als zweifelhaft. Die antisemitische Gemeinderaihs Majorität wird daher doch noch auf. weitere Mittel zur Berhätiguug ihrer bewerbe . freundlichkcil sinnen müsse». i Ein in den jüngsten Tagen von antisemitischer Sette vielsäch : 'eolportirlks Prograinnl einer deutschen Volkspartei nach dem i Gejchmacke derselben Vcule, welche heute im Wiener Gemeinde j rat he am Ruder sind, widincl azzch den soeialpolitische» Aufgabe»; einer solchen Partei zahlreiche Worte, unter denen sich anch rj.1i - praktisch faßbares, die Regelung der Arbcitövcriiiiltlnng, befindet. \ Rnr schade, ^rß speeicll dieser Programmpunkl für die antiscmi i liiche Gemeiiwcralhs Majorität nicht so recht brauchbar ist, weil! er dem Dogma von der unbegrenzten Allmacht der Gewerbe! genossenschaft widerspricht. Eine communale Regeiung der Arbeilö vermittlnug, welche gewiß im Jnieresse deö GewerbestandeS ge legen wäre, würde vom Mechaniker Schneider unfehlbar als ein brutaler Eingriff in die ewigen und unveräußerliche» Rechlc der Zunft bis aufs Messer bekämpft und znm Falle gebracht werde». Der Gemeinderalh wird sich auS taufend Gründen dafür ent scheiden Mssen, dem Gewerbe mehr im Allgemeine», sozusagen durch eine gewerbefreundlichc Umgestaltung des Milieus ans zuhelfen. Hebung der Production, Verbilligung deS Eonfums. das sind die zwei Grundpfeilcr, auf denen der Wohlstand der schaffeikden Elassen ruht, und somit wird auch für den Gemeinderalh die Frage sich gini; einfach in die-beiden Formeln anflösen: Hebung der allgemcinc» Erwerbsverhältnisse und demokratische Regelung der Approvisionirungsfrage. Die antisemitische GemeindcralhS Majorität befindet sich in der erstere» Beziehung in einer äußerst günstigen Vage. Lene kreise, welche bisher in gesellschaftlicher Beziehung stets für die Hebung der heimischen Lndnstrie eingelrete» sind n»d die Eonenrrcnzfähig seit derselbe» auch dem Anslande gegenüber darznih»» sich zur Aufgabe gemacht haben, sie sind todmüde und bereit, de» S eger» auf dem politischen Schlachifelde auch daS Feld des gesillschast liche» Witkens zu überlassen. Die Machthaber von Wien lönnen z. B. sofort ihre unbändige Gewerbefreundlichkeil bethäiigen, indem sie. die von anderer Seite geplante, nun aber fast wieder aus gegebene Gewcrbeausstellung anläßlich des Kaiserjubilätims mit coinmunalc» Mittel» ins Werk Lsctzen und so der staunenden Welt die Vcistnngökrafl deS Wiener Handwerkes beweise», tausenden von Gewerbetreibenden Arbeit und Gelegenheit sich hcrvorzuihnn schaffen nutz den Handel und Wandel der Stadt in einer die Er folge der Budapester Vkillenniums-Ausstellung in de.» Schalten setzenden Weise lieben. ES gibt wohl keinen jo verhärteten Skep t>ker, welcher an dem Erfolg cincr solchen gewerbefrenndlichen Action zweifeln würde, wenn die antiscinilische Gcmeinderaths Majorität nur eine kleine, keineswegs wirthfchaftlichc Eoncesfion zu machen bereit wäre, wenn sie nämlich ihren jeden Fremdenverkehr unic»bindenden und jeden Handel und Wgndel lähniWiden politischen Sectengeist aufgeben wollte. Ei» anderer Weg zur werklhätigen Unterstützung deö Gewerbe standeS eröffnet sich i» der Approvisionirungsfrage. Die Fleischpreise in Wien stehen heule auf einer Höhe, welche sich gerade in den Mittclclassen am empfindlichsten fühlbar macht. Eine gründliche Remcdur dieser Verhältnisse wird insolaiige nicht möglich sein, als in unserem öffentlichen Veden jene clerical feudalen Herr scheffle» tonangebend bleibe», welche einerseits im Interesse ihrer StandeSvorrechle ffür die Juden- und Viberalenhetze in Wien, andererseits im Interesse des guten Absatzes ihrer fetten Mast ochsen für die Aussperrung fremden Viehes auö andere» Vändern schwärmen. Eine Remedur nach Maßgabe der bestehenden Vei" hältnisse. suchte daS ehemalige Provisorium im Wiener Rathhause durch die Einführung der communalen Flcischstände in den fin? zelnep Bezirke» zu schassen, durch welche eS dem kleinen Manne ermöglicht werden foilte, auch ohne eine kleine TageSreije in die