Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 219 (14.6.1896)
- Date
- 1896-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 219. Frei»» beim Papste miizumachen. Ich hatte kur; vorher vom Banquier S. in Rom gehört, man kaufe im Batican für den PeterSpfennig deutsche (also ketzerische) Eisenbahnpapiere. Da ich auch a» das Strohlager und den Vorhang denken mußte, so zog ich eS vor, auf die Theilnahme bei der Audienz zu verzichten, was die Herren nicht begreifen wollten. ' ' t ^Lchluft folgt. Der alte Musikant. Erzählung von Maria Antoinette v. Markovics '?ractldru>k vcitetc« beginnt schon finster zu werde». Der Frühlingsstnrm braust und rüttelt an.de» blüthcnbedccktcn Zweigen: da und dorr gibt ihm eine abgerissene Bluinendolde daS Geleite und fällt ans den'schmuck losen, schwarz angcstrichcncn Sarg, den der Ar'iinathca Verein ^gc spendet. Kein (Geistlicher, kein leidtragender ist zu sehen, kein Mimt; schminkt den Deckel der Truhe — nur ein Hund, ein großer, schmutzig weißer, verhungerter Pudel folgt dem Marren und erhebt dann und wann den Mops, um ein klägliches Geheul hören zu lassen. Dann wendet der Mutscher sich um und schlägt mit der langen Peitsche über den Wagen hinweg nach dem Thierc, aber der Pudel läßt sich nicht verscheuchen. Er winselt und bleibt drei, vier Schritte zurück, um weiter klagend dem Sarge zu folget. Draußen — fast ist'S ganz finster nun — lassen sie ihn hinab und setzen ihn zu Anderen in einem Massengrali bei. Er. köiintc sich, ldbtc er, noch glücklich preisen, daß er in unserem modernen und frei sinnigen Jahrhundert begraben. wird; früher hätte man ihn in einem 'Winkel hinter der MirchhofSmancr cingefcharrl; denn — Engen 'Wilden stein hat als Selbstmörder geendet. Die Stadt sprach eilten ganzen Tag davon. Am User der Donau fand ein Vorübergehender einen alten Hut und einen abgetragenen lcibrock, beides bewacht von dem schmuvigcn Pudel. Etwas abseits lag eine Estige, deren Saiten gesprungen waren. Rachdcm man den Hund verscheucht, fand sich in der Tasche des Rockes ein Zettel, dessen Schriflzügc mit zitternder, kraftloser Hand aus das Papier geworfen schienen: „Ich bin müde — das ganze leben war für mich ein Unwetter — heute bin ich auch obdachlos. '.Unit denke ich Ruhe zu finden — das Einzige, nach dem ich mich sehne.. * Engen, Wildcnstci» " Er hatte sic endlich gesunden, die sehnsüchtig gewünschte Rnlie Vor einigen und fünfzig Jahren trieb sich in dem kleinen schlcsi scheu Städtchen .\\ ein verwahrloster M nabe nmhcr, der eigentlich Ricmandcm angchörtc. Eine alte Frau, die in die Häuser waschen und Fenster putzen ging, hakte ihn einst, als er vielleicht vier Jahre zählen mochte, schlafend vor der Tbürc ihrer Mellerwohnnng gesunden. Von acht Mindern war ihr keines geblieben: der Magistrat kümmerte sich um den kleinettr Findling nicht mehr als uui die Disteln auf der Elianssöc vor dem Städtchen, und so thciltc der Vnb', der Engen zu heißen angab, bald daS ärmliche lager im Kellerloch und die schmalen Bissen der alte» Wildcnstcin. AlS der Junge größer wurde, ließ er sich zu mancherlei'Eom Missionen nnd Haildrcichnngcn verwenden. Er mar geschickt und willig, putzte Stiefel und Messer, sang bei ürmcrcn Familien die Minder in den Schlaf, trug Hol; und Wasser und schälte fein und zierlich Mar toffeUt. Seine liebste Beschäftigung aber war am Sonntag das Ehor singen in der Stadtkirchc. Auf cigenthümlichc Weise chatte der Küster Eugens Bekanntschaft gemacht. Hein; Töpfer bewohnte mit Weib und zahlreichem Minder fegen ein niedriges EMbäudc neben dem Pfarrhansc. t^s war an einem regnerischen Hcrbstabcndc. Bei „MüftcrS" war Z'icht, und aus dem großen Wohnziinmcr erklangen frische M inderstimmen nnd die Töne einer Ocigc. Mitte Dekoder sollte zur (ffcbnrkStagSscier dcS Herrn SchnlrathcS ein Eonecrt aufgeführt luprdcn, und Hein; Töpfer, der selbst ein guter Sänger nnd Violinspieler war, ließ sich die Mühe nicht verdrießen, seine kleine Schaar „Donipfasfen",— wie er sic scherzweise nannte -— wochenlang zu drillen nnd den Ungc» schüttln die Geheimnisse der göttlichen Musik« beiznbringcn. Eben hatte der Münstlcr eine Pause gemacht, da wichen einige Mädchen zpr Leite, lind Riklas Scnlpcr, dcS SchnldicncrS Sohn, deutete mit dem Finger auf das etwas hochliegcndc Fenster: „Da schaut Einer herein-!" Aller Augen wandten sich dem Fenster zu, an dessen Scheibe platt gedrückt das Antlitz eines Knaben erschien; doch nur eine Minute, Statt. Seite ». . denn plötzlich vernahm man scheltende Worte, die rauhe Stimme des SchuldicnerS, die da rief: „Hab' ich dich endlich, Schlingel!? Die ganze Woche wundere ich mich-schon, wer da die junge», mit Snob umwickelten Weint eben beschädig!! Also d» steigst da heraus und »lachst incinc Mühe zn Schanden'?" Darauf vernahm man eine bittende Stimme. „Richts da," ries zornig der ^chuldicner, „cretnplariiche Strafe muß sein! Herein mit dir znin Herrn Muster!" Hein; Töpfer hatte schon die Stube verlassen nnd begab sich in den spärlich crlcnchtctcn Hausflur. Dort hielt der Schnldicncr einen schlecht gekleideten Jungen fest, dessen t^ewand, total durchnäßt, durch dcis unfreiwillige Bad im Straßcnnioraltc nichts gewonnen hatte Es war ei» Mnabe von vielleicht elf Jahre», etwas blaß -und schmächtig und durch die nnangenchine läge heftig erschreckt. Dein langes krauses Haar fiel in schwärzen Strähne» durchnäßt in die Stirne, dafür blickten' die braunen Rchangc» ganz treuherzig in die Welt. Der Muster, eiti Mindersrcund, gab sich Mithe, böse;n scheinen. „Was machst .du denn ans tneinent Weinspalter, kleiner Tange nichts? Ist das ein Wetter nnd eine Stunde, »in de» Renten i» die Fenster zu schauen?" - . - „Ich — ich bin ja nur gcloinincn, »in die Mnssl nnd Tic spielen zn hören!" . . Der K üster mußte unwillkürlich lachen. „Und warum ruinirst dn mir meine Reben, d.n Spivbnb?" Der Junge hielt schüchtern seine nasse Mütze zwischen den Händen. „Seien Sic nicht böse, Herr Küster, früher konnte ich von Apo Ibekers nicht fort, nnd ich höre doch so gerne hier zn, wenn Sic t^cige spielen. Das klingt viel schöner als bei den Marktinnsikanlrn!" Run lachte auch Semper, der Schnldicncr. |,.o sich mal Einer! Du bist ja ein vcrklirt gescheiter Mritiln»! DaS ist ja, >vic ich jevt sehe, K,v allen Wildcnstci» ihr Findling!" Der Müster besah sich den Jungen nun näher. Das hübsche ans richtige Gefichtchcn gefiel ihm. Er winkte dem Schnldicncr.. ,,'Ra, Semper, lasse'Er cs nur diesmal gut fein! Monn»'- herein in die Müche. Bist ja total nag, nnd cs klappern dir die Zähne — vor Furcht oder Malte'B „Vor Malte," sagte der Junge und wischte die nackten schmutzigen Füße ans dem Tnchflcckcn ab, der am Eingänge lag. „Wie' heißt du denn? Uit^- wer ist dein Vater?" - Das Mind senkie den Mops Dffenbar machkc es diese Frage traurig. „Engen heiße ich. -Ich habe nicht-Vater, nicht Mutter! Die Zieh mutter sand mich. '.Unit ^lnn ich l ei ihr und helfe verdienen. Aber Geigcnspiclen möchte ich lernen, so schön, so wie mmtV gar nicht sagen kann! D, bitte, ^lieber Herr Müller, lehren Sic mich doch Iviclen!" Heinz Töpfer sah erstannt in das bleiche'(Zeucht, in tvcichem die Augen hell anflenchtcle» imd ihn flehend anschante». „Bitte, bitte!" wiederholte der Mnabe. „Ich will auch ganz brav sein nnd in der Milche helfen ' und thun, was Sie bäfehlcn — nur lehren Sie mich die O'cinc spielen!" Der Müster nickte. „'.U'ün denn, ich iviU'vf mit dir einmal probircn Aber wenn dn nicht fleißig bist — das sage ich dir gleich — dannkommst du mir nicht mehr über die Schwelle. He, Dörthc!" — sic traten jetzt in die Milche - - „gib Sie dem Jungen einen tüchtigen Teller Mehlbrei! Und morgen Rachmittag — 'S ist Sonntag — da komm' zn mir, wenn die Mirchc vorüber!" „Ach, Herr!" jubelte glückstrahlend der Mnabe: Heinz Töpfer war aber schon zu seinen „Dompfaffen" gegangen. Von da an kam Eugen, gewaschen und gekämmt, mit gestopften und geflickten Kleidern, täglich in die Stunde, nnd cS war zum Staunen, wie weit cr's in einem Monate schon brachte. Es steckte ein eigenes Talent in dem Inngcn. Der Pfarrer hakte für eine Geige gesorgt, und Eugen konnte bald das Lehramt bei den Ehorknaben übernchtncn. Rach Jahr nnd Tag wußte Heinz Töpfer feinem Schüler nichts mehr zn lehren nnd schrieb in die (Großstadt an einen ihm früher befreundeten Musikprofcffor! Wieder brachten Pfarrer nnd Küster und der reiche Bäcker Rimtnchcn die Mittel auf, den „Findling" zu kleiden und in die Großstadt zu schicken. Die Ziehmutter weinte heiße Thräncni „Er war doch ein gar so lieber Junge gewesen-r" Mit dem kleinen Schatz in seinem Geldbeutel miclhcte sich Eugen bei einem Schuster ein. Sein neuer Lehrer fand für ihn einige i'ec tionen bei kleineren Mngbcn nnd ein paar Freitische. Auch Professor l?. fand den. Knaben ungemein talentvoll. Da Eugen sonst aber nichts gelernt hatte und höchst unwissend war, blieb nichts Anderes übrig, als ihn zu einem armen RealschnUchrcr in die Stunde zu schicken.