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Freies Blatt · 1896-06-14 · 219 (14.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
219 (14.6.1896)
Date
1896-06-14
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. freies Blau. Nr. 219 weckte sie. Sie geberdeten sich wie zwei Verzweifelte, obwohl das Laufbrett auf der rechten Seite noch frei war. Die Fensterscheibe zersprang, der röthliche Rauch stieg drohend empor. Kein Ruf half, daS Personale de« Zuges schien zu schlafen. Endlich wirkten die schrillen Brigantenpfiffe meiner Nachbarn und das Wehegeschrei eines Bahnwächters. Man hielt an und löschte mit dem Wasser der Maschine, dann hieß es: „Der König wartet in Cecina." In rasender Eile wurde also gefahren, es war genau Mitternacht. Im brenuenden Waggon war ich ins Jahr 1871 eingefahren! Der König fuhr eben zurück, nachdem er seinen Einzug in Rom alS Wohlthäter gehalten und die durch.das Plcbiscit vom 2l. Oktober stattgehabte Vereinigung mit Italien in Rom bestätigt hatte. Wir wechselten den Waggon und schliefen bei geschlossenen Fenstern — wegen der Fiebergefahr bestanden die beiden Italiener darauf — bis hinter Civitavecchia. Ich erwachte bei Palo. Eine unabsehbare Wasserfläche zeigte sich, es war die Tiberüberschwemmung! Bis zur halben Räderhöhe fuhren wir im Naß, nachdem wir sechs Stunden früher in Flammen gefahren; unwillkürlich mußte ich an Mozarl'S .Zauberflöte" denken und die Prüfungen Pamino's und Tamiro's in Feuer und Wasser. Der Engländer aus dem Club Massi'-na tauchte hier wieder auf; er saß im Nebencoupe. Bald sahen wir die langen Bogenreihen der antiken Wasserleitungen auö der Campagnafluth ragen. Rom war nahe, und wir erreichten cs auf der Eisenbahn, welche noch Gregor XVI. alS „Werk des Teufels" verwünscht hatte. Sein Neffe Pius IX. aber war staalSklug genug, mit dem Telegraphen auch die Eisenbahn im Kirchenstaate einzuführen.*) Ein großartiger Augenblick war es für mich, alS wir die mittelalterlichen Mauern bei Porta San Sebastiano umfuhren, die Tiburstraßc kreuzten und hinter dem Rundtempel der „Minerva Medica" in den Bahnhof rollten. Rom war trotz des großen Unglückes »ock des Jubels voll. Victor Emanuel hatte dem Papste sogar einen Brief geschrieben und dann im Ouirinal ijtinfr spätere» Residenz) die Annahme deS PlebiscitS unterzeichnet. Seil diesem Tage erklären sich die Päpste alS Gefangene, aber — Roma locuta cst: Die Flaggen an den Häusern wehten lustig! Im „Hotel di l.oudra" nahm ich einen /Wagen und »uhr aus. Die Spuren der Uebcrschwemmung reichten noch bis zur Milte der Via Eondolti. Viele Objecte lagen vor den Kaufläden ausgebreitet, darauf stand zu lesen: „Pan'neggiato dal Tevere, prezzo nitulciato.“ Die ueuuniformirte „Duardia uazionale" vielt überall Wache und schützte daS Eigenihum. Auf dem Capitol wurden für die Hungrigen Brote vertheilt: die dabei thätigen Gcmeinde.diener trugen auf den Kappen S. P. <). R. ijSenatus popnlns,,»»- romamist. Viele arme Ghellobcwohner auS Trastevere, oercn Häuser bis zu den ersten Stockwerken im Wasser standen, bildeten eine bewegliche Staffage: die bunten Gruppen standen wie auf der großen Freitreppe, deren ernster architektonischer Hintergrund eine starke Wirkung auSübte. Unten sah man den Campo vaeeino. dahinter das gewaltige Colosseum. Hier oben Summen und Surren, christliche Barmherzigkeit und daS Zeichen des Selbsterbaltungstriebes, dort die majestätische Ruhe antiker Größe, darüber ein grauer, mclaucholifcher Himmel: ich. vergesse das Bild niemals. Zum larpejuchcn Felsen stieg ich, dort war cs still: dann zu den Tbürmen des 'Nero und zuletzt zu Michelangelos Moses. „Pen-lie non parli?- So könnte man heute noch den Israeliten zurufen: „Warum redet ihr nicht? Warum duldet ihr? Euch fehlt ein zweiter Moses, der euch aus der modernen christlichen Knechtschaft führen soll, befreien von den Christenthum deuchelnden Verfolgern!" Unter den Säulenhallen St. PelerS stand ich später und betrachtete das prachtvolle freiwillige ^Vefängniß in der Civita Leonina und dann fuhr ich zur Bresche an der Porta via: das Tbor, ein Markstein der Geschichte Italiens, ist im römischen Slnlc aufgebaut. Davor hatte man nolhdürftige Schanzen errichtet. Einige hundert Schritte rechts davon war in die zackige Sladlmauer die Bresche geschossen, die nun schon seil drei Monaten unberührt dalag. Hier waren die italienischen Truppen eingedrungen und von hier aus war der letzte weltliche Papst besiegt worden. Durch einen Garten drangen sie ein, von Jubelnden empfangen. Die Zustände im päpstlichen Rom waren auch gänzlich Gregor»»!»« i.IsJontcriabr II. 2S9) htißr e«: „Tie Eneiibahn war t>e »nwidersiehliche Macht, welche schon umer PiuS IX. Rom zu verändern begonnen iattr Ter inöncknche Gregor ahnte freilich die unab'ebbare revolutionäre Gewalt, die M der Eisenbahn wirkiam ist. Tenn diese ist eS wesemlich, die daS Antlitz der politi'chen und socialen, selbst der geographischen Well verändert hat und fortdauernd verändern wird. verrottet. Im officiellrn Kalender für daS Volk wurde in artigen VerSlein zum L.ttospiele eingeladen; von 100 konnten nur 25 Personen lesen, also 75 Percent Analphabeten. Die Bücher, welche auf dem Index standen, wurden eingeschmuggelt und gerade von den päpstlich gesinnten Familien verschlungen. Während deS ConcilS mußten Correspondenten auswärtiger Blätter über die LandeSgrenze deS Kirchenstaates fahren, damit die Telegramme nicht confiscirt werden. Selbst das Pistolenschießen war verboten; ein ehemaliger päpstlicher Soldat errichtete bei der Porta del popolo einen Pistolenstand, welcher lebhaften Zuspruch seitens der römischen Elegants fand. Und moralisch verkommen war das ganze päpstlich« Rom! Im „Hotel di Londra* waren wenige Personen, nur der Engländer au« dem Club Massen« zu Nizza und aus dem brennenden Waggon bei Cecina war auch hier wieder anwesend. Er nannte die Feuerprobe auf der Maremmenbahn „verv dangerous". Die Plackereien, um in die vaticanischen Sammlungen zu gelangen, waren derartig, daß ich beschloß, später Rom nochmals zu be-* suchen; cs war mir lästig, jedesmal bei der Botschaft einen „Permeffo" zu holen. Der Druck von Jahrhunderten lastete noch auf Rom, aber es begann aufzuathmen. Schon Ende 1870 regte sich's in Neubauten. Gregorovius trat zwar gegen die allzu zerstörende Wirkung deS Neubaues, der Metamorphose, auf, aber vergeblich. In seinem Buche „Kleine Schriften zur Geschichte und Cultur" (1888) lesen wir: „Von dem alten, uns tbeuer gewordenen historischen Angesichte Roms haben wir seit dem Jahre 1871 für immer Abschied nehmen müssen. Neu-Rom erhob sich auf den Trümmern deS alten. Es hätte nicht müffrn die antiken Reste zerstören, welche geopfert wurden. Im Februar 1871 kehrte ich auS Neapel und Sicilicn »ach Rom zurück. Als ich am ersten Abende auf dem Monte Pincio stand, sah ich die Kuppel von St. Peter schwatz! Rothglüheud ging dahinter der Sonnenball zur Neige, silberhell beglänztc der Mond den gezähmten Tiber auf seiner Reise gegen Ostia, als die Sonne iNitergcgangen war. Längst ging sie auch unter, I'io nono. dir! . . . Tie winzigen Piäfslein im riesigen Peierrdoni, >§ie lockt nickt GolteS freie Natur. Des Halbdunkels bedurften sie, ihr Streben war das Weltreich : daneben mag Alles verderben! Es war aber Licht geworden. Ich verkehrte viel mit Künstlern; auch clericale Maler besuchte ich, so den Nazarener Flatz. Derselbe hatte beschlossen, daS neue Rom zu verlassen. Alles war besser gewesen im päpstlichen Rom, sogar die Gasbeleuchtung. „Auch der Bahnhof?" fragte ich, auf Gregor XXL anspiclend. „Nun der gerade nicht." Dann sprang er über auf die Kunst und gab mir zuletzt ein Miniaturbild, Porträt meines VaterS in seinen jungen Jahren, zu Bregen; angefertigt. Auf dem Corso machte mich der alte Conte Gozzi mit dem mulhigen Pater Theiner bekannt. Der Sohn der Sängerin Sonntag-Rossi, Conte Rossi, ein guter Zeichner und Sänger, schloß sich' mir an und ich begleitete ihn auf dem Claviere im deutschen Club. Aus Mozart'S „Entführung" sang er zwei Arien trefflich: „Wer ein Liebchen hat gefunden" und „Diese hergelauf'nen L«tte", beide Arien Osmin's, die er für für eine Soiree in der 8ala Dante bei „Koutana Trevi" zum Besten der Verwundeten einstudirte. Dieser Soiree wohnte auch Bellv Paoli bei, und in derselben lernte ich GregoroviuS kennen. Er glich nicht dem Bilde» welches ich mir von ihtn gemacht. Er schien ein verdüsterter Mann, mürrisch, menschenscheu. Trotzdem kann ich nicht klagen, denn meine Bemerkung, man müsse seine Lateinischen Sommer und seine Siciliana nach der Reise lesen, denn sic seien so farbenreich, daß man bei Regenwctker enttäuscht werde, gefiel ihm. lieber RomS Zukunft sagte er wenig. Kur; nach meiner Ankunft kam eine österreichische Aristokratendepulalion,^ welche dem Papste eine Million Francs alS PeterS- Pfennig zu Füßen legen wollte. Der arme Gefangene im Vatikan konnte sich's jetzt bequemer machen, aber trotzdem verkaufte man in Frankreich noch an die leichtgläubigen Bauern »Strohhalme zu 5t» Centimes per Stück von dem „Strohlager l>cs gefangenen PapsteS"! In .einem kleinen Orte m Oesterreich bat sogar der Pfarrer von der Kanzel herab, die Zuhörer sollten Geld geben, den Papst belästige die Sonne im Gefängnisse, und er brauche — einen Vorhang! DaS hörte ich auS dem Munde einer Dapie, die diese Einladung denn doch etwas zu stark fand. Und da kamen sie jetzt und trugen eine Million Francs aus Oesterreich hinaus?^ Sie luden mich zum Thee und zu einem Besuche des Coloffeums; bei dieser Gelegenheit wurde ich auch aufgefordcrt, die Audienz

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