Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 219 (14.6.1896)
- Date
- 1896-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. .freie* Blatt. Hj. 219. . .(»nnkgtbnng ktt Gemischt»aare»-Berfchleißer.) Eine in Heinal« abgehaltene, von etwa 500 «Kemischiwaaren-Berschleißern besuchte Bersammlung mißbilligte bas Berhallen der antisemitischen Abgeordneten und Gemeinderäthe, welches sie im Erwerbe beeinträchtige. Besonders scharf wurde da» Gebahren P u r s ch t' s und Poszhofer'S gerügt.^ iAiir Bewegnngssreideit.) Bei der dritten Beralhung zur Novelle der Gewerbeordnung im deutschen Reichstage sprach sich der Abgeordnete Prinz Alexander Hohenlohe, Sohn de« Reichskanzler«, für die Beseitigung de« Verbotes des Detailreisens aus, Ter Prinz erkläne unter lebhaftem Beifalle der Linken, jeder Volksvertreter müsse der zu einer Zeitkrankheit gewordenen Tendenz entgegentreten, in da» Gewerbe und in die Bewegungsfreiheit einzugreisen. Es . sei nicht die Rolle de« Staates, in das ökonomische Leben da einzugreifen, wo es nicht abiolut nölhig, sei, _ Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Wiener Gemeinderatb.) In der Sitzung des Wiener Gemeinderathe« vom 5, d. M, beantragte G e ß m a » n eine Petition an den Landtag, in welcher um Abänderung des Gemeindestatuts im Sinne der Aufhebung des SiadtratheS ersucht werten soll, Stadträtbe vom Schlage de» „Schriftleiter«" Wähner iverdm sich wohl.der angenehme» Hoffnung hingeben, daß diese Petition nicht' so bald praktische Bedeutung erlangen werde. Der Lehrer Rauscher stellte in derselbe» Sitzung folgenden Antrag: „Ta» Wiener gememderäthliche Stenograpbenbureau stimmt in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung keineswegs mit'dtzn geänderten Parteiverhältnissen des PleiitunS de» Wiener Gemeinderathe» überein. Bis vor ganz Kurzem waren unter den 15 Mitgliedern deS Bureaus II Juden und nur 4 Richtjuden Ta i» erster Linie nach dem für daS Slenograpdenbureau geltenden Regulativ selbverständlicherweiie die MagistratSbeamken zu dieien Posten herangezogen werden sollen, weil solche Posten ei» nicht zu liilterschätzendeS PluS ihrer monatlichen Redeneinkünfte bedeuten würden, und da ferner dadurch.eine, weil durch den Amiseid der Beamte» bedingt, vollkoinmeu obieclive, auch die Anschauungen der zioliti- . scheu Gegner kennzeichnende und re'pectirende Wiedergabe der Reden und Zwischenruse der Herren Gemeinderäthe im Sinne der Widrheit und Gerechtigkeit platzgreisen, könnte, so erlaube ich mir folgende Anträge zu stellen: 1. Bei allen Neubesetzungen. die au» welchem Grunde immer »inerbald des genannlen BureaüS noldwendig werden, find nur Angehörige der deutschen 'Nationalität zu berücksichtigen, und zwar mindesten» io lang», b:s die Zahl der Richtjuten im Bureau dem Stärkeverdältnifie unserer christlichen Bolk»variei im Gemeinderathe entspricht, Behuf» Heranbildung einer genügeuLK, Anzahl von tüchtigen, praktlichen Slenographen arl» den Kreisen der communalen Beanileilichast Wiens sind im Ra^hbäuse stenographische Lebrcur>'e eilizurichlen und abzuballen, ."> Tä» Perkonale des gemeinderätdlichen Stenograpkendureau» ist um einen Slenographen und einen Hil'-stenographen zu vermehren," Dieser die Pflichttreue der letzigen Stenogravhen vertächtigeiide und die Ausschließung von Inden bei ReuaiisteUiliigeil bezweckende Antrag veranlaßre de» Gemeinde, raik Schlechter auszurufen: „Großartige Idee^ Haben Sie nicht» Ge- .scheneres zu lbun?" Gemeinderatb T a g I e > ch t meinte, der Antrag gebäre in den Papierkorb, und stellte die» gleich darauf richtig, 'indem er ausrief: „Aul den Misthaufen gehört die'er Antrag!" Eine Ennahnung de» Vorsitzenden Platzhalter», den Anstand zu wahren, wie» T»gleicht mit dem Bemerlen zurück: „Bon einem Strobach brauche ich nichts zu lernen". Rach einer echt antisemitischen Lärnn'cene wurde schließlich der Antrag Rauscher dem Sladtratbe zngewiei'en, Bon den Lammsskrlkv? Bermutblich tim der Well zil beweisen, daß im antisemitischen Lager die holdeste Eintracht herrsche unk das Intransigenientbliln Pacher'» eine ganz vereinzelte Erscheinung sei, hielten die deullch-nalionalen Lommsieelen am ö Juni tm Anna Saale eine Versammlung ab, an welcher außer den Abgeordneten S k e i n w e n d e r, Kaiser. P r-a d e, Hosmann v Wellenhof und einer Reibe anderer germanischer VeriammlungSgölier zweiter Ordnung auch der Deui-ch-Rationale — Lueger tbeilnahm E» war rührend, wie einträchtig die Herren Hebammen faßen und die Gleichheit der Bestrebungen von Christlich-Socialen und Deutsch-Rationalen hochpriefen, Ter schlesische Abgeordnete Kaiser faßte die'e» Ziel in dein Wunsche zusammen, der letzte Mann der liberalen Partei müsse zugrunde geben und an ihre \ Stelle müsse in Stadt und Land die Partei treten, die politische Freiheit und j Teuiichtbum revräsenkire, Tann werde „der Bürgermeister von Wien nicht nur Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, sondern Bürgermeister aller Deutschen Oesterreich« iei„". Ter Abgeordnete Kaiser batte sich wohl nicht überleg.!, daß dieser deuiich-natiouale Buzantinismu». wenn-er überhaupt einen Sinn baden soll, nicht» Andere» bedeuten könne, al» daß Dr. Lueger Präsident einer deutsch österreichischen Republik werden solle. Lueger erwiderte diese« com-, promittirende Lob mit der den Abgeordneten Kauer vor seinen deutsch-nationalen Wählern ebenso coniprominirenden Erklärung, man werde in einem Jahre im Geineinderalhe kein Wort mehr von dem Unterschiede zwischen .Deutsch- Rational' und .Christlich-Social' sprechen". Die Bersammlung im Anna-Saale zeigte, daß schon heute ein solcher Unterschied nicht bestehe; die Reden Steinwende r'«, P r a d e'S und Hofmann v, Wellenhof'S klangen in denselben Accorden wie die Lueger'» und dürften Jenen, welche bisher sich noch mit der Hoffnung au die Lntclericalisirung de» Antisemitismus durch die Deutsch-Rationalen trösteten, eine bittere Enttäuschung bereitet haben. Ein „nationaler" Professor erlaubte sich wohl die schüchterne Bemerkung, daß zwar soeben Dr. Lueger sehr national gesprochen habe, daß aber in den christlich, socialen Wählerversammlungen die nationale Gesinnung wenig hervorgekehrt werde. Nichtsdestoweniger beantragte er eine Resolution, deren Annahme den anwesenden LanimSseelen keine Verlegenheiten bereitete. Diele Resolution lautete: „Die heute versammelten deutsch-nationale» Wählersprechen die zuversichtliche Erwartung aus, daß ihre Vertreter im Wiener Gemeinderathe stets fiir die nationalen und freiheitlichen Grundsätze und für die Erhaltung de» deutschen Charakters der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien einlreleN werden. Sie halten ferner für die Lösung der großen wirihschastlichen Ausgaben Wiens und für die Verbreitung der deutsch-nationalen Grundsätze ein Zusammenwirken derselben mit den übrigen antisemitischen Gemeinderälhen für erforderlich »nd wünschen deren Verbleibe» im Bürgerclub." (Gegen Ungarn.) Am 8. Juni, an demselben Tage, an welche», die Vertreter Ungarn» dem Herrscherpaare ihre Huldigung darbrachte», hielt der erste Vicebürgermeister von Wien, Lueger, in einer Landstraßer Antisemiten versammlung eine so gehässige Rede gegen Ungarn, daß sie den anwesende» Regierung-vertrerer nölhigte, die Versammlung aufzulösen. In den Worten Luegers fand der Verwallungsbeainle eine Verletzung der dem Kaiser schuldigen Ebrsurcht. Um nun ihre Lonalitäl zu beweisen, inlonirte» Tie um Lueger. die — VolkSbhmne, Am folgenden Tage fand in einem Praterwirthihause eine Autisemitenversammlung statt, in welcher P a t r a i, S ch e i ch e r, L u e g e r :c. gegen Ungarn nach Heizenslust schimpfen dursten. In der Versammlung wurden auch ZuftimmungSkundgebungen von,Rumänen de» In- und Auslandes verlesen. (IV. ttUQcmcintr Ocsterrcichischer Katholikentag.) Laut Mittheilung clericaler Blätter ist der IV. Allgemeine Oesterreichiscke Katholikentag sür die erste Woche de» MonalS September in Aussicht genommen, und zwar soll derselbe in Salzburg abgebalie» werden. Wie man weiß, spielt seit einiger Zeit auf österreichischen Katholikentagen der Episcvpal nur eine bescheidene Rolle, .während Antisemitenhäuptlinge von zweifelhafter Vergangenheit — auch zweifelhaft in kirchlicher Beziehung — ans die Beratdungeu und Entschließungen einen doininirenden Einstuß üben. (Voll der Bubokratie.) Eine Innsbrucker Burschenschaft veröffeiillichi eiuen Aufnif. in welchem ei» „allgemeiner deutscher S lüde n l e n t c g" für Cctober in Wien einberuse» wird. Der Aufruf ist ganz im Geiste de» „besten Manne» der Ostmark" gehalten, er klagt über die „Entdeulschung sämmtlichcr Hochschulen, nicht mir unter den Hörern, 'onderu auä, mit er den Lehrern" und bezeichnet e» als die Ausgabe de» Studententages, „alle ieiie Ställen, au» denen die Leiter der Zukimsl unseres Volkes bervorgeben, dem deulscheu Volke wieder zu gewinnen", Tie Vertreter der Bubokratie scheinen auch in Innsbruck von sich eine höbe Meinung zu haben und wollen sogar ihren Professoren vorschreibe», wie sich diese zu benehme,i haben. Fürwahr frevelhaft ist das Gebahren je»er"au Jahren reifen Männer, welche au» Selbstsucht unk Eitelkeit die Begriffe der Jagend verwirren unk sie auf Ab- - wege bringen. Sollte e» dagegen gar keine» Remetur geben'? —z>. i jit verkrachte Feichtingrr Partei.) Dem Präsidium de« Grazer Gemeinderalhe» ist vom dortigen Landesgerichie die Millheiluiig zugegangen, daß gegen de» Gemeinderath Io>'es F e i ch r i n g e r die Anklage wegen Verbrechens der Veruntreuung und Vergehen» der ichulddaren Crita, gegen den Gemeinderalh Dr. Theodor S l a r k e 1 wegen fchulddarer Crida und Vergehens gegen das Gesetz über die Eriverbs- und WirlhschaslSgenossenschaflen vom Jahre 1873, ferner gegen den Gemeinderatb Josef L e d a ui wegen Verbrechen» de» Betrüge», des Vergehen» gegen daS Gesetz über die Erwerbs- und WirthschaslSgenof'eiischafle» und wegen schuldbarer Crida, endlich gegen den Gemeinderath Joses W i l f i » g e r wegen Vergehens gegen daS Gesetz über die Erwerds- und Wirthschasisgenossewchasten und wegen schuldbarer Crida die Anklage erboben wurde, «Gegen Juden und Freimaurer.» In Reim» fand vor Kurzem ei» Congreß der katholischen Jugend stakt, bei welchem der dortige Erzbischof de» Vorsitz führte. Auch Graf de M u n wohnte den Verhandlungen des Congresie» bei, welcher folgende Beschlüsse faßte: „1 Die katholischen Zeitungen werten eine möglichst vollständige Liste der Freimaurer und Jude» veröffentlichen. 2, Es sind allerorten Conserenzen zu veranstalten, um über die politische und sociale Bedeumng der Freimaurer und Juden Feststellungen zu machen. 3, .Alle Katholiken, insbesondere die geistlichen Institute, werde» sich sorgfälrigst davor büre», unter irgend welchen llmstünden Juden oder Freimaurern Lieferungen zu übertragen. 4. Eine allgemeine Liga aller katholischen Kausleute und Industriellen Frankreich» soll organisirt werden, um aus ökonomischem Gebiete jene hartnäckig zu bekämpfen, 5, Bei allen Wahlen werten die Katholiken unweigerlich gegen Juden und Freimaurer stimmen."