Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 219 (14.6.1896)
- Date
- 1896-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 219. Frei», Gewerbslcute ausgeübt wurde. An einem der Wahltage ereignete sich im Wahllocale eine aufregende, aber höchst bezeichnende Scene. Als die Wahlcommission durch ein Mitglied die Ungiltigkeit einer Vollmacht erklärte, stürzte Platzmeister P o d es ch u a des Rothschild'schen Salomonschachtes auf die Commission hin und schrie: „Bon diesem verdammten Inden sollen wir'uns befehlen lassen?" wozu der bei ihm stehende Borgesctzte, Betriebsleiter Wo wes, und die übrigen Rothschild- und Gutmann'schen tschechischen Beamten die Fäuste ballten und Beifall schrien. Der anwesende RegiervngScommissür Minks versuchte zu beschwichtigen, was erst nach längerer Zeit gelang. Hiezu übersendet uns ein Freund unseres Blattes folgende Bemerkungen : „Die Wahlfreiheit hoch in Ehren! Aber sunt cmi deuique lines! Man zeige uns nur einen einzigen antisemitischen Brotherrn, der ein ganzes Heer jüdischer Beamten erhält, die gegen den Antisemitismus in der Weife Vorgehen, das; sie die Confcssion ihres Brotgebers beschimpfen. Ein Schönerer hat seinerzeit seine» Schloß pfarrer des Diebstahles von einigen Felberästen augcklagt, weil der christlich katholische Pfarrer bei der Iudenhctzc nicht mitthnn wollte. Der Pfarrer nahm sich auS Kränkung, vor (Bericht erscheinen zu müssen, das Leben. Und ein Rothschild und ein Gutmann sehen kühl und ruhig zu, wie ihre Beamten Führer der antisemitischen Heye.sind. Was die Rordbahn betrifft, so ist cs längst bekannt, daß man von gewisser Seite es sehr gerne sicht, daß die Beamten als stramme deutsch-nationale Antisemiten sich gcriren. Hier gilt, wie in so vielen Fällen, der Wahrheitsspruch: ,Gott behüte uns vor unseren Freunden, vor unseren Feinden werden wir uns selbst schützen.'" (Der Berjüngungsproceß des Liberalismus in Oesterreich.» Im Rachhange zu unseren in der letzten 'Rümmer vom 7. Juni 1890 gebrachten Ausführungen über den „Berjüngungsproceß des Liberalismus in Oesterreich" haben wir noch nachzutragcn, daß laut des Be richtcs der in Tesche» erscheinenden „Siiesia" vom 4. Juni d. I. bei dem am 31. Mai d. I. in IroppjrtT stattgefundcne» ersten schlesi scheu deutsch fortschrittlichen Parteitage auch nachstehende vom Advvcaten Dr. Josef Angel auS Wagstadt beantragte Resolution im Anschluffe an den Resolutionspunkt des.Abgeordnctcn Tr. M enge r wegen stärkerer Betonung und Durchbildung der liberalen Grundsätze im GesctzgcbungS- und BerwaltungSwegc angenommen wurde: „Ins besondere ist durch Schaffung einer den Grundsätze» der Gerechtigkeit entsprechenden Tienstespragmatik die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichheit aller Bürger vor dem (besetze in der Weise d u r ch; u f ü h r c n, daß selbe ohne stk ü ck s i ch t ans Stand »adelig oder nicht adelig) oder Confcssion und unter H i n t a n h a l t n n g jeder wie immer g c a r t et c n Protection auch verwirklicht werde." (Eine Tendeiizlüge.) Wie bekannt, hat der hochwürdige Herr Ladislaus Chotkowski vor einiger Zeit im Abgeordnetenhanje er zählt, daß in Krakau ei» jüdischer Lehrer christlichen Schülern Re ligionsunterricht crtheilt habe. Gleich darauf erklärte» sowohl maß gebende Mitglieder der Krakauer Schulbcbörde als auch die dortigen jüdischen Religionslehrer, daß an der ganzen Erzählung kein wahres Wort sei. Trotzdem fand sich der geistliche Herr nicht bewogen, die Sache durch eine Richtigstellung gutzuniachcn, wie ihm dies von bc freundctcr Seite nahegelcgt wurde. Ru» brachte aber in einer am 3. d. M. abgehaltcncn Sitznng des Krakauer Gcmcindcrathes. der den Borsitz führende Bürgermcistcr eine Erklärung des galizischen Landes schulrathes zur Berlcsnng, wonach crtic streng dnrchgesülirtc Untersuchung cs außer Zweifel stellt, daß die Angabe Chotkowski's von der Erthcilung des Religionsunterrichtes a» christliche Schulkinder durch eine» jüdischen Lehrer jeder thatsächlichcn Grundlage entbehrt, und daß ei» solcher Fall im Schulsprengel Krakau niemals stattgefunden hat. Stadt rath Profeffor Kasparek beantragte, de» hochwürdigc» Herrn Ladislaus Chotkowski zum sofortige» Widerrufe in öffentlicher Sitzung des Abgcordnctenhanscs anfzufordcrn. Dieser Antrag wurde jedoch abgc lebnt, da man sich der Erwartung hingab, der geistliche Herr werde selbst so viel Anstandsgcfühl besitzen, n.n endlich der Wahrheit die El>rc zn gebe». »Lchwilldklcicn per Telephon.) Ein früherer Hauptftthrer der Antisemiten in H a in b u r g - A l t o n a, der Manufacturist A n d c r s e», der sich der besonderen Freundschaft einiger antisemitischer Reichstags abgeordncter rühmte, auch in Bersammlnngen, i» denen dieselben sprachen, eine große Rolle -spielte, hat dort in letzter Zeit, wie behördlich fcstgestcllt wurde, zahlreiche Schwindeleien per Telephon ausgefübrt. Er begab sich an irgend einen fremden Fcrnsprechapparat, richtete an größere Firmen die Anfrage, ob sic von näher bczeichneten Waaren größere Posten aus Lager hätten, und erklärte, sobald die Antwort bejahend ausficl, daß eine bekannte Firma in etwa einer Stunde einen Beauftragten senden werde, um die Waaren in Empfang 8 l a r». Seite 5. zu nehmen. Rach einer Stunde stellte er sich dann selbst, ein, gab sich für den Beauftragten aus und wußte durch sein Auftreten den Kausteutcn so zu imponircn, daß ihm die ^verlangten Waaren anstandslos aus geliefert wurden. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fand die Kriminalpolizei für mehrere tausend Mark Waaren, die er für sich auf die angegebene Weise zusammengeschwindelt hatte. Andersen wurde sofort in Haft genommen; er ist übrigens wegen betrügerischen Ban kerottS schon zu mehrjähriger Freiheitsstrafe vernrthcilt und hat die selbe verbüßt. / > (JaleS Timon.» Der am 8. Juni in Paris im hohen Greisen - altcr verstorbene berühmte Gelehrte, und Staatsmann Jules Simon hat sich bei verschiedenen Anlässen als eifriger Anwalt der Rechts glcichhcit erwiesen. Gegen den Antisemitismus »ahm er wiederholt Stellung, it. A in einem von Schrattcnholz in seinem „Anti scmitcnhammcr" vcrzeichncten Briefe an den Redacteur der - Arohives israt-lites“. I» diesem vom 9. Septcnibcr 1891 datirten Briefe schreibt I-rlcS Simon:, „Den Jahrestag der Emancipation der Inden durch die .^saemdlöo »'onstitnaula zu feiern, ist sehr recht von Ihnen. Dieser Erinncrungstag kommt angesichts der in Rußland, auf den Balkaninselü, in Frankreich wie fast allerorts bcstchcudcu antisemitischen , Bewegung gerade zur rechten Zeit. In Rußland werde» Sic angegriffen durch Bergcwaltigungc», in Frankreich durch die Berlcumdungen, welche mein Freund Germain Söe zu der Acadi-mit; ile Medicine . jungst aufs Feinste znrückgewicjcn hat. Auch ich hatte ffor ein paar Monaten Gelegenheit, eine Lanze für die Juden zu brechen, eine. That, welche mir eine große Zahl von Schmähbriefcn eintrüg.. Einerder großen Rährvätcr der antisemitischen Bcrschwörnng behauptet, daß. dieselbe nicht mit einem Religionskriege identisch sei. Aber sie ist ein Religionskrieg. Allezeit und in allen Länder-» haben die Religionskriege . versucht, durch verleumderische Anklagen sich ein Schutzdach zu schassen. Die Antisemitenbündnisic schaden besonders den Christen und den Philosophen. Jene werden durch sie entehrt und den Letzteren zeigen sie, wie.wenig Einsluß sic besitzen. Ich crrvthe darüber, diese Bcreine sich in einem Laude ansbrcitcn zu scheu, das den heiligen Binccnz de. Panla geboren und die Encnklopädic veröffentlicht hat." Zur gewerblichen Bewegung. Wir rrfuchcil alle wnürliast frcisiillligcn Bürger unterer Ttadt, dem im Jnserntrnthkile imscrcs Blattes befindlichen Verzeichnisse christlicher Gewerbetreibender, die sich zurTachc des Freisinns »nd der Rechtsgleichheit bekannt habe», ernste Anfmerksamkeit zu schenken und diese wackeren Gesinnungsgenossen nach Möglichkeit zu unter stütze»! (Gewerbeschulen.)?ie Geiverbeschulcoininiision in Wien hat ihre» 21. Bericht über die Wiikfamkeit im Schuliahre I8f«4 95» veröffentlicht. Tie unter der Leitung der Eommissio» stehenden gewerblichen Lehranstalten zerfalle» in vier »ialegorien: Gewerbliche PorbereitnngScurse. ForlbildungSschnle» für Lehrlinge »nd Gehilfen, Fortbildungsschulen sür Mädchen und sachliche FortbilbnngSschnle». In dem Berichtsjahre bestanden in den 1!' Geineiiidebeziikeu Wiens 63 gewerbliche BorbereitnngScnrfe. In diesen waren 13 065 Schüler eingeschrieben/ von denen bis zum Schlnffe dcS Schuljahres (71 2 Percent) vcrbliebeir- und iu>52 <739 Percent» ihr Lehrzirl erreichte». Anger diesen allgemeine» ge-- werblichen BorbcreilnngScnrsen bestanden noch 8 BorbercliiingScnn'e für Lehrlinge der Gastivirthe und Kaffeesieder, welche mit Beginn de» Schuljahre» 1892 93 errichtet ivorden sind. In diefen Cursc» waren im 'Berichtsjahre 566 Schüler eingeschrieben, von denen 4-15 (78 6 Percem» bis znm Ende de» Schuljahres verblieben und 421 (743 Percent) das Lebrziel erreichten. Gewerbliche FortbildungS'chnlen für Lehrlinge und Gehilfen bestanden im Schuljahre ie-94 95 i» de» 1!« Bezirken Wien» 33: in diese» Schulen waren im Schuljahre 1894 95 im Ganze» 7717 Schüler eingeschrieben, von denen- 5949 ,7,1 Percent» bi» zum Ende des Schuljahre» verbliebe» und 5003 (04 8 Percent) das Lehrziel erreichten. Geiverbliche Fortbildungsschulen siir Mädchen bestanden im Schuljahre 1894 95 in Wieff>7, und zwar je eine im II., VII., IX , X., XX', XVII. und XVIII. Bezirke. In diesen Schule» waren im Berichtsjahre 1152 Schülerinnen eingeschrieben, von denen P68 (84 Percent) bi» zum Ende de» Schuljahre» verblieben unb 932 (80-9 Percent) daS Lebrziel erreichten. In den unter der Leitung der Gewerbeschulcommissio» stehenden sachlichen Forwildnngrschnle» waien im Jahre 1894 95 im Ganzen 7694 Schüler eingeschrieben, von denen bi» zum Ende dcS Schuljahre« 6151 -83 8 Percent) verblieben und 5529 <718 Percent) das Lehrziel erreichten. Turnunterricht an Lehrlinge wurde in 16 Clirsen ertheilt. TaS LehrlingSinlernat int X'I. Bezirke war im Iahre'1895 mir Ausnahme de» Monate» September vollständig, da» heißt mit 26 Lehrlingen besetzt.