Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-06-14 · 219 (14.6.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
219 (14.6.1896)
Date
1896-06-14
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439303--2719-4889078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jrtiii Blatt. Nr. 219. Seit» 4. auf gemeinsame Rechnung und Gefahr", um durch diese daS ganze (Geschäft umfassende Bcrbindnng möglichst vollständig die Bortheile des (Großbetriebes;u erzielen. Diese vcrichiedenarligcn Amecke zeigen, daß die nothwendigen Boranssepnngen wirlhschaftlichcr Erfolge in der Gewerbegenossenschaft erst ^angeskrebt werden, während sic bei der Productivgenoffenschaft naturgemäß schon vorhanden sein müffcu. Der „Gcmcingeist", der bei der Gewerbegenossenschaft gepflegt werden soll, ist in der Regel gar nicht vorhanden und läßt sich auch dort niit künstlich erzeugen, wo der Zwang und nicht das eigene Interessier» Anschluß des Einzelnen an die Genosienschaft bewirkt. Und wss.sicht es mit den „gemeinsamen" Interessen aus, die da gefördert werden fallen? In der Gewerbegenossenschaft trifft der begüterte und verständige Gcwerbsinhaber, deffen geschäftliche Einrichtung allen Anforderungen der Zeit genügt, mit dem „kleinen Manne" zusammen. der /ich die neuen'Errungenschaften seines Gewerbes ans Pranget an Mitteln nicht zu eigen machen kann oder auch ans Mangel an Einsicht in die" geänderten Zeitverhälrnisse nicht;n. eigen machen will, So kommt es, daß hier, wo die verschiedenartigste» Elemente vereinigt sind, die Interesien derselben nicht nur gethcilt erscheinen, sondern bei vielen Mitgliedern überhaupt kein Interesse an der Genosienschaft vorha-kdcn in. Wo es'an sachlichem Intereffc fehlt, tritt Passivität ein, und die Genosienschaft besteht dann bloß, weil sic bestehen muß; sehr häufig aber — und das ist der schlimmere Aall — spielen rein persönliche Interessen eine Rolle: es wisien sich Männer in den Vordergrund zu dränge», bei denen eigener gewerblicher Borthcil, Ehrgeiz und ' Dkrcbcrtbum die Triebfedern sind, sich in die Geschäfte der Genossenschafk elnzninische»: auch die alles wirlhschäftlichc Leben zersetzende Vartcipolitik dringt unwillkürlich in eine solche, erzwungene Bereinigung, und cs sind gar oft nicht mehr persönliche Eignung, Bildung und Erfahrenheit, sondern vielmehr politische Partcistellung und leere Schlagworte, welche bei der Wahl der Genosienschaftsvertretung maßgebend fnb: die Genonenschafr wird nicht mehr als Selbstzweck betrachtet, «ndern als Mittel zu aiißcrbalb ihres Bereiches liegenden Parteizwecken mißbraucht. Wie ganz anders bei der ans -Selbsthilfe basircndcn Productiv genosienschaft! Jeder Proponent hat hier das Intcresie, die eigene Wirtln'chaft mittelst gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes zu fördern. Hier sind „gemeinsame" Interessen vorhanden und geben den Anstoß zur (Gründung der Bereinigung. Der wirthschaftlich Schwäche vereinigt sich mit scineSglcichcii ans Grund allseitig freier Entschließung. Gerade diese freie Entschließung zur -Selbsthilfe zeigt die hohe moralische - Kraft der Bethciligte» und bietet eine. (Gewähr für das Gedeihen des Unternehmens. Diese Genosienschaft, aus einem rein wirthschaftlichen Bedürfnisse entstände», ist auch kein Boden für politisches Partcigezänke: liier ist die Prosperität de? Unternehmens, mit dem das eigene ivirthschaftliche Wohlbefinden in innigem Zusammenhänge steht, das ausschlaggebende Motiv sür die Handlungen und Beschlüsie der Bethei- - ligtcn. Es können sich hier Disharmonien wohl auch ergeben, doch können sie nicht dauernd den Gang des Unternehmens lähmen, da es dem Individuum sreisteht, sich von den freiwillig übernommenen Berpflichtungen wieder loszusagcn. Es zeigt sich somit, daß die ivirthschaftliche Bedeutung der Pro duclivgcuoi'sc»schast gerade auf dem Sclbsthilfsgcdanken beruht und dieser allein cs ist, der für Fortschritt und Erfolg bürgt. Die Genosscnichaft braucht rechtliche und ivirthschaftliche Selbstständigkeit, um sich entwickeln zu können: die staatliche Aufsicht nimmt ihrdie nöthige Bewegungsfreiheit. Die Schaffung von „obligatorischen" Productivgcnosieni'chaften an Stelle der derzeit bestehenden Gewerbegenossenschaften würde sich als Staatslnlfe auf wirthschaftlichem Gebiete darstellen; die „obligatorische" Productivgenosienschaft würde alle Mängel und Schäden der (Gewerbegenossenschaft an sich trage». Mit Staatshilfe ist aber hier nichts zu erreichen. E? hat sich gezeigt, daß die Gewerbegenosienschaften, eine Rachbildnng der mittelalterlichen Bcrufsgenosienschaftcn, auch nach ihrer Reformirnng nicht imstandc waren, das Gewerbe zu retten. Denn nicht der-Zwang, sondern das eigene Intcresie muß den Anschluß an eine Bereinigung hcrvorbriugcn, und staatliche Eingriffe können die Ralnr des Menschen nicht verändern. „ Allerdings kann die Hebung der wirthschaftlichen Wohlfahrt der Mitglieder eine von den Aufgaben der Gewerbegenossenschaft fein — und es bestimmt ja die Rovelle vom Jahre 1883 selbst (in ij 114) als einen Zweck der Gewerbegenossenschaft die Förderung der gewerb lichen Intereffen durch Errichtung von Borschußcassen, Rohstofflagern und Berkaufshallen: aber dieser Zweck muß auf dem Wege der Selbsthilfe angestrebt werden: seine Durchführung verträgt sich nicht mit der Organisation einer Gewerbegenossenschaft. Der alte Gedanke der Association, wo die Kraft des Individuums nicht ausreicht, ist auch auf gewerblichem Gebiete segenbringend: doch er muß das moderne Kleid der „Selbsthilfe" tragen. Wir müssen in dieser Frage noch immer an der bewährten Anschauung unseres Altmeisters Dr. Schulze-Delitzsch festhaltcn, der im /.freien" Genosienschaftswescn alles sociale Heil erblickte. l)r. \V. (Für nationale, confesfionelle und sociale Gleichberechtigung.) Der Demokratische Berein in Mariahilf faßte in einer dieser Tage abgehaltcnen Bersammlung nachstehende Resolution: „In Erwägung des bevorstehenden Zusammenbruches der herrschenden Parteien in den verschiedenen Bertretungskörpcrn, in Erwägung, daß keine der bestehenden Fractionen als eine Bertreterin der allgemeinen Bolksintereffen, sondern vielmehr als Anwälte dxr verschiedensten nationalen, confessionellen und Claffenintereffen angesehen werden müffc», erklärt die Bersammlung als dringendes Postulat den Zusammenschluß aller politisch und social freiheitlichen Elemente zu einer großen Bolkspartei mit der Devise: .Rationale, confesfionelle und socials Gleichberechtigung ". (Gregorig als Zeuge.) Die Schmähungen, welche Greg orig gegen Dr. Granit sch im Landtage anssticß, veranlaßten diese», wie seinerzeit gemeldet wurde, den DiSciplinarrath der hiesigen Advocatcn kammer um die Einleitung einer Untersuchung wider sich anzugehcn. Der DiSciplinarrath lud Gregorig als Zeugnt^Vvr^- damit derselbe Auskunft gebe, welche thatsächlichen MonwpttShn zu seinen Angriffen bewogen hätten. Die an ihn>^uuchtetrZuschrift kan, jedoch mit der Bemerkung „Wird nicht angenommen" zurück. Der DiSciplinarrath ersuchte hierauf das Bezirksgericht Neubau, Gregorig als 'Zeugen vor zuladcn und von ihm die gewünschten Aufschlüsse zu begehren. Dies geschah; Gregorig entsprach diesmal der Vorladung, bcnütztk jedoch die Gelegenheit keineswegs, um nunmehr die Berechtigung seiner Angriffe darzuthun, sondern erklärte-vor Gericht, er lege keine Aussage ab, weil er für seine Aeußetungen im Landtage nur dem Hause und dessen Präsidenten verantwortlich sei. Der DiSciplinarrath, welchem hievon Kenntniß gegeben wurde, richtete eine Eingabe an das Bezirksgericht, in welcher er ausführte, daß eine Zeugenaussage keine Verantwortung bilde, weshalb Gregorig dieselbe nicht verweigern dürfe; zugleich wurde das Bezirksgericht gebeten, den Genannten durch die gesetzlichen Zwangsmaßregeln zur Erfüllung seiner Pflicht zu vcr anlaffen. Das Bezirksgericht wendete sich nun an das Justizministerium -mit der Anfrage, wie es sich in diesem Falle verhalten solle, und daS Miniflerium hat jetzt den Obersten Gerichtshof ersucht, ein Gutachten hierüber abzngebe». (Rückschritt im Juteresse der Volksbildung.) In Krems fand am 7. d. M. die Jahresversammlung des Allgümcinen nicdcröstcr reichischcn Boltsbildungsvereines statt. Das Wiener Gcmeinderaths - Präsidium, welches,zur Versammlung geladen war, hatte im Gegensätze zn der bisher bestandenen Ucbung weder einen Vertreter noch ein Begrüßungsschreiben gesendet. Angesichts dieser viel commentirtcn Dhatsachc erscheint ein Toast bemerkenswerth, welchen Staatsanwalt Dr. Aigner bei dem der Jahresversammlung folgenden Festmahle ausbrachtc; er sagte: „Wir Justizleute schreiten fort, an Stelle der alten joscphinischcn Gerichtsordnung tritt eine neue. Im Interesse des Bolksbildungsvercincs möchte ich aber etwas Rückschritt wünschen, den Rückschritt zum Josephinismus, zur Toleranz. Mein Glas gilt dem Geschichtsschreiber des Josephinismus, dem Präsidenten des Wiener Bolksbildungsvcrcincs Ritter v. Arneth." (Ein Brief Kudlich's.) Hans Kudlich übersendete für den Bau per deutschen Turnhalle in Postclberg den Betrag von zehn Mark mit einem Begleitschreiben, in dem es heißt: „Ich setze voraus, daß Ihr Berein kein antisemitischer ist; f ü r A n t i s e m i t c n habe ich keinen Kreuzer übrig. Sollte Ihr Verein keinen Inden anfnehmen, dann bitte ich, senden Sie die zehn Mark an Dr. W c i t l o f als Beitrag für den Deutschen Schulvercin." (Tie Gemeinderathswahlen in Mährisch-Lstrau.) Die Gemeinderathswnhlen in Mährisch-Ostrau, welche vor einigen Tagen stattfandcn und nach heftigem Wahlkampfe mit einem vollständigen Siege der deutschen Partei endeten, bildeten eine Hauptschlacht, welche die verbündeten Tschechen, Antisemiten und Socialistcn dem Liberalismus lieferten. Drei Tage schwankten die Chancen des Wahlkampfes und zeitweilig erschien der Erfolg der deutsch-freisinnigen Candidaten ernstlich gefährdet. Die Ursache davon war, wie der „TageSbotc ans Mähre» und Schlesien" berichtete, die ungeheuere Agitation und der Terrorismus, welcher seitens der tschechischen Beamten der R o t h s ch i l d'schen und G u tmann'schen Kohlengruben sowie seitens des Oberofficials Fiala der Rordbahngruben, die im Vereine mit tschechisch-antisemitisch-socialistischcn Advocaten an der Spitze der Agitation standen, auf die unterstehenden Organe und die abhängigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.