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Freies Blatt · 1896-06-14 · 219 (14.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
219 (14.6.1896)
Date
1896-06-14
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit« Fr«l«, Statt. Nr. 219. ^lUtm ^iinui) '?cr Eindruck ift ungünstig, noch nngünftigcr, weil wir?euiichc fttto von der „ritterlichen Nation" vernehmen. Magnaten verlassen den Festplap. Warum? Weil eine Fra«, die Frau eines Würdenträgers, l>ei dein nationalen Feste erscheint., Wozu solch ein Mißton? oft die feierliche 3timmimg nicht gewaltig genug, nin die arinicligen Bornrtheilc dcS l^eöurtSadcls gegen eine hochgebildete Frau •,u zerstreuen, eine Fra», welche von Mitgliedern des Kaiserhauses, ja vom Könige selbst ostentativ ausgezeichnet wurde?-Da müssen wir uns doch tragen, ob vier die Ebenbürtigkeit wirklich jene alleinige Nolle spielte, die ihr seitens dieser stolzen Vciitc eiugeräuint wird — im Auge» blicke des erhabensten Nalionalftstes seit 10U0 Jahre»? Tic Ursache 'muß tiefer liege»: wir stehen hier nick« bloß vor einem Act geringerer Nitlerlichkeit, sondern wir müssen in dcinsclben auch ein deutliches Zeichen tirfücr verbitternug erkennen: Baum, ist der Nkpräsentaut der siegreichen Fdeen der freie» Rtligionsnbnnq in Ungarn. Es ist den Funkern nud Almenstolzcn nicht gelungen, diesen tapfere» Minister zu stürzen. denn die elerieal reactiouärcn Elemente haben keine straft mehr. Eie führen zivar bei (Gelegenheit die „volkswirkhschaftlichcn Fortschritte Ungarns" im Munde, aber sie verlassen den Festplap, aut welchem dieselbe» Fortschritte o-gefeiert werden, aus- Furcht vor ihren cingc wurzelten Börnrweilen. Neben der Frau zu stehen, ivclchc ihren hoch aristokratischen (Gemahlinnen nicht ebenbürtig sein konnte, dünkt ihnen nvmger past'cnd, als das Zin-schenineigcu veralteter socialer Begriffe? Nein, dieie T emonstration der 'erclntwsten .'{reite ist nnr ein Borwand - T ie ungarische Frau greift viel mehr ins politische Leben ein als die deutsche, ihr Won gilt drüben mehr im Familienrathe bezüglich des bssentlicheu Lebens der Männer als^ herüben. Wir tonnen es nicht glauben, dag Mäliner von Bildung und edler (Besinnung, wenn sic auch unsere Anfichieu nicht lbeilen. gegen eine Fra» alte so schroff anttreien. Die (^atkin des '.NinisterprässdeNkcn Banssn gilt nnr als ..nill^ ebenbürtig", lveil die Fdeen ihres Mannes der Rcaction nicht genelin^ find Was schadet das der Frau des Miurstcrprästdeuleu? Fn den Ainzeu der ob-eciiven Znschaner verklärt stch ihre Gestalt zu der einer Märinre'.in der Ansklärung. Eie steht für uns hoch «der den mit ibren uralten Wavven'arben prunkenden Fuugfrane», den Müttern und Frauen jener Türkeiibesseger" und Welkbcfreicr, lvelche unter bei» .loche des pfäfsiichcn Fanatismus gefesselt liegen, ohne auch nnr deii Willen zuhaben, sich daraus zu befreien, deren höchstes Ziel das eigene Eeelenbeil ist und deren eifrigstes Bestreben, jeden Hauch des .labrliunderis von ihrem Rüstzenge ^rrnc zu '.halten, damit den mittel alierliche« Nene» kein Leid widerfahre, die das „Frauenlob" für sich allein bean'vrucheit Bei einem Feste, welches dem Aufblüben des llngarreiches gilt, schlossen »ich nnr wlche ans, welche eiupfinden!u>i"'en, dag.' .wenn sie auch dem-Bolle einst .durch Tapferkeit zur ' . Macht verholten haben, beute ihre verrosteten Anschauungen einem modernen "Enlwicklungc-staaie nnr .mehr im Wege siehe». Fn fortschritt! lickt.'s rv,Innig, als lenchiend?s Mifpiel von ManncSmnlh, riß Banffu! -da Hemm'chuh vom Nade des Fortschritts Eeit jener Etnnde strablt I die Eie'anstrone in doppeltem (Glanze. Tas äußere Auftreten der! tterwaleu Aristokratie erinnert uns aber au jene Nüsiung, in ivelcher ein Held begraben wurde, der läng» zu Etaub zerfallen'in. Rostiges .Et'en und die Borurtheile: änch fie werden zu Etaub zerfallen unter! ..m Hauche der Falv.hnnderle der vorwärts stürmendcu Zeit! Ein fri'ckier Wind, und der Moder, früherer Fahrhunderte ist giach allen' Wellrickikungei: rer sieben! Fm Vniitc iü Leben. im T mifd nur Ber | ires.mg: teni Elaudesveiurtheil. tein N'obnrtsdünkel und kein Ana ü-eii-a vermag au di-.'evi "'rnnd'atzc der Nariirwifsenichaft mit Erfolg 2caci>spiel zur ^rohnleict^nainL ^seier. . ° Fn'ebei^l au das „Freie Blalt"F E-.u .Heck," dem Lueger und frllui einem Elrobach nnd sonü?n ".uandem ' Tas 'oll alfo der Ausdruck der- (Lefiuuuug der. Wiener >eiu f ’ Tas gelii. deck, -wirklich schon weil. -Waffen sich die Wiener schon .inen solch.:: Terrorismus von solchen Tcmagogen gefallen, dag der Be.dächr au' sie 'a.lt. Lueger gebe ihnen über 'Alles? Man hat schon erlebt, das;' Bolksmäuner in der ('stinst des Bolkes io hoch geüiegen find, das; der Eutbusiasiuns iür ne kaum eine l'Nenze fand, dann waren sie aber die Helden, irgend einer leitend.n Idee Besinnt euch doch, ckrr Wiener, war hat dieier Lueger für euch geihan und was ist die Fdee, für die er kämpft? Tag ganze Um nnd Anf seiner, jahre .langen Tl.äiigkeil in das alle Hevp! Heppl Sollte der Fndenhaß jo stark fein,-daß er blind tind taub macht und jede Urtheilskraft lähmt? Ein anderes Mittel aber als den Fndenhaß wendet Herr Lueger, auch wenn er gegen Magyaren, Engländer :c. loszieht, nicht an, und das soll genügen, ihn zum bejubelten Helden zu machen? Ist eS denn ein Geheimniß, dag dieser marschbesungene Held ein Knecht der Clcricalen ist? Wiener, besinnt euch! Ihr habt ja noch nicht vergessen, wohin unser Scsterreich durch die Macht der Schwarzen gerochen ist und daß cS von den Liberalen im Jahre 1867 erst neu wieder aufgcrichtet werden mußte. „Die Berjudnng des ChristenthuniS," das war das Schlagwort, welches gleich nachdem die. Berfassung in Oesterreich gegeben ward, von den Elcricalcn in Umlauf gesetzt wurde, weil sie dieser Berfassung keinen (Geschmack abgewinnen konnten. Die Maul wnrssarbeit gegen diese Berfassung wurde schon zur Zeit begonnen, als der damalige Minister Dr. Giskra in den Straßen Wiens bejubelt wurde nud'man ihm ans Enthusiasmus am Stefansplatze die Pferd? ausspannen wollte, um seinen Wagen selbst zu ziehen; als man dem' greifen Dichter Grillparzer, der im Herrenhanse erschienen war, um für die freiheitlichen Gesetze zustimmen, Svationcn darbrachte. Und dieses Echlagwort von der „Berjudnng des Ehriftenthums" gebraucht ja auch Herr Lueger, der bei der Ausfahrt nach der Frohnleichnamsfcier bejubelt wurde, anf seiner schwarzen Fahne, die er der Reaction voranträgt. Es beweist ja. nur die, sagen wir, Diplomatie der Anti seniiten, wenn der Scriptox der k k. Universitätsbibliothek, Herr Geßmann, von Zeit zn Zeit behauptet, die Antisemiten seien nicht elerieal. Damit will man den Eindruck etwas abschwächen, den die große Zahl von schtvärzcn Kutten in den Bersammlungrn der Antisemiten bei dem Einen oder Anderen doch hervorbringen könnte. Fängt aber der 'Widerspruch zwischen dieser Gcßmann'schen Phrase nnd dem Gcbahrcn der Truppen, die der -Kalksbnr'ger schwarze Prinz zum Kampfe für die Unterjochung der gesammten Bevölkernng, »iärt etwa der Inden allein, hcrbeifnhrt. etwas ggj zu schreiend zn werde» an, so läßt man durch die Eomparscric dazwischen nisen: „Nieder mit den Juden!" nnd das antisemitische Baterland ist gerettet. Und diesen gottsjämmerlichen Hocnspocns lassen sich die Wiener bieten, nnd der erste Negissenr dieser erbärmlichen Konrödie wird -— in den Himmel gehoben 0 t.-mpor:», o mores! 2Tad? den Krönungstaacn. „ (Original Mitiheiluug des „Freien BlalteS".) Petersburg, K. Juni Der berühmte russische Satyriker Salthkow Schtschedrin schildert in einer feiner geistreichen Skizzen einen russischen Machthaber, der ans die Beschwerde eines Mannes, daß er widerrechtlich bestraft und so das besetz verletzt worden sei, damit antwortete, l>aß er die 8nckvl»,vj>- l'i-t:nvv t das (^rundgesetzbnchi ergriff, auf den Stuhl legte, sich darauf fetzte'nnd auSrics: „Das (Gesetz ist unter, aber nicht über mir!" Diese köstliche- Anekdote, welche Salthkow seine» wirtlichen Erfahrungen als (ffonvcrncnr von Srcl. und von "Wjatka entnommen hat, charakterisirt die Rechts und (^csctzlichkcitslicbe der russischen Machthaber ans das Tresslichüe. Und daß die Mißachtung der (besetze in Rußland auch gegenwärtig noch ebenso in Flor steht wie zur Zeit Salthkow's, bezeugt Fürst Mcschtschcrskij, der in seinem „H'raschdanin" neulich erzählte, ein Minister habe einer adeligen Dame die Berwirklichung eines ungesetzliche» Planes mit der Begründung gestattet, baß cS in ^»uß land überhaupt mit dem (besetze nicht gut stehe . . . Ist es aber um den Rcchtsbcgriss im Ezarcnrcichc im Allgemeinen sehr schlimm bestellt, fo kört er überhaupt zu cxistiren auf, sobald cS sich um Inden nnd ' um jüdische Angelegenheiten handelt. So mancher Ausländer, der zur Krönungsfeier nach Moskau kam und von dem äußeren (Glanze ge blendet wurde, mag vielleicht aus der Thatsache, daß in Moskau zwei oder drei reiche Inden unbehelligt leben dürfen, einen Schluß auf die Lage der Jndenfchast in Rußland überhaupt abgeleitet haben, ohne das Leben dieser Masse gesehen, ohne das 'N'etz der täglich neu entstehenden Bedrückungen und Beschränknugen kennen gelernt zu haben. Daö wirkliche Leben^ der russischen Inden ist aber so trübselig und be schämend zugleich, daß es in dem schärferen Beobachter wohl gerade jetzt in der Zeit der allgemeinen Festlichkeiten einen doppelt ernsten Ein druck erwecken mußte. Während ganz Rußland im Taumel der Moskauer Krönungsfeierlichkeiten lag, während die Erwartungen Aller anf das Krönungsmanifcst gerichtet ivaren, spielte sich im Rordwestgcbiete, dem großen Ghetto der russischen Juden, ein Drama ab, das die Läge der rnssischcn Unterthanen mosaischer Eonsession in erschütternder Nüchtern heit zeigt. Fm Gouvernement Grodnobestehen seit 1832 mehrere jüdische Ackcrbancolonien, welche nach dem polnischen Aufstande von 1831 vom Ezar Nikolaus I. gegründet und von den Juden in blühende Farmen nmgcwandelt wurden. Daß während des viernndscchzigjährige» Bestandes dieser Ackerbaucolonien die Juden sich als Ackerbauer die Achtung ihrer /

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