Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-06-14 · 219 (14.6.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
219 (14.6.1896)
Date
1896-06-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439303--2716-4889075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

"I Freies Blatt Abonnement-Preis. Kür Oesterreich-Ungarn: GanzjSdrig ... 6 Kronen (fl. S —) Halbjädrig. . . . 3 Sroncu 40 Heller (fl. 1.70) Bierteljährig... 2 Kronen (fl. l.—) Für da» gesammte Ausland: Ganzjährig.6 Vtark Halbjährig .'.4 Mark Einzelne Nummern 6 kr. Unlrankirte Briese werden nicbt angenommen. Erscheint an jeden: Sonntage. 'Jlttmcticii und Administration: I Srilcrstättc >0. Inserate werden mit rv Heller (io fr.) für die vier« mal gespaltene Noripareilleieile berechnet. Kleiner Anzeiger da- Wort 4 Heller (1 kr ). Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau Vt. Dukes. I. Wollzeilk n. Nummer 219. Wien, 14. Juni 1896. V. Jahrgang. Besserungssymptome in Deutschland. Die Actie» der Antisemiterei stehen derzeit in Deutschland nicht so günstig wie in Oesterreich, und inancherlci Anzeichen lassen darauf schließen, daß für die reichsdeutschen Judenhetzer die schönen Tage nun zu Ende sind. Das von der preußischen Regierung vorgelegte Richtergesetz mit seinem gegen jüdische Rechtsgelehrte. gerichteten Assefforen-Paragraph, 'daS judenfeindliche Gebahren des Justizministers Schönstedt überhaupt wird als ungerecht auch in katholischen Kreisen auf daS Entschiedenste mißbilligt, und namentlich ist es die „Kölnische Volkszeitung", welche der Besorgniß Ausdruck gibt, daß eine Schmälerung der Rechtsgleichheit zu Ungunsten der Juden im Laufe der Zeit auch eine solche auf Kosten der katholischen Staatsangehörigen Preußens herbeiführen müßte. Nicht einmal das in agrarisch-antisemitischem Sinne entworfene Börsengesetz, welches neulich der deutsche Reichstag beschloß, bereitet den Antisemiten irgend einer Schattirung eine bksondere Freude. In der Debatte, welche diesem Beschlüsse voranging, wurde von social-demokratischer Seite der ganze Schwindel enthüllt, welchen die angeblichen Kämpfer gegen Corruption treiben. Was bisher nur wenige Eingeweihte wußten, ist nun aller Welt bekannt. Man weiß jetzt allgemein, daß Herr v. Plötz, der streitbare Obmann des agrarisch antisemitischen Bundes der Landwirthe, ein eifriger Börsenspieler war und sich in waghalsige Getreidespeculationcn eingelassen hatte. Ueberdies scheint auS einer Andeutung des Wortführers der Social-Demokraten hervorzugehen, daß dieser Junker bei größeren Verlusten eS vorgezogen hat, Börsendifferenzen nicht zu begleiche». Herr v. Plötz selbst mußte ohmweiterS zugeben. daß er Börsengeschäfte gemacht habe, und meinte nur, daS sei schon so lange her, daß, man sich nicht darum zu kümmern brauche. Der Deserteur aus dem national-liberalen Lager, der gegenwärtig beim Bunde der Landwirthe bedicnstetr Dr. Diederich HaYp, suchte Herrn v. Plötz zu Hilfe zu komme», indem er die Behauptung aufstellte, daß der agrarisch-antisemitische Bund nur gegen die Ausbeutung deS PublicumS durch die Börse sei, gegen Börsengeschäfte an und für sich aber nichts einzuwenden habe. Weit klüger benahm sich der jetzt ebenfalls in Diensten des Bundes stehende ehemalige „hessische- Bauernkönig" Dr. Otto Böckcl; er schwieg und blamirte sich nicht für seinen Vorgesetzten. Dagegen * trat der Held der Ehrenscheine, Herr Lieberman» v. Sonnenberg, in die Schranken und machte den Versuch, durch ein Geschimpfe gegen die Social-Demokraten die Börsenoperationen deS Herrn v. Plötz zu beschönigen. Da kam er aber schlecht an. Der Sprecher der Social-Demokraten begnügte sich nicht damit, seine Ausfälle zurückzuweisen, sondern er ging zum Angriff über und verfuhr dabei schonungslos. Die Social-Demokraten, sagte er, können jeden Vergleich mit den Antisemiten auShalten. - Sie habe» in ihren Reihen keinen Zuchthäusler und keinen Meineidigen; sie führen einen redlichen Kampf, während das Gebahren der Antisemiten nur mit dem Dreschflegel oder mit stillschweigender Verachtung beantwortet werden könne. Ein Triumph für die Tivoli- Brüder und die ihnen in moralischer Beziehung verwandten Radauelemente war die Debatte über das Börsengesetz keineswegs. Auch eine ganze Reihe von kleineren Vorfällen zeigt die rapide Abnahme der antisemitischen Hetzsucht in Deutschland. So muß Emil Bodeck, nachdem er als Zeitungsherausgeber schmählich verkracht ist, wieder zum WirthSgewerbe Zuflucht nchmc», und er veröffentlicht eben in der „StaatSbürgcr-Zeitnng" einen förmlichen Bettelbrief, worin er die Antisemiten aller Farben bittet, ihm sein früheres Partcilcben nicht nachzutragr» und ihm seinen „äußerst schwere» Kampf um die Erhaltung seiner Existenz nicht »och mehr zu erschweren". Ferner hat der Eharlottenburger Antisemitenhäuptling Wilhelm Kretzer mit einem „Wegweiser durch Berlins christlich-deutsche Geschäfte" nicht den gewünschtem Lrfol» erzielt und sieht sich jetzt bemüssigt, eine Anzahl von Personen um eine „einmalige Zuwendung von 5,0—HK) Mark, ohne weiterem Wohlwollen Schranken zu setzen", brieflich anzuflehen. Glänzende Geschäfte scheint die vom Antisemitenführer Zimmermann in Dresden herauSgcgcbene „Deutsche Wacht" ebenfalls nicht zu machen. Wie die Aclien dieses Blattes stehen, zeigt wohl folgende Thatsache: Bor Kiirzem kamen in der Versteigernngshalle des Dresdener Amtsgerichtes vier Aclien der „Deutschen Wacht" über je 200 Mark zur öffentlichen zwangsweisen Versteigerung. Bei der Ausbietung wurden zurrst für sämiutliche vier Aclien, also für 800 Mark, bloß 82 Mark offerirt. Schließlich wurde» aber für die Aclien, nachdem man sie einzeln ausgebolen halte, Preise von 82—87 Mark erzielt. Kennzeichnend'für den Verfall deS AntisemstiSmus in Deutschland ist weiters das Resultat der neulich staltgchabten Stichwahl im Reichstagswahlkreise Ruppin- Templin, woselbst ein conscrvativer Landrath unterlag und ein freisinniger Gutsbesitzer aus der Wahlurne als Sieger hervorging. Dieses Wahlergebniß ist ui» so bedeutsamer, als die Wähler, welche bisher für antiscmitische Eandidaten gestimmt hatten, der - Aufforderung der antisemitische» Parteileitung, den conscrvativcn Landrath zu wählen, größtenthcils keine Folge leisteten, sondern sich entweder der Wahl enthielten oder gar für den Freisinnigen ihre Stimme» abgaben. Erwähnung verdient auch der jämmerliche Verlauf eines in Breslau abgchaltencn Parteitages der Antisemiten. Derselbe war schwach besucht, und mehrere Redner klagten darüber, daß man in ganz Preußisch-Schlesie» der antisemitischen Heilslehre nur, geringes Interesse entgegenbringe. . Die Antisemiten der christlich-socialen Richtung Slöckcr'S dürften es besonders schmerzlich empfinden, daß die sogenannten jungen Ehristlich-Sociale», wie einer ihrer geistlichen Vertreter in einem liberalen Blatte feststellte, den Antisemitismus vollständig abgestreift haben und von ihm nichts wissen wollen. Wir aber geben der Hoffnung Ausdruck, daß Earneri'S Worte an den Wiener Abwehrverein in Erfüllung gehen werden und daß die Ungeheuerlichkeiten, welche auS Racendünkel und confessioneller Engherzigkeit die Freiheit und Gleichberechtigung gefährde», schließlich cfuch in Oesterreich zu Schanden werden müssen. s-z-!- Schatten. Die MiUcnniuulsfcier ist bis jcpt glanzender verlausen, als die Feier zu Moskau geendet hat. Tort in Rußland eine stmnpfsinnige Masie, die ohne Leitung, sich selbst übcrlaffen, zugrunde geht, hier ein selbstbewußte« Volk, da« für seine Freiheit geblutet hat.Eine schwere Unglückswolkc wird noch jahrelang über Moskau lagern, nur ein leichter Schatten ruht auf derMillcnniumSfcier, von einen. Wölk chcn ausgehend, aber t» ist doch ein Schatten: Wir meinen die Hat tung des höchsten Geburtsadels gegenüber dem Ministerpräsidenten, /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.