Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 218 (7.6.1896)
- Date
- 1896-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. .freie» Statt. Nr. 218. Ileer und;» traurig. Ich nahm daher wiederum den Weg über Mentone; die Ehristnacht verbrachte ich in der Diligence zwischen Mentone und Savoua, denn es drängte mich nach südlicheren Breiten. Der Schneefall an der Riviera zwang mich zur Eile, wollte ich von Sestri nach La Specia über den Apennin kommen. Ich fuhr also sogleich per Bahn über Rervi nach Sestri, nahm dort einen Betturino, weil die Post erst AbendS abfahren sollte, und aufwärts ging eS auf der kühnen Bergstraße, welche an diesem Tage einem Schweizer Paßwege im Winter glich. Der Schneesturm wurde zuletzt so arg. daß wir senseits der Paßhöhe bei dem ersten kleinen Dorfe halten mußten. Ich stieg in einer kleinen Spelunke ab. Die Hausleute blickten mich gerade nicht sehr vertrauenerweckend an. Ich bekam WeihnachtSbrot, paue santo. und vivo santo; Küche und Speisezimmer waren eins; ich tröstete mich mit dem Gedanken, auf der Alm sei es auch nicht besser. AlS ich über die Treppe des den hochtrabenden Ramen „Hötel di Milano" führenden WirthshauseS binaufstieg, erzählte die mir voranleuchtende Alte, daß hier im Sommer oft „Inglesi" und „Pittori" übernachten. Trotzdem fand ich eS gerathen, während sie den Kamin heizte, meinen Revolver zu laden. Ich verrammelte hierauf die Thür mit einem Tische und stellte zwei Seffel an dessen äußersten Rand; die Fenster waren zerbrochen, ich stopfte darum Zeitungspapier in die Löcher. Am Morgen t> Uhr begann der Bau zu wanken, ein Stuhl siel vom Tische und weckte mich: der Betturino hatte seine Schuldigkeit getha». Bei Thauwetter und in den Spuren der bei Rächt vorbeigekommenen Diligence ging es nun. rasch gegen La Specia hinunter. Die Schisse im Hafen waren sämmtlich beflaggt, es hieß, man erwarte Amadeo, den neuen König von Spanien, zur Abreise nach Barcelona. Auf dem Bahnhofe sah ich viele Herren in Gala. . . . Als wir ausfuhren, beugte sich mein Eoupögenosse, ein Mariueofsicier, weit auS dem Fenster und rief: ..Kwiva il n!” Eben-'uhr der königliche Zug in die Halle. Ich iah die blendend weißen Marmorbrüche von Earrara, dann den jchiefen Thurm von Pisa; bald wurde es dunkel. Ein alter I Herr war riiigettiegrit, der schweizerische Eonsul aus Livorno. Derselbe erzählte mir von der Ermordung deS EonsulS von Oesterreich, Inghirami-Fen, und von der Abstinenz bei dessen Leichenbegängnisse, gegen welche er muthvoll eingetreten war. Er empfahl mir auch mehrere Sehenswürdigkeiten. „ In Florenz angekömmen, begann ich sofort meine Kunststudien. I Ich lief Galerien und Kirchen ab, und Abends kam ich mit Eompalrioteu im „Restaurant Rossini" zusammen. Im „Palazzo della Signoria", wo das Parlament seine Sitzungen abhielt, waren auf einer Wand alle Plebiscite ausgeschrieben, auch das vom Könige i »och nicht persönlich entgegengeuommene der Römer; ei» freier Raum war »och gelassen, nach der Erklärung des Führers: ..Per il Trmtino >> per Trieste." Es ist jetzt 2f> Jahre her, und dieser Raum an der Wand im Saale des „Palazzo della Signoria" ist noch leer. Wir haben Triest und Trient noch. Dagegen wurde das Plebiscit der Römer wenigeTagespäter vom K önigeentLegengenommen. Der Arno ging eben sehr hoch, und eS hieß, der Tiber habe Rom überschwemmt, am 30. werde Bittorio Emmanuele die inundirte Hauptstadt besuchen. Ich sah ihn auch an diesem Rachmittage in Eivilkleidern - nur in Begleitung eines Höflings > zur Bahn fahren. ES war ein historisches Moment, von dem ich gerne Zeuge gewesen wäre. Leider sollte der erste Personenzug via Livorno und auf der Maremmenbahn, der einzigen wasserfreien Linie, nicht früher alS am .">1. Abends adgehen. Mich drängte es nach Rom, nach Allem, waS geschehen war. Am *\ December 1809 hatte Papst Pius IX. das Eoncil eröffnet, von welchem sich die Elericalen so viele Erfolge versprachen. Französische Garden bewachten die Bersammlunq, von der der große Historiograph Roms, Gregorooius, sagte: ES handelte sich darum, alle Gewalten der Kirche in dem einen Papste zu vereinigen, ihre desiehnide Verfassung durch eine unerhörte Reuerung gewaltsam umzuänderu, den Papst für immer zu dem allmächtigen Dictator der ge'ammten Kirche zu erklären." Mit welchen Mitteln dieses Eoncil arbeitete! Wie die Majorität geschaffen und die Minorität erdrückt wurde! Dock die öffentliche Meinung wich dem Eoncil nicht von der Seite, und^ sie „entschleierte und richtete", sagt Gregorooius > Wauderjahre, IV., :>:;7-. Ernste und' gläubige Katholiken bekannten voll Trauer und Unwillen, daß das Werk dieser Synode eine Herausforderung zum Schisma gewesen sei. Die Berufung deS Eoncils bewies allein schon die „GeisteSarmuth und Erschöpfung in de» romanischen Elementen der Kirche zu jener Zeit". Am 18. Juli 187" wurde das reue Dogma der Jnfallibilität des PapsteS vor den leeren Bänken im St. Petersdpme unter Blitz und Dontwr*) verkündigt. „Die höchst fehlbaren Häupter haben den Papfl für unfehlbar erklärt und damit dem Ansehen der Kirche ^ne tiefe Wunde geschlagen. Von diesem Stoße erbebte Europa," sagt GregoroviuS, „Alles, waS morsch und faul war, mußte davon niederfallen." Der Kirchenstaat lag der Invasion wieder offen. Die italienische Regierung erklärte den September-Bertrag seit Napoleons (seines Urhebers) Fall für erloschen! Sie forderte Roms Besetzung. Am 19. September begann die Belagerung von Paris, am 19. September auch die von Rom: 30.000 Italiener standen vor der „Porta pia", und am 20. September, Früh 5 Uhr, fiel der erste Schuß. Im Vatikan saßen zitternd die Eardinäle und Pius IX., als Eardinal Antonelli um 11 Uhr Vormittags die Depesche bekam, daß nach sechsstündigem Kampfe Rom gefallen sei und mit ihm 1000 Jahre weltlicher Herrschaft des geistlichen Oberhauptes. Der bereits seit Juli unfehlbare Papst hatte erklärt, niemals würden die Feinde in Rom einrücken. Rur der Widerstand der päpstlichen Soldaten verursachte Blutvergießen. Woher kamen aber die zahllosen Trikoloren in der belagerten Stadt? Alles beflaggte, denn die Bevölkerung wünschte die Besetzung, und die Italiener kamen mit friedlichen Absichten; der Papst hatte also wahr gesprochen, denn nicht Feinde, sondern Freunde besetzten Rom! Pius IX. wurde mit aller Achtung behandelt, und die ganze Fabel von der Gefangenschaft ward nur erfunden, weil Pius sich über die Behandlung seitens der Italiener nicht beklagen konnte. Riemand hörte die Stimmen im Vatikan: Die Welt hatte damals in Frankreich noch Wichtigeres zu thun, als dieses Ereigniß zu beachten. GregoroviuS schrieb ferner: „War nicht das Schweigen der Welt auch das TodeSurtheil des Kirchenstaates? Die Gewaltthat des Eoncils halte die Achtung vor dem Papstthume weit und breit gemindert. Der Fall seiner weltlichen Gewalt war nur die nothwendige und gerechte Folge der ungeheuerlichsten Zumuthung, die je an die menschliche Vernunft gestellt worden ist." (Wanderjahre, IV., 340. i 'irorlH'fuitg *elgi. * Die beiden Muriner. Bon LaU ^offner.**) ’.'ia&truif vcrfcottit. Auch in Ratzeburg war Theater! Und warum sollte in Ratzeburg kein Theater gewesen sein? Auch die Ratzeburger hatten ja Mecklenburger Thaler, und der Thaler galt in Ratzeburg accurat so viel als in Strelitz. Aber die guten Bürger deS kleinen Städtchens hatten ungeheuer /tiefe Taschen; sie mußten lange, lange suchen und greifen, biö ihnen ein Thaler, ja nur ein Silberling fürs Theater an den Fingern hängen blieb. Und es war doch eine Truppe, die das Kolossalste bot und leistete. Große Oper,'Singspiel, Trauerspiel, Schauspiel, Lustspiel und sogar Ballet! Ei ja doch, diese fliegende Truppe spielte Alles, denn jedes ihrer Mitglieder war ein Universalgenie. Almaviva war gestern Wallenstein, Sarastro — Fridolin, Easperle — Bastard von Orleans, Earl Moor war auch erster Solotänzer und Rathan der Weise war zugleich Arlequin. Für e i n Fach war Keiner, sondern Jeder für alle Fächer engagirt, und Allen ging die Frau Direktor mit edlem Beispiele voran. Die geniale Künstlerin zählte erst ihre fünfzig Jährchen, hatte aber schon einen EorpuS, der seine drei vollen Eenlner wog, und mit diesem EorpuS spielte sie als jugendlicher Liebhaber eine äußerst stattliche Figur. . ' Als Reitknecht;. B. in Gounod's „Vertrautem" bot sie im Jäckchen un»- Tricot die ganze Ueppigkeit der Ratur auf breitester Basis zur Schau. Die Gesellschaft war munter und thätig, denn sie hatte keinen Oberregisseur, sie war einig und willig, denn sie hatte keinen Theatersecretär, und war heiter und zufrieden, denn sie hatte zwar nur ganz kleine Gagen, aber die blieb ihr der Direktor pünktlich und regelmäßig schuldig an jedem Ersten des Monates. Im Gasthause „zum langen Ehristoph" hatte sich eines Morgens das lustige Völkchen zum Frühstück eingefunden. "*> (Sin merkwürdiger Zufall war es, daß in dem Äugendlicke, als ich zu Bern am 2. September 1870 da» Ertradlatt mit der 'Nachricht: „Napoleon | gelangen" entfaltete, ein Bm> in da» gegenüberliegende Dach fuhr, alS ipräche I die Natur in der Weltge'chichte mit! _ **) Lu« dem titeraröchen Nachtane de« Verfasser« von „Tbere'e KroneS" :e.