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Freies Blatt · 1896-06-07 · 218 (7.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
218 (7.6.1896)
Date
1896-06-07
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 218. S ’' * » Der »lange Christoph" pumpte dem lustigen Bölkchen zwar nicht x,»ef)r, aber — es war ein schöner Sommermorgen, an welchem die liebe Sonne ihre vollen Strahlen durchs Fenster ins Gastzimmer warf, und in Ermanglung etwas Compacteren sind auch Sonnenstrahlen ein warmes Frühstück für den Künstlermagcn. Im geselligen Kreise plaudert Jeder am liebsten von dem, waö seinem Herzen am nächsten steht, der Schnstcr von seinen Lehrjungen, die er gebeutelt, der Wucherer von seinen Kundschafte», die er geprellt, der Fleischer von seinen Achsen, der ^chS von seinem Rindfleisch, der Müller von seinem Esel und der Esel von feiner Politik. Folgerecht plauderten die Schauspieler von ihrer Kunst, die hier nach Brot ging und Sonnenstrahlen fand, von ihrem anderthalb Mann starken Publicum, das je eher je lieber der Teufel holen sollte, und dabei sangen sie dann unisono nach jeder Ex conimunication: „O Ratzcburg, o Ratzcburg, du wunderschöne Stadt!" »Es steht Jedem frei, daö Theater zu besuchen oder nicht zu besuchen, meine Herren!" sagte ein kleiner, corpulcntcr Herr, dem Anscheine nach ein Fremder, der an einem Ccklischchc» ein Rosldeas mit Porter hinunterschwemmte. „Die Ratzebnrgcr finden wahr scheinlich keinen Geschmack an Ihrer Kunst." Rach einer Pause allgemeiner Entrüstung erhob sich der erste Held und Solotänzer der Gesellschaft, trat mit verschränkte» Armen dem vorlaute» Fremdling gegenüber und sprach, nachdem er ihn mit sinsteren Blicken und rollende» Augen ein paarmal der Ringe »ach herauf und herunter gemessen: „Meister Gerber oder wer Ihr seid, ich glaube, Ihr thätet besser, Kälberfclle als unsere Worte zu krilisiren und hier so naseweis Cure Ansichten zu entwickeln. Wenn Cnch diese Zurechtweisung nicht bchagt, bin ich zu einer anderen bereit. Ich heiße Alexander Poscnkiel und stehe Euch zu jeder Stunde zu Diensten." Der Fremde lächelte ironisch und wollte antworte», aber er besann sich eines Bessere», steckte die Rase ins BierglaS und schluckte die Antwort hinunter. Während er so schluckte, wurde stürmisch die Thüre aufgerissen, und rolh wie ein Pipcrhahu stürzte der Dircclor der Truppe i»S Gastzimmer „zum langen Christoph". WaS die Frau Director an Fleisch zu viel hatte, Halle der Herr Direktor an Fleisch zu wenig, denn wenn ihm zufällig eine Compagniestrafe dictirt worden wäre, hülle kein Naturforscher auf Erden auf seinem Körper den Platz für die Fünfundzwanzig gefunden. „Eine Neuigkeit, Kinder!" rief er jubelnd, indem er seine blonde Tilnsperücke von einem!^hr aufS andere schob, „eine Neuigkeit, die wir auSbeuten müssen, um uns wieder flon zu mache». Der berühmte Komiker Wurm trifft heute noch in Ratze bürg ein." „Wurm?!" schrie die Gesellschaft, indem sic wie eine Feder vom Tische cmporschnellte. „Ja, der große Wurm, der nach Strelitz ans Gastrolle» reist. Er kommt noch heute BormittagS mit Extrapost an und soll zwei volle Tage in Ratzcburg verweilen, hat mir der Postmeister gesagt. Kinder, der berühmte Komiker muß den Schneider Fipps auf meiner Bühne spielen, um uns aus der Tinte zu reißen." „Himmlisch, göttlich!" jauchzten die Schauspieler. * „Aber Wurm ist nicht so du»»»!" brummte der Fremde bei der Porterflaschc. „Halten Sie Ihr Maul, Meister Gerber!" donnerte Poscnkiel. „C, Sie — Sie Meister Gerber, Sic!" sccundirlc der Dixector seinem Helden. „WaS wissen denn Sie, ob Wurm so dumm ist oder nicht? Es ist schon mancher große Künstler so dumm gewesen, für mich zu spielen, warum soll cs Wurm nicht sein?" „Herr Wirth, drei Zimmer für einen Passagier!" rief der Postbote, indem er den Kopf durchs offene Fenster steckie. „Punkt zwölf. Uhr trifft er mit Extrapost hier ein." „Wer ist der Passagier, Mathias?" fragte der Wirth. „Ein Ko — Ko — KomicuS Wurm auS Berlin," cntgegnctc Mathias, indem er sich zurückzog. „KomicuS Wurm auS Berlin!" jauchzte der Direktor. „Jetzt geschwind in die schwarzen Fräcke, meine Herren! Wir müssen ihn am Thore des Gasthauses aufS Würdigste zu empfangen suchen. Die Herren schwarz, die Damen weiß, und meine Frau alS Apollo mit Lyra und Lorbeerkranz voran. Zuerst begrüßen wir ihn mit einem Chor — aber welche» Chor wähle» wir denn geschwind?" „Ein freies Leben führen wir! auS den Räubern." »lat«. Seite „lDdcr den Chor 'ÜuS dein Dorfbarbicr: Gott grüß^ Euch in Ehre», die Bärte uns zu schceren," brachte ein Anderer in B>r schlag. „Nein, nein, daS paßt nicht!" meinte der Director. „Hakt — ich hab'S, ich hab's! Wir begrüßen ihn mit dein BolkSIicde: Heil dir im Siegerkranz! Balcr des BaterlandS! Und nach dt», Chor fingt meine Frau alS Apollo: Wir winden dir den Jungfei nkran; mit veilchenblauer Seide! und setzt ihm dabei den Lorbeer kranz aufs Haupt." „Bravo! Bravo!" applaudirten die Schauspieler und stürm en zun, Zimmer hinauch nachdem sie noch einen vernichtende» Blick auf den Gerber zurückgcworfcn. Punkt zwölf Uhr stand die ganze Truppe in zwei Reihen uor dem Gafthofe „zum langen Christoph" - rechts die schwarzen Herren, links die weißen Dänien. DaS ganze Doppclihor deckle die Frau Direktor als Apollo, im blauen Jäckchen und Trikot, mit der ganzen llcppigkeit der Natur auf breitester Basis. Ei» Shawl aus zartem Gewebtz dickte einen Nacken, den die Indianer als Nacken eines weißen Elephai len göttlich verehre» würden, und schlang sich um Arme, die ein willig zu weiß und zu zart waren, um als wcstphälifche Schinken zu passiren. Ach cs war euch ein Apollo, so lieblich, so drall uni so . feist — wie der Apollo nnserer neueste» Bvlksmnsc ungefähr. „Klipp, klapp, trara, trara!" " Ein blasender Postillon schnalzte mit der Peitsche, und ^iuc leichte Kalesche fuhr die Straße herab dem Gafthofe „zum laisgen Christoph" z». H il dir im Siegerleau;, Balte bei Balcrland,',' Heil, Wurm, sei dir! So klang es durch die Lüfte, und alS die Kalesche Hall nililchte vor dem Thore des GasthofcS, trat Apollo;um Wagenlritt, Milchte einen zierliche» Knix und saug mit einer sonoren bayerischen Bier stimme: Wir winden dir. den Jnngsernkran; Mil veilchenblauer Seide, Schöner, schöner, grüner Jungfernkranz! Ein kleines, dickes Männchen im Staubmantcl und mit schwakzrm Käppchen bog sich ängstlich und erstaunt zum Wagen hinaus, da schleuderte ihm Apollo seinen Lobeerkrgnz ans die Nase, und Schöner, grüner, schöner, grüner Juiigsenllrnnj! brüllte der Chor.'! Plan bemächtigte sich dcS verblüfften Passagiers, hob ihn auf die Schultern, und so sehr er auch schrie und zappelte, man! trug ihn unter donnerndci» Bivat inö Gastzimnicr hinein.! „Aber umS HimmclswiUcn," fragte er kläglich, als er endlich ein wenig zu Alhei» gekommen, „was hat man mit mir vor? Waö will man von mir?" „Willkommen, großer Wurm, im Kreise kleiner Würmer!" begrüßte ihn mit Salbung der Dircclor, und „Bivat der große Wurm!" jubelte die Truppe. „Warum soll ich denn'auf einmal der große, Wnri»:scin, meinc Herren?" | „Warum? Weil Sie Wurm sind.— weil —" „Wurm bin ich allerdings, aber —" „Der KomicuS Wurm!" „Nein, nicht der K o in i c n S, sondern der C a n o n i c u s Wurm bin ich!" „Der EanonicuS?" schrie wie ans den Wolken gefallen die ganze Truppe. „Aber auch der KomicuS ist unter uns, denn wenn ich nicht irre, sitzt er dort an jenem Tischchen in der Ecke." „Der — der 'Wurm?" jammerten nicdergedoinicrt die Unglücklichen. „Ja, der rechte Wurm," sprach lachend der berühmte Komiker, indem er in den Kreis der Gesellschaft trat, „der morgen zum Besten seiner bedrängte» CoUcgcn den Schneider FippS in Ratze» burg spiele» wird." „Bivat der KomicuS Wurm! Bivat!" „Bivak auch der Canonicuö!" ergänzte der KomicuS, „denn ohne den Canonicuö hätte der KoniicuS sein Inkognito schwerlich aufgcgebcn." „Bivat beide Würmer! Bivat!" Der Komiker Wurm spielte den Schneider Fipps vor einem auSoerkauften Hause, und die Beneficianlcn frühstückten keine warmen Sonnenstrahlen mehr in Ratzebnrg.

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