Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 218 (7.6.1896)
- Date
- 1896-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.freies Blatt. Nr. 218. Seite 6 Alle sich des ungetrübten Genusses der akademischen Freiheit ersreutu werden, wa» allerdings schwer zu sein scheint, njimlich frei zu sein, indem man Pflichten anerkennt, iknd sie auch übt. Ich bitte um Ablehnung der Dringlichkeit der Anträge." Die Ablehnung erfolgte bierauf mit.großer Majorität. «Wiener Gemrinbrrath.) Zu den letzten Vorgängen im Gemeinderathe schreibt un« ein Freund unserer Blatter« Die Welt ist eine Komödie. Welche Entrüstung der Beamten, al« Gras Kiel m anSegg seinen Beamtenerlaß herauSiandte, welche Empörung unter den Angehörigen der niederen Diätenclassen! „Wir wollen uuS nicht beeinflussen lasten!" riesen sie. Daun kam da« Project der BeamtengehallSaufbesterung; da hieß er wieder« „Wir wolle» tut» nicht bestechen lasten!" Die Beruünsiigen unter den Beamten hätten damals die Pflicht gehabt, den von der Zeitströmung, der Lueger-Epidemie, ergristenen allzu jugendlichen Eleinenten den Standpunkt klar zu machen. Es geschah aber nicht, und er wurde gewählt und -gegen die Staatsgrundgesetze, gegen den Willen de» ersten Ralbe» de« Monarchen an der Urne demonstrirt. Man ermöglichte e» durch die Beamtenstimmeu, daß die Partei de» Geschreies und der politischen Komödie obenauf kam. Heute «eben wir schon, wo die ganze Sache hinau» wollte« Kein Jude im Siadlrathe! Nächstens wird vielleicht von einem antisemitisch eler iealen ReichSratbe mit großer Majorität beichlosten werden: „K(in Jude Beamter". Tann mögen die Träger der Intelligenz ans Au»wandern denken, denn der „dumme Kerl von Wien" beherrscht durch die Kutte ganz Eisleithanien. «'avant eonsules! E» gibt auch Nicht-Antisemiten in Oesterreich — Ein in den Wiener Sonntagsblärteru veröstentlichteS, ron den Gemeinderätben Tr. Vöglxr und Tr. NechanSku Unterzeichneter Schreiben, enthalt einen beachtenswerlhen Beitrag zur Vorgeschichte der Stadt- ^ratbswablen. In denffelden wird auSgesührt« „Bereit» in den antisemitischen Morgenblältern vom 2!' Mai d. I war ein au den Borstand deS Fortschrittlichen Parteiveibandes gerichtete» Schreiben de» .Bürgerclub' enthalien, welches merkivürdigerweiie di« letzt, 30.-Mai d. I. Abend», demselben noch gar nicht sugekommen ist. E» ist begreiflich, daß wir in die Beantwortung diese» Schreibens nicht früher eingeben wollten, al» biS wir dasselbe erbalten hatten. Nu» hat aber dasselbe in alle» Zeitungen Aufnahme gesunden und enchält Bebanptungen, welche der Wahrheit nicht entsprechen: darum sind wir genöthigt, »och vor Erhalt desselben daraus zu erwidern und e» richtigzustelleu, damit nicht nach den Gewohnheiten unserer Zeit die nicht sogleich widersprochene Behauptung alS Wahrheit genommen werde. Jene» Schreiben de» Bürgerelub' enthält folgenden PastuS t .Bielmebr verweist der .Bürgerclud'.daranf, daß bei der Borbesprechung von Seite der Mitglieder der GeineinderathSpräsidiuinr ausdrücklich erklärt wurde, er löiiiie >>ir die Duichbringung eine» Eandidateu jüdischer Nalion keine Haftung übernehmen und e» ersuche daher >mInter,sie desFliekenS dieBertreier de» andere» Elub ron der Noinrnirtiug eine» lüdische» Eandidateu Uiktgang zu nehmen." Darin ist WabtcS und Falsche» gemilcht. Tie Vertreter des Fort'ckrittlichen Parteiverbaude» baben freie Noniinirung ihrer Eandidateu verlangt. Heir Tr Lueger ungte durch einen Zwi-chenru'. daß er genau wußte, uin wa» es sich bandilt. Damit aber volle Klarheit berr-'che. fügten die Vertreter deS Forischiittlichen Parteiveibande« ausdrücklich bei, daß sie die freie Nominirung verlangen, auch wenn ein Jude unter de» üandikaten sei, un» daß, wen» eilt Candidat fallen gelassen werde, die anderen etwa Geu ädlten die Wahl nicht annehmen werden. Herr Tr. Lueger fand die Aufstellung die-'e» Grundsatzes begreiflich, erklärte, daß er für seine Perion nicht» gegen die Wahl einer Juden bätle, daß er bei eit «ei, fiir uii'er Verlangen im .Bürgerelub' einzutreten, daß er aber nicht wisse, rvaS derselbe beschließen werde. Et» förmliche» Ersuchen, ,im Jnlereste de» Frieden»' keinen Juden al» Eandidateu zu nominiren, wurde an un» nicht gestellt. Tamil wäre doch im Widerspruche gewesen, daß Herr Tr. Lueger für die unbeschränkte Nominiruriz einzntreten versprach, wäre im Widerspruche, daß er dafür auch tdattächlich eingetreten ist. Allerdings sind Air teulungen gemacht worden, daß e» den Herren lieber wäre, wenn fern Jude norninirt werde, e'rva», wa» sie un» wadrlich nicht erst anzudeuten brauchten." — Der Lemberger „Pr; egIon d" bespricht das Ergebniß der Wiener StadtrathS wablen und betont, daß durch dasselbe der Wunich deS Kaisers nach Herstellung geordneter Verbälmine in der Wiener Gemeinde den Zu'agen des Bürgermeisters S trobach und Lueger» entgegen nicht erfüllt werde. Schon gleich zu Beginn der neuen Gemeurdeäta fei er« Eonflier entstanden, welcher die Ge niülber von neuem leidenschaftlich erregt. Die Schuld daran trage ausschließlich die anli>'emiti>'che Gemeinderathsmehrdert. Statt des einträchtigen Zukainmei»- wirken» werde >eor wieder ei» bestiger Kampf enibrennen. Ter antisemitische Bürgerelub habe sich in dieser Angelegenheit unstreitig eine» Mißbrauches schru.ig gemacht, litte zwar zunächst in formeller Hinsicht, da e» nicht ängstig, tmt der Mrnorrtat de« Gemeinderathe» ein Eochpromiß zu vereinbaren, wenn dre Absicht bestände nach 'Nomruirung der Eandrdaten einzelne derselben abzu lebnen, dann aber auch tu meritorstcher Hinsicht Tenn die Antisemiten behaupteten bisher, daß sie da» christliche Volk von der Uebermacht.der Juden defreien wollen Allein dann, daß im Stadtralbe unter 22 Mitgliedern sich ein einziger Jude befinden >'ollte, hätte mau unmöglich die Uebermacht der Jud.n erblicken könneii. Die arrtiiemiti-che Majorität habe sich somit jetzt auf den St-.rd punku^gestellt, daß nicht bloß die. etwaige Uebermacht der Juden gebrochen, sondern -daß die Aus-chließung der Juden voa den öffentlichen Aemtern erfolgen « solle. Ter Antisemitismus erkenne nur die Gleichberechtigung der Ehristeu an,! spreche sie dagegen den Semiten ad. In der Praxi» taffe sich diese Theorie j kaum aufrechterhalte», und aus derselbe» müßte sich mit der Zeit eine allge- « meine confessionelle Exelusivität herausbilden. Zu welchen furchtbaren Conj sequenzen diese Theorie in früheren Jahrhunderten geführt hat, sei beispielsweise! auS der Geschichte England«, wo die irländischen Katholiken von sämmtliche» Bürgerrechten ausgeschlossen wurden, und au» den Vorgängen in Rußland, wo der katholische Glaube noch jetzt in vielfacher Weise in Bezug ans die Bürger rechte beeinträchtigt wird, hinlänglich bekannt. Der Kalholieismu» würde sicherlich in ganz Europa enorm dabei verlieren, wenn neuerdings die bürgerliche Gleich, berechtigung nach der Theorie der Wiener Antisemiten vom Glauben abhängig gemacht werden sollte. Die prineipielle Ausschließung der Juden vorn Stadtrathe zwinge die liberale Gemeindeminorität, welche an den Bestimmungen der Staal»grundgesetze sesthält, zu' einem hartnäckigen Kampfe und mache jene normale ruhige Arbeit im Wiener Gemeinderathe unmöglich^ welche nothwendigerweife begonnen werden sollte, um -fcie Autonomie der Residenzstadt vor weiteren Gefahren und Krisen zu bewahren — Am 3. Juni beantwortete Ministerpräsident Gras B a d e n i die Interpellation der Abgeordneten Dr. Exil er, N o »k e und Genosse» wegen der Wahlen in den Wiener Stadlrath folgendermaßen: „In Beantwortung dieser Anfrage erlaube ich mir zu erwidern, daß die von de» öffentlichen Blättern gebrachten Miltheilungen über die Vorgänge anläßlich des zwischen den Parteien dc» hiesigen GemeinderatbeS versuchten Compromiffe» wegen der Wahlen in den Sladlrath der Ausmerk-amkeit der l Regierung durchaus nicht eirtgange» sind. Daß die Regierung die Staats- ' grundge«'eye wahrt und deren Beachtung und Einhaltung zu überwache» be « rufeu und entschlossen ist, bedarf wohl keiner besonderen Versicherung. Speeiell « dein Wiener Gemeiiideralhe gegenüber hat erst jüngst der Slatthalier ve-n! Niederöstrrreich in Uebereinstimmung mit den Anschauungen der Regierung die» clS eine der ualurgemäßen VorauSsetzungeu für die Möglichkeit eines ge-! deiblichen Zusammenwirkens zwischen der-Slaal-gewalt und der Communal! Verwaltung präeisirt. Was zedoch den in der vorliegenden ZnterpeUation de > rührten Fall betrifft, so liegt für die Regierung, so sehr auch der Vorgang, von welchem GesichlSpuukle immer derselbe beurrheilt werden mag, zu be bedauern ist, kein Anläße vor, da e« sich um die freie Ausübung dc» Stimmrechte» innerhalb einer autonomen Körperschaft handelt, ihrerseits eine Zngerenz j platzgreifen zu lassen, zumal die Interpellation sich doch nur aus eine Thast'ache . bezieht, welche den Gegenstand interner Verhandlungen der Parteien untereinander! gebildet hat." Die antisemitischen Blätter sind mit dieser Antwort sehr zufrieden j und verhöhnen die Jnlerpellanlen. - (Gemkiildewahlrn in FloridSLors. > Aus Anlass der sür Ende Juni an! beraumten Gemeinderathswahleu in Floridsöots fand dort am '2. d. M. eine christlich-soeiale Wählerversammlung statt, die aber nnr sehr schwach besucht \ war. Erschienen waren Dr. P a 11 a i, der antiseyritische Cbmaun der Wiener | HandluirgSgehilfen. 31 r in a n tt, sowie eine Anzahl von Geistlichen au« den umliegenden Trtichafte», Pattai sprach über die Wiener Bürgermeisterwahl « und polemisirte gleich den übrigen Rednern, unter denen sich einige Geistliche « befanden, gegen die Liberalen. Alle Redner forderten die Versammelten auf, j nur dert christlich-socialen Eandidaten bei den kommendeu GemeinderathSipahlen! ihre Stimmen zu geben. Tbzwar die Versammlung erst gegen 9 Uhr AbendS ' eröffnet worden war, endete sie schon um 10 Uhr. Man hatte eine Störung durch « Social Temokralen besorgt, doch erwiesen sich die Befürchtungen als ganz unbegründet. ' (Für Bruck tine Novität.) Sonntag den 31. Mai machten Lueger. , Steiner und P o 1 z h o s e r einen Ausflug nach Bruck an der Leilha und , produeirten dort ihre in Wien schon bis zum Uederdruß bekannten Schimpf-! leistungen gegen Juden, „Juden-Liberale" und „Judäo-Magyaren". Für Bruck « waren diese Leistungen eine Novität, und antisemitische, Reporter betheuern, daß sit beim dortigen Pnblieum eine „glänzende Aufnahine" gefunden habe. Obdachlos.) Stöcker versuchte tu Stolp, dem früheren Wahlkreise I seine» Freunde« H a m m e r ft e i ein Local zu erhallen, um einen Vortrag zum Besten;u geben. Aber seine Bemühungen waren vergeblich da sämmtliche Loealbesitzer «ein Verlangen zurückwiesen. Oolksverräther. Ter Nation von Ungarbrüdern, Die Irans Leithain Feste hält, Solllen wir die Hand nicht reichen, Wells dem Lueger, nicht gefällt'? PolkSverräthcr nanin' er Jene, Die noch Sympalhie empfinden. Die in froher Feierstimmung Einen Weg »ach Buda finden. Arpad s Söhne, groß geworden. Freuen sich der schönen Tage: Drüben reine, edle Freude, Hüben Kampf und Haß und Klage!