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Freies Blatt · 1896-06-07 · 218 (7.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
218 (7.6.1896)
Date
1896-06-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Frei«» Blatt. Nr. 218. Seile 4. kein richtige- Berständniß bat, aber die Contraste sind meines Er achten-;u sebr in die Augen springend. Ein Halbmagnar. (Dik Kleinarbeit der „Bolklichen".! Ein freisinniger Deutscher schreibt uns ans Mähren: Die verkniffene, echt jesuitische Art und Weise der antisemitischen Coteric, die Wahrheit zu entstellen und dem dciikfaulcn Publicum ein $ für ein U;u machen, ist sattsam bekannt. Das Wort einegegenwärtig antisemitischen Wiener Datnrikcrs, daß der Antisemitismus an der antisemitischen Preffe zugrunde gehen würde, hat sich zwar bis jetzt noch nicht bewahrheitet, wir dürften aber thatsächlich davon nicht weit entfernt sein. Man fängt an, den Antisemitismus nicht mehr ernst zu nehmen, und lacht über seine Harlekinadcn und possirlichcn Eapriolcn. Was die sogenannten „Deutsch Bolklichen" wolle», ist eine geradezu Heiterkeit erweckende Musterkarte von Widersprüchen: die diesjährige Hauptversammlung des Deutschen DchulvereinS, welche zu Psingsten in Mährens Hauptstadt abgcbaltcn wurde, gab hicfür den lebendigsten Beweis. Wieder traten die „Deutsch Bolklichen" mit der Forderung heran, cS mögen die Statuten des Deutschen Dchnlvcrcins dahin geändert werden, daß die Aufnahme in den Deutschen Dchnl verein von dem Gutdünken der einzelnen Ortsgruppen abhängc, mit anderen Worten kurz und bündig gesagt, daß kein Jude in den Deutschen Dchnlvercin Ausnahme finden solle. Der Antrag siel zwar, aber die „Bolklichen" erklärte», nicht früher zu ruhen, bis er endlich doch dnrchdringcn werde. Das Hincintragcn raccnfcindlichcr Tollwüihigkcitcn in einen Enlturvcrein, wie es der Deutsche Dchnlvercin ist, trägt bereits 'eine Früchte — das Deficit des Dkut'chen Dchnlvcrcins im Betrage von rund 47.000 fl. ist ein Beweis hicfür, und wenn die „Bolklichen" mciiicn, daß durch den Hinauswnrf der Juden die -akademische singend neues l'cbcn in den Bcrein bringen dürfte, so sind sie zweifelsohne aut dem Hol;wcgc. Die deutsche akademische Tugend, welchq man heranzicben will, steht in Diensten Dchönercr'S, desselben Mannes, der in iirteutoiiiichcr Treue durch (Gründung eines Dchnl Vereins für Deutsche dem Deutschen Dchnlvercin den Todesstoß' vcr setzen wollte. Die „Bolklichen", welche von EinigkcilSphraicn förmlich triefen, sind cs, die jederzeit nnd allüberall, und so auch jüngst in Brünn, den Damen der Zwietracht mit vollen Händen ansstrcncn nnd dabei die Dtirn haben, sich als die Förderer nnd Dchützcr der „nationalen Arbeit" hin;nstcUcn. Die Inden Blährens tragen jährlich dem Deutschen Dchnlvercin direce und indircct mindestens die Hälfte iämintlichcr Ein nahmen ans Mähren nnd deshalb — so wollen cS wenigstens die „Bolklichen" — sollen sie ans dem Dcntschcu Dchnlvercin hinaus geworfen werden. Bicllcicht würden die „Bolklichen" gnädigst geruhen, daß ein Jude, den mau das ganze Fahr über beschimpft und geschmäht, gcohncigt nnd geprügelt hat, »in ihm die Dupcrioritüt arischer Eultnr beiznbringcn, einen doppelten oder dreifachen Jahresbeitrag leiste. Die „.Kleinarbeit" der „Bolklichen" bat cs bis jetzt dahin gebracht, daß ein großer «heil deutscher Juden Mährens frei und trank erklärt, mit dem Tcntschen Dchnlvercin nichts mehr zu thun haben zu wollen. In eikicm Bcrein, wo raccnwütlngc Wone und Tendenzen mit Glac,- Handschuhen abgewehrt werden, mit Herzensfreuden nnd Dclbstanf opsernng tu wirken, ist nicht nach Jedermanns Geschmack, die Marotten der „Bolklichen" mögen ihnen vielleicht viel Bergnügen nnd Dpaß machen, dciijenigen aber, der cs mit de» Eliltiirbcstrebungcn des deutschen Bolkcs in Dcstcrreich ernst meint, muffen sie anwidcrn und anekcln. ' Ter Dcuischc Dchnlvercin möge Fürsorge treffen, daß nicht der „-klein arbeil" der „Bolklichen" wegen ein großer Tkcil der treuesten nnd opserwilligstc» Anhänger des Tcutschcn Dchulvcrcius dcniselbcn ein für allemal den Rücken kehrt. Die . Teutich Bolklichen" mögen dann bei ihren Busenfreunden, den Ekristlich Docialcn nnd Elcricaleu, sich neue. Mitglieder werben. li. ll cZskrallt und Erwähn.» Die uveilc Dtraskainmcr in Easscl hatte nch vor wenigen Tage» als Berutniigsinsta»; mit der bekannten Brivatklagc des arrtifemitiidien Rcichstagsabgcordncten B'arrcr ISkrant gegen 4^ Bürger der Dtadt Eschwcgc;u beschäftigen, die Iskrant! wegen eines von bieten unter;cichneten WaKlflngblattcs bei der vor« : ihrigen Ersatzwahl angestrengt hatte. In dem Flugblattc hieß es, Iskrant habe stets nur Haß und Unfrieden gepredigt, er sei aus dem Amte cntlaffcn worden, und keiner seiner Eollcgen aus Westphalcn stelle ihm eine Kanzel mehr;ur Bertügung u. f. w. Da die Beweis ansnahmc einen Thcil der Behauptungen als der Wahrheit entsprechend ergeben hatte, waren die Angeklagten vom Dchöffcngcricht zu Eschwege, das ihnen auch den Dchutz des Dt. G B. zugebilligt hatte, treigcsprochen worden. Die hiegcgen eingelegte Bcrnsung Iskrant s wurde nun von der Dtratkannner in Eaffel aus denselben Gesichts punkten, die der Bordcrrichter vertreten, verworfen, Iskrant war persönlich erschienen, die Angeklagten vertrat Rechtsanwalt Heine »i a n n ans Eichwcge, der -daS Ergebniß der Beweisaufnahme als gerade;» beschämend für einen Mann bezeichnete, der die hohe Ehrenstelle eineS ReichStagSabgeordnctcn bekleide. — lieber das Anstandsgefühl eines zweiten AntisemitcnhäuptlingS wird aus Hamburg bc richtet: „I. Irwahn, ein Führer der Hamburger Antisemiten, ist wegen Dchüdigung nnd Gefährdung der Interessen des Bcreins für HandlungSconliniS von 1858 sowie wegen wissentlicher Beleidigung der BcrcinSleitung aus dem 1858er Bereine auSgeschloffen worden. Trotzdem hatte er sich in den Daal, än dem neulich die Generalversammlung dieses BereincS stattfand, cingeschlichen. Zuerst war von ihm und einem Gen offen, -ber sich Alfred Dtock nannte und ebenfalls dem 1858er Bereine nicht angehört, versucht worden, durch Gcldangcbot an den Portier dcS Dagcbiel'schcn Etabliffements, wie dieser in Gegenwart von Zeugen erklärte, cingelaffcn;n werden. Rachdcm cs ihnen nicht geglückt war, auf diese Weise Einlaß zu erhalten, sind beide Herren auf Dchlcichwegcn in den Daal cingcdrungen. Es war dieses aber alsbald zur Kcnntniß des Geschäftsführers des Bcreins gekommen, und cs schützte Herrn Irwahn nicht vor Entdeckung, daß er sich in dem im Keller gelegenen Anstandsortc verbarg. Der Portier fand ihn auch hier. Beide Eindringlinge wurden alsdann durch den Geschäftsführer zur schlcnnigcii Entfernung aus dem Dagcbici'schen Etabliffenicnt veranlaßt. Trotzdem hat Herr Irwahn nach Beginn der Generalversammlung noch einmal gewagt, den Bcriuch zu machen, auf Ilmwcgcn die 1'ogen des Bcrsamnilungssaaleö zu erreichen, um der Gencralversammlung bei zuivohnen. Hieran wurde er durch den Portier des Bcreins verhindert, der ihn trotz heftigen Widcrstrebcns hinausbcfördertc, nachdem er ihn beim Arm gcnomnien nnd auf die Bcrlctznng des Hausfriedens auf merksam gemacht hatte. Und dieser Herr Irwahn ist der Borsitzcndc des antiscinitischcn Deiitschnationalcn Handlungsgchilfenverbandcs, der sich allein für berufen hält, die sociale Frage im Handlungsgehilfen stände zu lösen!" (Antiscm im Cs outline mit Den Dtriifgeseyen.) Der frühere Dchriftführcr des antiscinitischen Bcrcincs in Trebur in Heffcn, MceS, ist wegen Urknndcnfülschnng und anderer verbrecherischer Handlungen;n 15 Monaten Zuchthaus und 5 Jahren Ehr Verlust vcrnrthcilt worden. Aus der banrifeben Abgeordnetenkammer.) Der Antisemitismus hat sich auch wieder einmal in "der bayrischen Abgeordiictenkammer geregt. Bei Berathung des. Etats der Kunstgcwcrbcschnlcn schlug Dr. Ra tzingcr einen antisciiitischcn Ton an,-indem er sagte: Weil die Inden daS t^elb haben, richten sich die Künstler nach deren Geschmack. Daher känicii die modernen Kiiiistcrschcinuiigcii. Wenn der Geldcinflnß der Inden gebrochen würde, werde cs auch da bester werden. Die Abgeordneten Maison inational liberal) und Dr. Günther ifrcisinnig) protcstirtcn energisch gegen diesen antisemitischen Ausfall und tadelten Ratzingcr, daß er immer die Inden heranzielic. Dr. Günther sagte: Bei jeder Gelegenheit eine Race verantwortlich machen, sei eine sittlich unzulässige Methode v. Bollmar (Docial Demokrat) sprach auch gegen die Ausführungen Ratzingcr's. 1'ctztcrcr hielt seinen anti scinitischen Dtandpunkt aufrecht nnd wandte sich gegen die „Juden preffe", welche die christlichen Feste vcrnnglinipsc. Dr. Günther trat Ratzingcr nochmals entgegen. 'Wenn ein jüdisches Blatt christliche Feste verunglimpft habe, so sei daS ebenso schändlich, wie wenn ein christlicher Dchriftstcller die israelitische Religion verunglimpfe. (Ablwardt und AüMilgata.) Einem amerikanischen Blatte ent nehmen wir folgende, durchaus nicht unwahrscheinlich klingende Anekdote: Dcit einigen Wochen weilt in Rcw z'iork der Held des ostasiatischcn Krieges, Graf Ba mag ata, zu Besuch. Delbstverständlich wird derselbe sehr gefeiert, cbcnio selbstverständlich ist es aber auch, daß er viele Bettelbriefe erhält: unter letzteren beferttb sich ein Brief A h l io a r d t's, welcher aber den Brief mit dem Bcrmcrk zurück erhielt, daß dem Adrcffatcn die Person des Absenders und seine Bestrebungen — Akl ward! hatte um Unterstützung im Kalnpfc für das uiiverfäffchtc Deutsch thum im AuSlande geschnorrt — vollständig fremd seien. Und da wollen die Javaner ein Eultnrvolk sein! (Aberglaube in bguplen.) In Alerandrien, woselbst die Ekolcra ausgcbrochcn ist, blieb die Garnison bisher von derselben gänzllch unberührt. Unter den Eingeborenen ist nun daS Gerücht verbreitet, die Engländer hätten die Deuche durch Bergiftung der Brunnen erzeugt, besäßen jedoch ein Gegenmittel. In der „guten alten Zeit" wurden bekanntlich in Europa derlei Beschuldigungen gegen die Juden erhoben, nnd die Antisemiten haben in unseren Tagen schon wiederholt den Bcrsuch gemacht, sie „zeitgemäß" zu erneuern. Wir erinnern mir an die vor einigen Jahren anläßlich der drohenden Eholcragefahr gegen jüdische Aerztc im niederöstcrreichischen Landtage ausgesprochenen Bcr dächtignngcn.

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