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Freies Blatt · 1896-06-07 · 218 (7.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
218 (7.6.1896)
Date
1896-06-07
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Statt. Nr. 218. Seite 2. dc» Brwcis führe», daß die Bekämpfung des Antisemitismus im riiionfte» Interesse des österreichischen Staates gelegen sei. Die Anliicinilen gehen darauf anS, die Machtstellung des Staates zu untergraben und die (Grundlagen unserer answärligen- Politik zu zerstöre». Die Vorsehung möge Oesterreich davor behüten, daß diejenigen rcactionäre» Elemente wieder die Oberherrschaft erlange», welche ^>aö Reich »ach Solfcrino und Königgrätz gebracht haben. > lebhafter Beifall.' Der Antisemitismus berge für den Staat dreierlei (Gefahren, eine nationale, eine kirchliche und eine sociale. Der Staat 'könne nur so lange seine GroßmachlsteUung behaupten, als die Rationell ihr Ralionalinlerefse dem Staats inierrffe nnterorduen. Wenn aber eine Ration auS dem ihr im Rahme» deS SlaatSganzen zngcwiesencn Gebiete hcranStrilt, sich als eine privilegirlc Ration fühlt und daS Recht zu haben glaubt. Jeden, der nicht der Ration angehört, zu beschimpfen, dann sei die Ruhe deS Staates gefährdet. Deshalb bestehe zwischender Bekäinpfnng des Antisemitismus in nationaler Bcziehnng eine Evincidenz zwischen Staat mid Indcnlhum. In kirchlicher Beziehung könne der Antisemitismus eine Gefahr für den Staat werden, weil er die heiligen Grundsätze der Humanität und der Rächstenliebe deS Ehristenlhums in ihr Gegciithcil kehrt. Die Enllnrbcdculung des Ehristeiillmms sei nnbestritlcn, aber die Kirche dürfe nicht über dem Staate stehen. Ti>enn aber auS religiösem Haste die Herrschaft einer Konfession gepredigt und alle Anders gläubigen ver'olgl werden, dann sei die Existenz deS Staates gefährdet. Denn wenn einmal der Terrorismus, der Glaiibenseinhcit oder vielmehr der Einheit der Giaiibeiisdetichclei plapgreifl, bleibe mmi nickt mehr bei den Inden stehen, sondern man gehe auch gegen Alle loS, die den Glauben nickt theilen oder nickt heucheln. Alio auch hier fallen Indcnlhum und Slaalsinteressc zliiammen. Aber auch in socialer Beziehung sei der AniisciniliSmuS eine große (Gefahr. Die ioeialcn Berliällniste haben fick durch den AntagoiiiSms - zwischen Kleingewerbetreibenden, Arbeitern und den IndnftrieUen heransgebildct. Besonders der Kleingeiverbetreibendc fühle den Druck ' der ungünstigen Berhälkiiiffe. An die'em trage aber nickt znm geringen Theile der Umstand schuld, daß wir voll den modernen technischen Erfindungen neck nickt den nolhwcndigcn (Gebrauch macken. Unsere Ervoii'ähigfeil steige nickt. Wir berci'en 'viel zu wenig andere; ('ander und trachten viel zu wenig, Industrie und Handel zu heben. Tie Engländer, ein Bolk deS Handels, seien rastloS thülig. - Wenn inan aber gegen die „Halb Engländer" in unserem Staate, die Inden, welche, in Folge des auf ihnen lastenden Druckes von den ineistcn Berufsarien ausgeschlossen, sich größtentheilS dem Handelsstaude gewidmet haben, «»greife und lahmlege, dann per nickte man last den einzigen Factor, der Handel und Industrie im , Slaaic pstege. und schädige io den Staat ans das Einpnndlichste. In diei-r Hinstckk ’iri namenilich Spanien ein warnendes Bei spiel Beiiall T:e Bckäuivinng d,s Antisemitismus fei daher ' iin Stualsini.reste gelegen, und eS wäre die Pstickt eines l weiinckligen Siaalsniannes, einer so zerstörenden, den Frieden, die Ruhe und die Großinachlstellnng des Staates gefährdenden Bewegung ZN steuern, ihr mir allen Mitteln cnlgcgenzntrclen.! Bei'all. - T: i Tr Fcilbo.zcn kau, im Vaur'e feines Borträges darauf zu sprechen, daß die AngK.'e tcr Eonfcssion ans cincin östcntlichen ' Tocu»ie::te aegen den E'eist der Slaaisgrundgesepe verstoße, und d.laute, daß es dem Inden großen Rachtbcil bringt, wenn er in euleu, aintlickcn Schriftstücke mit dem „gelben Fleck" behaftet cr- 'ckei-ae. Er bracktc 'olgniden jvall zur Sprache: Ein Einjährig- »rreiw'llig-r. welcher bei der Eavalleric diente, war ein ausgezcick neler Realer, bestand die Prüfungen sehr gut und wurde von den O'':c eren.'die ibn kannten, als zum Orstcicr vorzüglich geeignet >". k.arl, dagegen ran jenen Ossiciercn des Regimentes, die ihn nickt kannten, nur deshelb zurüekgewieseii. weil in der OnallsicationSi ste das Bä an „Jude" stand. Was habe die Eonfefsion mi: eii'.en: E'umnasialzengiiisse zu tbun, waS iolle die Angabe der (dcnfe'sion beim Einziehen in eine Wohnung? Ja eö fei so wei gekommen, daß die Mehrheit der Eommunalvertrelnng die Stadt ra'.hssteljen nur rär Ehristen reclamire. Einem derartigen Bcrstoße gcg.n die staategrnndg'eseplick gewährleistete Gleickberechtignng müsse man eiuichietcn .i.lgegcntrelcn. « BcifaU,. Diesen Ausfüh rungen eni'prechend beantragte Tr. Feilbogcn am Schlüsse seines Borlrages nachstehende Resolution: . L:e t'v.'aalmtam'.iUuiu'i des Vereines zur Abwehr des Anti fenuiisinu» niächligi. das Vrändium bei pasicnder Gelegenbeil au die geiepgcdenden Körvc'.'ckoslen und an die hohe Regierung mit dem An-! juchen Keranzutreten, es habe in den von den öffentlichen! Behörde» ausgestellten Docu in eilten oder für öffentliche Behörden b e st i m in t e n Anmeldungen die Angabe der E o li tcffi on z n entfallen, da cS nach den Staats grundgesepen den Behörden nicht erlaubt ist, die Angabe der Angehörigkeit zu einerEoilfefsion zu fordern. Rachdei» die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommeil worden war, entspann sich noch eine lebhafte Debatte, a» welcher sich die Herren Frankl, M i ß l a p, BezirksauSichuß W a l dst e i n, S l ö r k, R o t h; i c g e l und Frau Morgenstern betheiligten. Erstcrer protestirle gegen die Berleumdungen und Beschimpfuiigcil Ungarns durch die Antisemiten, welche nur daS freundschaftliche Berhällniß beider ReichShülflen stören lönnc». Herr Mißlap stattete dem Borstande für feine unermüdliche Thätig-. keit im Interesse deS Bereineö den herzlichsten Dank ab. Herr Stärk bedauert eS, daß jüdische Ehefs teilte in ihren Dienste» bchallcn, welche offene und cnlschicdene Antisemiten sind, und so den Fallolismns züchte». Herr Rothzicgel wünschte den Anschluß deS BereiiitS an die Social-Dcmokralic, wogegen aber Bezirks auSschuß Waldstein energisch Einsprache erhob. Frau Morgenstern beantragte die Abhaltung monatlicher geselliger Zusammenkünste mit Ausnahme der Sommermonate, damit die Tagesfragen besprochen werden n»d die Mitglieder in stetem Eontacte bleiben sollen. Dieser Antrag wurde aiigeiiommen nnd sodann die Bcrsammlung nach zweistündiger Dauer geschlossen. An dieselbe reihte sich ei» geselliger- Abend, der einen animirten Verlauf nahm und' die Mitglieder deS AbwehrvercineS noch lange bcifammcnhielt. lU Pie mirttycbaftlicbcn und ’fociabpolitifeben I?lufgaben einer liberalen Partei. In den letzten Tagen wird viel und nicht zum Mindesten von den tonangebenden Personen der Bereinigten Buken selbst von einer Berjüngung der liberalen Partei gesprochen .und als eines der fräf tigste» Mittet zur Pälingcncfe die lebhaftere Bcthälignng an der wirth schairtichen und social poliiüchcii Rcforuiarbcit bezeichnet. Wir hören mit Vergnügen die Botschaft, aber wenn wir nicht so leichthin glauben können, so liegt die Schntd daran, daß wir innerhalb der jcpigcn liberalen Partei nicht das nölbige Ausmaß social politischer Ideen, aber noch viel weniger die unerläßliche Harmonie und Klarheit der wirth schaftlicken und social politischen Standpunkte vorausseycn könne». In der Vereinigten Viiifnt sipl ein gewesener Ministrr, welcher sich während 'einer kurzen AmlSkbätigkeit geradezu überhastete, nm die christlich socialen zünstlerischen Wirthschattsidecn auf gewerblichem (Gebiete legistifch zu verwirklichen. Einer der Haupttührcr der (sinken, derselbe, welcher jepi für Sic Verjüngung der Vgrtci in wirtbschafrSpolitischci» Sinne eiitlriil. sprach sich vor wenigen Monaten stir den Vesäbigiinasnäüiweis in Sc» Handclsgcwcrbcn auS: eS in kein Gchcimuiß, daH ein großer Tbeil dieser großen und heterogenen Partei aus dein Standpunkte steht, man innsie in den brennenden Gcwcrbcfragcn »ach der Richluüg der beule in bürgerlichen Kreisen herrschenden Bkcinung einlenken. Ein anderer Thcil paelirt jept schon mit den noch nicht parteimäßig or ganistrten Agrariern und Kats in dem letzten parlamentarischen Ar beilStaKrc bei einer ganzen Reihe von Vorlagen diesen begehrlichen Hcrrschasrcn die Sake zur Mühle tragen. Ein kleiner Thcil unserer Ciberalen. vorwiegend die jüngeren Kräfte, welche mitunter zu schönen Hoffnungen berechtigen, euliivirt jenen beule leider so häufig auf tretenden HermapbrodntcntupuS, in welchem iocialistischc, auf die staatliche Oberhoheit in wirthichattlichen Tiugen hinauslausendc Ideen mit politischem (sibcraliSnius breiartig zuiamlnensticßcn: ob cS in der libc" raten Partei auch Politiker gibt, welche sich der Erisienz wirklich liberaler Wiridschafksideen bewußt sind, in kaum zu tagen: die Erfahrung weist hievon nur sehr schwache Spuren auf. Wenn wir nicht besonders sanguinisch von der Rcubelcbung der liberalen Partei auf dem augedcutetcn Wege denken, so hat das also seine guten (Gründe. Wir fürchten, daß, wenn innerhalb der Partei ans wirlbschattlichem und social polisischem Gebiete überhaupt eine ein kciiliche Idee zum Durchbruche käme, dieselbe in jenem, zwischen Re aerion nnd SoeialiSmus schwankenden Changeant schillern würde, welches beute eben Modefarbe ist. ES bedarf aber doch nicht erst eines Beweises, daß auch das wirthichaftliche Programm einer liberalen Parier wirklich liberal fein müsse. Es gehört freilich heute medr-Muth dazu, die Fahne der unbedingten wirthschastlichen Freiheit den von rechrö und links anstürmcnden Gegnern zum Trope hoch zu halte», als in die billigen Phrasen von der Abgelebtheit und Verderblichkeit des Iat4seL-kaite-Standpunkres cinzustimmen z es gehört auch ein mehr als oberflächliches Berständniß für die Functionen des socialen Körpers

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